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26.07.2016

02:21 Uhr

Yahoo, AOL und Verizon

Alt plus alt gleich Zukunft

VonAxel Postinett

Warum kauft der größte Mobilfunkbetreiber der USA einen Internetdinosaurier, der gleich mehrere Entwicklungen verschlafen hat? Auf den zweiten Blick zeigt sich der Nutzen – und auch die Gefahr für den Datenschutz.

Das Rätselraten hat ein Ende: Verizon kauft den angeschlagenen Internetpionier Yahoo. AFP; Files; Francois Guillot

Yahoo

Das Rätselraten hat ein Ende: Verizon kauft den angeschlagenen Internetpionier Yahoo.

San FranciscoAmerikas größter Mobilfunkbetreiber Verizon kauft Yahoo. Es ist beinahe ein Treppenwitz der Geschichte, dass ein Telekommunikations-Unternehmen seine Versäumnisse aus vielen Jahren mit der Akquisition von Unternehmen wettmachen will, die ihrerseits an ihren Versäumnissen der letzten zehn bis 15 Jahren gescheitert sind.

AOL hat schlicht den Sprung vom geschlossenen Abonnementsystem in das freie Internet verschlafen und wurde am Ende von Verizon aufgekauft, Yahoo hat im Grunde den Suchmaschinenmarkt, die sozialen Netzwerke und die mobile Revolution nacheinander verschlafen – und sich nicht wie Google oder Facebook vom Gemischtwarenladen zum fokussierten Webgiganten entwickeln können. Daran gemessen ist es schon erstaunlich, wie lange das Unternehmen mit dem Ausrufezeichen im Logo überhaupt überlebt hat.

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Der Plan von Yahoo-Chefin Marissa Mayer ist nicht aufgegangen. Yahoo sollte wieder mit den Größten der Branche mithalten. Doch sie sieht sich nicht als gescheitert an. Auch weil ihre ein großzügiges Abschiedspaket winkt.

Trotzdem können beide Akquisitionen zusammen ihren Zweck mehr als erfüllen. Yahoo-Webseiten haben immer noch hunderte Millionen Besucher jeden Monat; sie sind die meistbesuchten Webseiten hinter Google und Facebook. Einen Mangel an Nutzern gab es nie, aber an ihnen verdiente Yahoo erschreckend wenig Geld. Das wird sich ändern: AOL liefert jetzt zusätzliche Inhalte und die ausgefeilte Technik, mit der man diesen Nutzern zielgerichtet die passende Werbung verkaufen kann.

Das wiederum katapultiert Verizon in eine völlig neue Dimension. Der Konzern weiß, wo sich seine Smartphone-Kunden gerade aufhalten, ob sie auf einer Straße in einer fremden Stadt sind oder gerade zuhause vor dem Fernseher sitzen, und wenn, welches Programm auf ihrer Set Top-Box eingeschaltet ist. Das ergibt ein geräteübergreifendes Bild des gläsernen Konsumenten, das nicht einmal Facebook vorweisen kann.

Wichtige Momente der Yahoo-Geschichte

1994

Die Studenten Jerry Yang und David Filo gründen „Jerry und Davids Wegweiser für das World Wide Web“, ein nach Themen geordnetes Verzeichnis von Webseiten. Wenig später ändern sie den Namen in Yahoo.

1996

Yahoo geht an die Börse.

2000

Yahoo ist zeitweise mehr als 120 Milliarden Dollar wert. Anders als der Konkurrent AOL, der Time Warner übernehmen will, nutzt der Internet-Pionier die Bewertung nicht für einen großen Deal. Mit dem Platzen der Internet-Börsenblase fällt die Aktie um rund 90 Prozent.

2002

Yahoo-Chef Terry Semel versucht, für drei Milliarden Dollar Google zu kaufen. Die Gründer Larry Page und Sergey Brin lehnen ab.

2004

Yahoo versucht, ein eigenes Suchmaschinengeschäft aufzubauen.

2006

Semel, ein früherer Chef des Filmstudios Warner Brothers, will Mark Zuckerberg für eine Milliarde Dollar Facebook abkaufen. Zuckerberg überlegt, entscheidet sich aber gegen einen Verkauf.

2008

Microsoft bietet rund 45 Milliarden Dollar für Yahoo, um sein Web-Geschäft im Konkurrenzkampf mit Google aufzurüsten. Mitgründer Yang, der Semel inzwischen an der Spitze abgelöst hatte, lehnt ab.

2009

Microsoft liefert in einem auf zehn Jahre ausgelegten Deal die Suchmaschinen-Technologie für Yahoo.

2012

Nachdem mehrere Top-Manager scheitern, holt sich Yahoo Google-Managerin Marissa Mayer an die Spitze. Sie will das Mediengeschäft ausbauen und wieder in die Websuche zurückkehren.

2013

Mayer kauft für rund eine Milliarden Dollar die Blogplattform Tumblr, um jüngere Nutzer anzulocken.

2015

Yahoo will den rund 30 Milliarden Dollar teuren Anteil von 15 Prozent am chinesischen Online-Riesen Alibaba steuerfrei für die Aktionäre abspalten. Die US-Steuerbehörde signalisiert jedoch, dass sie den geplanten Deal nicht durchgehen lassen wird.

2016

Yahoo stellt sein Web-Kerngeschäft zum Verkauf, die Beteiligungen an Alibaba und Yahoo Japan sollen in der alten Gesellschaft bleiben. Der US-Telekommunikationskonzern Verizon übernimmt im Juli das Kerngeschäft für 4,83 Milliarden Dollar (4,4 Milliarden Euro).

Das Center for Digital Democracy, das die Übernahme vehement kritisiert, weist bereits darauf hin, dass Yahoo eine Zielgruppe anspricht, die auf 2,7 Milliarden Geräten insgesamt pro Tag 165 Milliarden Aktivitäten ausführen. Verizon bringt rund 112 Millionen Mobilkunden mit in die Ehe. Deren Daten, zusammengeführt mit dem Meer an Informationen, die Yahoo über 20 Jahre lang von seinen Kunden eingesammelt hat, sind eine mächtige Ausgangsbasis für die neue Generation digitaler Medienunternehmen im mobilen Internet des 21. Jahrhunderts.

Aber die Übernahme ist auch eine Herausforderung für den Datenschutz. Die US-Regulierungsbehörden sollten genau hinsehen, was dieser Zusammenschluss auslöst. Im Zweifel sollten sie Brandmauern einziehen. Auch Europas Regulierer sollten den Zusammenschluss aufmerksam verfolgen. Denn Europas Telekom-Unternehmen und Internetprovider werden sich auch auf die Suche nach digitalen Verlierern machen, die sie wieder zu Gewinnern machen können.

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