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02.01.2013

10:44 Uhr

Zeitungsverlage im Internet

Türsteher statt Supermann

VonChristof Kerkmann

Wie können Medienhäuser im Internet Geld verdienen? Im neuen Jahr wollen etliche Verlage versuchen, Bezahlmodelle zu etablieren. Doch die Schranken dürften ziemlich durchlässig sein. Ein Überblick.

Viele deutsche Zeitungsverlage wollen im Internet Bezahlschranken errichten. Unter den großen überregionalen Blättern macht „Die Welt“ den Anfang. dpa

Viele deutsche Zeitungsverlage wollen im Internet Bezahlschranken errichten. Unter den großen überregionalen Blättern macht „Die Welt“ den Anfang.

DüsseldorfAusgerechnet der mächtigste Mann des Planeten kehrt der gedruckten Zeitung den Rücken. Der Reporter Clark Kent, besser bekannt in seiner Rolle als Supermann, verlässt in der jüngsten Folge der Comic-Reihe sein angestammtes Blatt „Daily Planet“ und wird Blogger.

Wer den klassischen Medien etwas Böses will, mag in dieser Geschichte ein Signal sehen. Doch die Verlage setzen nicht auf fliegende Superhelden. Immer mehr denken stattdessen laut darüber nach, virtuelle Türsteher aufzustellen und für bestimmte Inhalte Eintritt zu verlangen.

Denn um die vielerorts schrumpfenden Einnahmen mit Printprodukten wieder auszugleichen, wollen sie zumindest für einige ihrer jahrelang kostenlosen Online-Produkte Geld verlangen – nicht nur fürs E-Paper, das auf dem iPad der echten Zeitung durchaus ähnlich sieht. Wenn die deutschen Verlage ihre Ankündigungen wahr machen, könnte 2013 das Jahr der Bezahlschranke werden. Allerdings einer ziemlich durchlässigen.

Springer-Chef Döpfner: „Freibier-Kultur wäre Selbstmord“

Springer-Chef Döpfner

„Freibier-Kultur wäre Selbstmord“

Mathias Döpfner glaubt, dass die Branche nur mit Bezahlinhalten überleben kann.

Unter genauer Beobachtung steht derzeit der Axel-Springer-Verlag: Das Medienhaus redet viel und seit langem vom Bezahlen im Netz und hat im Dezember beim Online-Auftritt seiner Zeitung „Die Welt“ eine Art Mauthäuschen aufgestellt, auch für die „Bild“ will es bald in einer noch nicht bekannten Form kassieren.

Allerdings ist die Kontrolle bei der „Welt“ nicht sehr strikt: Nach dem Vorbild der „New York Times“ können Besucher jeden Monat bis zu 20 Artikel gratis lesen – danach werden sie dazu aufgefordert, ein Abo zu Monatspreisen ab 4,50 Euro abzuschließen. Um die Diskussionen in Sozialen Netzwerken nicht abzuwürgen, sind Links von Facebook und Co immer kostenlos erreichbar, ebenso Verweise von Suchmaschinen und anderen Seiten – die Reichweite soll nicht leiden. Auch die Startseite blockiert der Verlag nicht.

Die Geschichte der Bild-Zeitung

Der Vater der Bild-Zeitung

Axel Springer hatte ein großes Ziel: Er wollte "das größte Zeitungshaus Europas" schaffen - und es gelang ihm. Streitbar war der Verleger der Bild-Zeitung immer, aber besonders Ende der 60er-Jahre. Der Historiker Tim von Armin hat Springers Leben in seiner Biografie "Und dann werde ich das größte Zeitungshaus Europas bauen" (Campus Verlag) festgehalten. Es folgt der spannende Teil über die Einführung der Bild-Zeitung.

Die Vorbilder

Inspiriert wurde Axel Springer von der Hamburger Morgenpost und dem britischen Daily Mirror. Beide zielten auf die Psyche des Ins-Büro-Fahrenden, wie Springer es ausdrückte. Damals war es ungewöhnlich, dass Tageszeitungen auf dem Weg zur ARbeit erworben wurden.

Die Idee

Axel Springer persönlich war die treibende Kraft der Bild-Zeitung. Viele Details der Gründungsphase sind nur spärlich überliefert. Die Idee war von Beginn an eine am Morgen erscheinende, niedrigpreisige Boulevardzeitung. Vorbilder gab es nicht nur im Ausland ...

Die Preis-Strategie

Die Bild-Zeitung sollte der Preisführer unter den deutschen Zeitungen und schon für zehn Pfennig zuhaben sein. Das entspricht dem Bestreben, die Bedürfnisse der breiten Bevölkerung zu erfüllen. Hier sah Springer ein enormes Absatzpotenzial.

Wie es zu nackten Frauen kam

Natürlich gab es das Seite-1-Mädchen (übrigens jüngst in den Innenteil verbannt) damals noch nicht. Aber klar war von Beginn an, dass der Name "Bild"-Zeitung kein Zufall war. Springer war fasziniert von der fortschrittlichen anglo-amerikanischen Presse und der konsequenten Betonung visueller Effekte.

Das Logo

Die vier dicken Buchstaben gibt es noch heute. Entworfen hat das Logo der Werbegrafiker Günther T. Schultz, ein langjähriger Freund Springers. Über den vier Lettern stand "10 Pfg" und darunter Zeitung".

Die Seite Eins

Die erste Seite 1 der Bild-Zeitung sah völlig anders aus als heute. Sie bestand ausschließlich aus Fotos und Unterzeilen. Plus natürlich die dicke Überschrift. Die Fotos waren schwarz-weiß und entsprechend groß. So sollte die Wirkung der Bilder voll zur Geltung kommen.

Kritik daran gab es im Verlagshaus durchaus. Doch Springer setzte sich durch gegenüber der Meinung, dass eine Seite 1 nicht nur aus Bildern bestehen könne.

Die Einführung der Bild-Zeitung

Die Druckkosten-Kalkulation gab es im Oktober 1951. Es folgten viele Gespräche mit führenden Verlagsvertretern. Die erste Ausgabe hielten Leser am 24. Juni 1952. Die erste Auflage lag bei 500.000 Exemplaren. Sie wurden kostenlos in Hamburg verteilt.

Springer nutzt die kurz darauf beginnenden Olympischen Spiele in Helsinki, da gerade zu dieser Zeit das Informationsbedürfnis der Leser besonders hoch war.

Erhebliche Startschwierigkeiten

Ein Erfolgsmodell von Beginn an war die Bild nun wahrlich nicht. Trotz der vielen Bilder auf der Seite 1 und den boulevardesken Inhalten inklusive der Sinnsprüche und der berühmten Kolumne "Hans im Glück" war das Interesse am ersten Verkaufstag (25. Juni 1952) gering. Bis Ende 1952 lag die durchschnittliche verkaufte Auflage bei 165.000 Exemplaren und es war keine Besserung in Sicht.

Die Wende

Axel Springer hielt aber an seinem Vorhaben fest - ließ aber mit sich reden. Umfang und Bedeutung der Textelemente wurden erhöht. Im Januar 1953 sagte Springer: "Wir müssen mehr Text machen." Es folgte ein experimenteller Prozess. (Wenig) Sex und (viel) Crime machten den wesentlichen Teil aus. Bis 1958 wuchs die Zahl der Redakteure von einer Handvoll auf über 100.

Der Durchbruch

Der Erfolg setzte nach rund einem Jahr ein. Neben der redaktionellen Umgestaltung halfen auch Verbesserungen beim Vertrieb. Im September 1953 wurden erstmals über eine Million Exemplare verkauft. Ein Jahr später war die Bild Europas größte Tageszeitung.

Springers Rückzug

Nach dem Durchbruch der Bild zog sich Axel Springer aus dem redaktionellen Tagesgeschäft zurück. Prägende Chefredakteure werden in den kommenden Jahren Rudolf Michael, Peter Boenisch und Günter Prinz.

Die Bezahlschranke ist ohnehin mit geringem Aufwand zu umgehen. „Wir werden es nicht schaffen, ein absolut sicheres Modell einzuführen“, sagte Springer-Chef Mathias Döpfner der Wochenzeitung „Die Zeit“. Mit „krimineller Energie“ könne man alles hacken – „aber wir können den virtuellen Raub, nur weil er heute gesellschaftlich anders wahrgenommen wird, moralisch nicht mit mildernden Umständen beurteilen“, betonte Döpfner. Zudem nahm er die anderen Verlage in die Plicht. Entscheidend sei die Frage: „Wie viele andere Verlage ziehen mit? Wenn es viele sind, dann haben alle eine große Chance“, sagte er im „Manager Magazin“.

Die anderen großen Medien bekennen sich zum „Paid Content“, wie der Verkauf von Inhalten im Netz in der Branche häufig genannt wird. Die Formate sind allerdings oft noch unklar. Was sich abzeichnet: Das Grundangebot bleibt bei den meisten kostenlos, gezahlt wird für Extras.

Der „Spiegel“ will Online- und Printredaktion stärker verzahnen, außerdem zusätzliche kostenpflichtige Angebote einführen. Bei „Stern.de“ soll es ein digitales Schaufenster plus Zusatzinformationen für zahlungsfreudige Kunden geben, wie Chefredakteur Frank Thomsen der Agentur dapd kürzlich sagte. Das „Handelsblatt“ vermarktet bereits Dossiers und Pakete auf der ansonsten kostenlosen Website. „Süddeutsche“ und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ wollen ebenfalls Online-Inhalte verkaufen – in welcher Form, ist allerdings noch nicht bekannt.

Kommentare (2)

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Zahlungsfreudig

02.01.2013, 14:15 Uhr

"schwierig ... für Nachrichten Geld zu verlangen, die es anderswo kostenlos gibt."
Eben da liegt das Problem: es gibt nur wenige 'echte' Nachrichten, dafür aber sehr viele Autoren, die anderswo abschreiben.

Zahlungsunwillig

02.01.2013, 21:25 Uhr

Was ist eigentlich aus der Idee der Zwangsgebühr für Internetbenutzer geworden, die dann nach Auflagenschlüssen unter den Verlagshäuser verteilt werden könnte? Wo doch jetzt die neue Wohnungssteuer fürs fernsehen und Rundfunk eingeführt wurde, würde das bestimmt Leben in die Diskussion bringen :-)

Da mir in der Regel bei den allermeisten Angeboten a)angepasste Agenturware, b) anderweitig abgeschriebener Inhalt, oder c)tendenziöse, vorgefertigte Meinungen mit erzieherischem Ansatz geboten werden, aber eben kein authentischer Journalismus mehr, der berichtet und erklärt statt zu belehren, der aufdeckt und entdeckt statt von der Pressekonferenz zu erzählen, ist mir das Massenangebot nicht einen Cent wert.

Als erstes werde ich auf andere deutschsprachige, dann auf ausländische Medien ausweichen, die man jetzt ohnehin schon braucht, um an den Kern der Wahrheit per Quervergleich zu kommen. Und wenn das dann auch nicht mehr geht, werden sich sicherlich Verwertungsgemeinschaften im Internet bilden. Und wenn das dann auch nicht mehr ginge, dann würde ich eher eine Wochenzeitung wie die Junge Freiheit in Kombination mit einem taz Abo, dass ich mir mit Nachbarn teilen würde, leisten (also zwei gegensätzliche, kleine, noch vertretbare Extreme), bevor ich je einen Cent für ein Erzeugnis des Springer Konzerns, den Spiegel, die Zeit, SZ oder noch schlimmer die Dumont-Machwerke ausgeben würde.

Das Handelsblatt, die Wirtschaftswoche sowie die FAZ sind dabei für mich nur schwer ersetzbar. Bei denen würde ich vielleicht einen geringen Pasuchalbetrag pro Monat bezahlen. Aber bei allen anderen genannten: NJET.

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