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01.11.2011

10:39 Uhr

Jon Corzine

Der gescheiterte Zocker

VonRolf Benders

Der frühere Goldman-Sachs-Chef Jon Corzine hatte für MF Global noch große Pläne. Jetzt ist das US-Finanzhaus pleite - und der schillernde Banker und Politiker Corzine steht erneut vor einem Scherbenhaufen

Pleitekandidat der Wall Street: Jon Corzine. dapd

Pleitekandidat der Wall Street: Jon Corzine.

New YorkEs war an einem kalten Apriltag 2011, da versammelte Jon Corzine seine wichtigsten Händler in einem Konferenzraum seines Wertpapierhandelshauses MF Global. Der 64-Jährige wurde deutlich: Die tief in den roten Zahlen steckende Firma sollte durch Wetten am Kapitalmarkt gesunden.

Die Hauptwette des ehemaligen Chefs der Investmentbank Goldman Sachs: Die Anleihen europäischer Staaten wie Griechenland, Spanien oder Italien würden sich schon wieder erholen. "Europa lässt diese Staaten nicht untergehen", erklärte Corzine seinen Händlern. Einwände, die Wette sei zu groß für die Firma, ließ er nicht gelten. In der Folge ordnete Corzine auch schon einmal selbst über seine Sekretärin an, welche Euro-Anleihen zu kaufen seien, wie das "Wall-Street-Journal" berichtet.

Geholfen hat das alles nichts. MF Global ist nicht nur nicht in die schwarzen Zahlen zurückgekehrt. Weil die EU Griechenlands Gläubiger am Ende zu einem Forderungsverzicht zwang, fuhr die 230 Jahre alte Firma so hohe Verluste ein, dass sie gestern Insolvenz anmelden musste.

Die Euro-Schuldenkrise hat damit ihr erstes größeres Opfer an der Wall Street gefordert. Die Pleite erinnert an den Untergang der Investmentbank Lehman Brothers vor drei Jahren. Jon Corzine ist zudem eine der schillerndsten Figuren, die in den USA zwischen Wall Street und Politik hin- und herpendeln. Der von einer kleinen Farm in Illinois stammende Ex-Marine machte sich als Anleihehändler bei Goldman Sachs einen Namen. Mitte der 90er-Jahre führte er den Wall-Street-Primus schließlich gemeinsam mit dem späteren US-Finanzminister Hank Paulson. Nach heftigen Verlusten im Handelsgeschäft kam es 1999 zum Zerwürfnis der beiden, Corzine nahm seinen Abschied und wechselte in die Politik.

Zunächst war er Senator für New Jersey, später führte er diesen Bundesstaat als Gouverneur. Bis zu seiner Abwahl im Januar 2010 war er in den Talkshows gleichermaßen als Politiker wie als Ex-Banker gefragt und sonnte sich gerne in dem Ruf, ein möglicher Nachfolger des blassen US-Finanzministers Tim Geithner zu sein.

Im März 2010 übernahm Corzine dann mit großem Tamtam die Führung des Wertpapierhändlers MF Global. Die Firma sollte nun in eine Investmentbank, in ein "Mini-Goldman", umgewandelt werden. Noch in der vergangenen Woche erklärte Corzine, er halte an diesem Plan selbstverständlich fest.

Im Nachhinein wirkt es absurd, wie Corzine bis zuletzt mit seiner Rolle als Politiker und Banker kokettierte. So platzierte MF Global noch im August zum Beispiel eine Anleihe, die dem Investor einen ganzen Prozentpunkt mehr Rendite versprach, falls Corzine zur Nachfolge von Finanzminister Geithner berufen würde. Damals haben die Käufer diese Chance wohl amüsiert mitgenommen. Heute bangen sie darum, dass MF Global die Anleihe überhaupt zurückzahlen kann. Und Corzine kann wohl auch seine politischen Ambitionen begraben.

Kommentare (1)

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01.11.2011, 11:14 Uhr

Corzine ein Zocker. Absolut richtig. Wie funktionierte er? Opfer von Commitment & Consistency - keine Möglichkeit, Fehler einzusehen sondern neurotisch den eingeschlagenen Weg weitergehen bis in die Katastrophe.
Kommt einem hier etwas bekannt vor? Die Parallele ist offenkundig: Unsere "Euroretter" zocken und funktionieren ganz genau so: Schäuble, Merkel, etc. hören erst auf, wenn der deutsche Staatsbankrott unausweichlich ist. Vorher lügen sie brutal (auch sich selbst in die Tasche!), tricksen und fehlanalysieren durch ihre Wahrnehmungsverzerrung. Ein Zugeben von eigenen Fehlern ist in diesem System nicht vorgesehen. So wird der Euro auch in die Katastrophe führen. Der einfache Bürger weiß es schon - und wird von den Politikern als "Boulevard" beschimpft.
Wenigstens sollten die Politiker - aber auch Journalisten! - für ihr Handeln zu gegebener Zeit zur Verantwortung gezogen werden!

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