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14.01.2010

09:28 Uhr

Japan Airlines

Ein Management-Guru übernimmt den Steuerknüppel

VonFinn Mayer-Kuckuk

Japan Airlines trägt ein schweres Erbe: Milliardenschulden belasten die Bilanz, die Strukturen des Unternehmens gelten als verkrustet und ineffizient. Den Neuanfang soll nun ein 77-Jähriger schaffen. Wirtschaftslegende Kazuo Inamori übernimmt die Führung der angeschlagenen Fluglinie.

Gefragte Management-Legende: Kazuo Inamori soll Japan Airlines sanieren. Reuters

Gefragte Management-Legende: Kazuo Inamori soll Japan Airlines sanieren.

TOKIO. Im Jahr 1959 unterschrieben Kazuo Inamori und seine Kumpane mit ihrem eigenen Blut die Grundsätze ihrer Geschäftsphilosophie: Zur „Verbesserung der Welt“ solle ihr neu gegründetes Unternehmen Kyocera beitragen, lautete ihr Versprechen. Wer Inamori heute sieht, dem fällt erst nicht auf, wie bitter ernst der ältere Herr es mit seiner Managementphilosophie meint. Er lacht viel, tritt stets heiter, gelöst und fröhlich auf. Doch in seiner Denkweise lässt der 77-Jährige keine Kompromisse zu.

„Prinzipien zu brechen, das führt in den geschäftlichen Untergang“, sagt er. „Viele Manager haben eine Philosophie, doch sie wollen damit nur äußerlich gut aussehen und neigen dazu, sie zu biegen. Wer nicht aufrichtig ist, wird auch keinen Erfolg haben.“ In seiner weichen Stimme sind Energie und Leidenschaft zu hören, wenn er so etwas sagt.

Seine Leidenschaft kann Inamori jetzt wieder als aktiver Firmenchef ausleben. Die japanische Regierung hat den aktiven Pensionär gefragt, ob er die ersten Schritte des Wiederaufbaus der Fluglinie Japan Airlines (JAL) organisieren möchte – und er hat nach einigem Zögern zugesagt. „Ich bin überzeugt, dass JAL sich erneuern kann, wenn wir einen Reformschritt nach dem anderen gehen“, sagte Inamori gestern in Tokio. „Ich will zum Glück der JAL-Mitarbeiter beitragen“, begründete er seine Zusage für den neuen Job. In den nächsten Tagen will die Regierung der zahlungsunfähigen Fluglinie durch Eröffnung eines kontrollierten Insolvenzverfahrens eine zweite Chance geben.

Einen „Management-Gott“ haben Journalisten den Kyocera-Ehrenpräsidenten genannt. Jetzt kann er noch einmal zeigen, was er wirklich kann. Denn auf JAL lasten Milliardenschulden, die Strukturen des Unternehmens gelten trotz jahrelanger Reformbemühungen als verkrustet und ineffizient. Und das Beharrungsvermögen ist in den meisten japanischen Organisationen enorm ausgeprägt – im Guten, aber auch im Schlechten. Hier eine Änderung zu bringen und sich zugleich um die Belange von misstrauischen Zulieferern, wütenden Gläubigern, entsetzten Aktionären und verschreckten Mitarbeitern zu kümmern – das dürfte den Großvater noch einmal rund um die Uhr beschäftigen. „Wer sich nicht völlig für die Firma aufopert, ist keine gute Führungskraft“, lautet einer seiner Sprüche.

Inamori hat gleich zwei wichtige japanische Unternehmen gegründet: Kyocera und KDDI. Kyocera ist seit den 50er-Jahren vom Spezialkeramikhersteller zum breit agierenden Technikkonzern aufgestiegen und gehört heute zu den Branchenführern bei Halbleitern und Solarzellen. Den Markennamen KDDI kennen dagegen hauptsächlich Japaner: Es handelt sich um eine Telefongesellschaft, die Mobilfunk und Ferngespräche anbietet. Als erfolgreicher Gründer von Start-ups sei er genau der Richtige für die Wiedergeburt von JAL, sagte ein Regierungsvertreter.

Inamori wirkt trotz seines Alters munter wie ein 50-Jähriger. Zuletzt engagierte er sich hauptsächlich für seine Mittelstands-Schule „Seiwa-juku“, die 4 000 Mitglieder hat und landesweit Seminare für Führungskräfte anbietet. Inamori nimmt dafür jedoch kein Geld. Das dort gelehrte Know-how kann Inamori demnächst in seinem neuen Job einsetzen – und zwar im großen Stil. Japan Airlines hat 65 000 Mitarbeiter. Die größte Fluglinie Asiens macht im Jahr rund 15 Mrd. Euro Umsatz und besitzt knapp 200 Flugzeuge. Doch das wird Inamori kaum beeindrucken. Kyocera spielt auch in dieser Größenklasse.

Inamori ist ganz klar der richtige Mann für die Aufgabe. Als Chef ist er schon deshalb glaubwürdig, weil es allein die eigene Tüchtigkeit war, die den Aufstieg von Kyocera aus den Kriegstrümmern zum Weltkonzern ermöglicht hat. Die Behandlung der Mitarbeiter war dabei stets über jeden Zweifel erhaben. Denn es ging Inamori nie nur um den Profit, und erst recht nicht um Shareholder-Value. In seinem Buch „Lebensweise“ umreißt er seine Philosophie. Es verkaufte sich über 300 000-mal und geht auch der Frage nach, wofür ein Unternehmen in der Gesellschaft steht. Inamoris Antwort: „Ein Unternehmen ist für das spirituelle und materielle Glück seiner Mitarbeiter verantwortlich.“

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