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06.11.2013

10:01 Uhr

Zweifelhafte Milliardenwerte

Twitter und die nächste Tech-Blase

VonChristof Kerkmann

Twitter ist unprofitabel – trotzdem reißen sich die Anleger um die Aktien. Auch andere verlustträchtige Technologie-Unternehmen wie Snapchat oder Pinterest stehen hoch im Kurs. Entsteht im Silicon Valley eine neue Blase?

Twitter droht ein Börsen-Drama

Video: Twitter droht ein Börsen-Drama

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DüsseldorfDer Hype ist riesig: Wenn Twitter in dieser Woche an die Börse geht, dürften viele Anleger leer ausgehen. Die Aktie ist mehrfach überzeichnet, und das, obwohl das Unternehmen die Preisspanne bereits auf 23 bis 25 Dollar angehoben hat. Bis zu 13,6 Milliarden Dollar wäre das Soziale Netzwerk zumindest wert – eine optimistische Bewertung für ein Start-up, das weit davon entfernt, Gewinne zu machen.

Nicht nur Twitter ist so gefragt: Die Börsenkurse vieler Technologie-Unternehmen steigen stetig. Zudem können sich Start-ups wie Pinterest und Snapchat praktisch aussuchen, von welchen Kapitalgeber sie Geld nehmen wollen. Bei den Finanzierungsrunden werden sie auf Milliarden taxiert, ohne je nennenswerten Umsatz gemacht zu machen. Und so stellt sich die Frage: Wächst da gerade eine neue Technologieblase, ähnlich wie im Dotcom-Boom der späten 90er-Jahre? Oder ist es dieses Mal anders?

In der Welt der Nachrichten ist Twitter ein Riese. Promis, Politiker und Päpste melden sich dort zu Wort, Breaking News verbreiten sind in Windeseile – der Dienst hat sich zu einem wichtigen Medium entwickelt. Doch diese globale Bekanntheit hat das Unternehmen bislang nicht in Gewinne ummünzen können. Der Umsatz legte im dritten Quartal auf 167 Millionen Dollar zu, angesichts hoher Ausgaben für „Forschung und Entwicklung“ wuchs der Verlust aber auf 65 Millionen Dollar. Im Vergleich zu manchem wenig bekannten Mittelständler in der deutschen Provinz ist Twitter noch ein Zwerg.

Zahlen und Fakten zu Twitter

Nebenprodukt mit Erfolg

Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

Idee von vier Freunden

Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

Intrigen und Machtkämpfe

Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Auf ihn folgte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig. Der wiederum verließ das Unternehmen im Juli 2015. Jack Dorsey kehrte als Interimschef zurück.

Durchweg in den Miesen

Bislang hat Twitter die Erwartungen der Börse noch nicht erfüllt. Das Unternehmen hat trotz steigender Umsätze noch nie Gewinn gemacht.

Zaghaft im Werbegeschäft

Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Werbung, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit bezahlten Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen, im zweiten Quartal 2015 auf 452 Millionen Dollar .

304 Millionen Nutzer

Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter im zweiten Quartal 2015 rund 304 Millionen Nutzer pro Monat.

Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

Damit das Unternehmen die hohen Erwartungen erfüllen kann, muss es ihm gelingen, die Nutzer dauerhaft an sich zu binden, anders als Soziale Netzwerke wie MySpace oder StudiVZ. Mehr noch, es muss deutlich mehr Fans gewinnen – zuletzt ließ das Wachstum indes nach. Und es muss eine Formel entwickeln, wie es möglichst effizient Werbebotschaften in den Strom der Kurznachrichten schleust, ohne die Nutzer zu verärgern. „Noch hat Twitter nicht bewiesen, dass es in der Lage ist, das zu kapitalisieren“, sagt Börsenexperte Börsenexperte Dirk Müller.

Dass ein Internet-Unternehmen die hohen Erwartungen erfüllen kann, zeigt Facebook. Die Aktie des Sozialen Netzwerks stürzte nach dem Börsengang zwar ab, liegt aber inzwischen wieder über dem Ausgabewert. Allerdings lassen sich die beiden nur bedingt vergleichen: Facebook war damals mit fast einer Milliarde Mitglieder nicht nur deutlich größer, sondern auch bereits profitabel. Aber an der Börse geht es weniger um das Hier und Jetzt als um Erwartungen.

Neben Twitter werden auch andere Internet-Aktien heiß gehandelt. Investoren warnen vor einer Blasenbildung: „In einigen Namen ist zu viel Optimismus eingepreist“, sagte Fondsmanager Sebastian Thomas von Allianz Global Investors dem Handelsblatt. Auch wenn der Überschwang längst nicht so groß ist wie kurz vor der Jahrtausendwende, als mehr junge Firmen zu höheren Bewertungen an die Börse gingen.

Viele Risikokapitalgeber im Silicon Valley versuchen, schon frühzeitig interessante Unternehmen zu finden – lange bevor ein Börsengang überhaupt infrage kommt. Auch hier lassen sich Übertreibungen beobachten. Das Foto-Portal Pinterest etwa, erhielt von jüngst Investoren 225 Millionen Dollar, bei einer Bewertung von 3,8 Milliarden Dollar. Dabei liegt der Umsatz praktisch bei null. Das wichtigste Kapital sind die 50 Millionen Nutzer, die Fotos von ihren Lieblingsplätzen und Haustieren, von Kleidern und Schuhen an ihre virtuelle Pinnwand heften – und eines Tages vielleicht auch auf Werbung klicken. Das Format zumindest eignet sich dafür.

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