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14.06.2016

15:44 Uhr

Karriere und Management

Warum sich Chefs falsch einschätzen

VonCarina Kontio

Wenn man als Chef nur noch Gutes von seinen Leuten hört, gibt es zwei Erklärungen: Entweder hat man seinen Leuten die Kritik ausgetrieben – oder man merkt nichts mehr. Über das riskante Phänomen der Selbstüberschätzung.

Die Mitarbeiter trauen sich oft nicht, offen Kritik auszuüben. So kann der Chef leicht der Illusion erliegen, dass doch alles prima läuft. Getty Images

Die Mitarbeiter trauen sich oft nicht, offen Kritik auszuüben. So kann der Chef leicht der Illusion erliegen, dass doch alles prima läuft.

KölnAls Bodo Janssens Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, lag plötzlich die strategische Ausrichtung und das gesamte operative Geschäft in den Händen des Juniors – ein zahlenfixierter Lebemann, süchtig nach Anerkennung und Bestätigung. Es lief wirtschaftlich gut, Janssen saß irgendwann relativ selbstzufrieden in seinem Büro und hielt sich für einen tollen Manager. Doch seine Mitarbeiter sahen das anders. Sie wurden krank, kündigten, Bewerbungen blieben aus. Der Ruf als Arbeitgeber: miserabel. Eine darauffolgende Mitarbeiterbefragung: niederschmetternd.

Kontrollwahn, Zahlenhörigkeit und Angsthierarchien: Der inzwischen geläuterte aber einst sozialallergische Unternehmer aus Ostfriesland ist kein Einzelfall. Steve Jobs, Jack Welch, Ferdinand Piëch: das sind alles zwar große CEOs, aber nicht gerade Synonyme für empathisches Führen. „Ich bin”, „Ich kann”, „Ich will”, vor allem bei Führungskräften klaffen Selbst- und Fremdbild häufig auseinander. Ein altes Phänomen, das schon der Schriftsteller Ödön von Horváth mit den Worten: „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu” beschrieb.

10 Tipps für den perfekten Chef

Ein perfekter Chef macht Fehler

Jeder Mensch macht Fehler, denn Menschen sind nicht perfekt. Durch diese Eigenschaft werden Menschen überhaupt erst liebenswert. Wichtig ist jedoch, dass wir um unsere Fehler wissen und Wege finden, wie diese Fehler behoben werden können. Fehler, richtig verstanden, führen zu einer Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit und des Unternehmens.

... ist nicht perfekt

Es ist daher verwunderlich, warum immer noch so viele Chefs meinen, dass sie perfekt sind. Eine solch grobe Selbstüberschätzung führt letztlich zu Arroganz und einem Stillstand an Wachstum (sowohl persönlich als auch unternehmerisch).

... verbessert sich ständig

Darin liegt die Größe eines wirklich „perfekten“ Chefs. Er verwendet die Kenntnis seiner Fehler für die persönliche Weiterentwicklung. Gute Führungspersönlichkeiten meinen nicht, „jemand zu sein“, sondern verstehen sich als „jemand, der wird“ und zwar jeden Tag ein wenig mehr.

... ist Menschenfreund

Eine wesentliche Eigenschaft von „perfekten“ Chefs ist, dass sie Menschen mögen. Viele so genannte Führungskräfte mögen aber nicht einmal sich selbst, geschweige denn andere Menschen. Unter solchen Umständen wird Führung nur schwer möglich sein. Um exzellent zu sein, muss man das, was man tut, lieben. Und um exzellent zu führen, muss man Menschen lieben.

... ist Teamplayer

Der „perfekte“ Chef sagt und meint „Wir!“ und nicht „Ich!“ Er ist ein Teamspieler. Im 21. Jahrhundert werden nur Teams gewinnen und nicht Einzelspieler. Die Mondlandung beispielsweise war auch nicht das Werk eines einzelnen Menschen, sondern das mehrerer tausend Ingenieure, auch wenn die visionäre Kraft eines Wernher von Brauns dahinter stand. Aber er hätte es niemals alleine geschafft.

... fordert Menschen

Der „perfekte“ Chef fordert Menschen heraus. Er will Leistung erleben und regt Menschen an, sie zu erbringen. Dabei orientiert er sich nur ungern am Durchschnitt, sondern an Spitzenleistungen. Der „perfekte“ Chef gibt sich nicht mit dem zweitbesten Ergebnis nicht zufrieden.

... ist fachlich selten der Beste

Von dem Gedanken, stets der Beste in allen Bereichen sein zu wollen, müssen sich Führungspersönlichkeiten trennen. Der „perfekte“ Chef konzentriert sich auf seine Stärken und seine Hauptaufgaben.

... verkörpert Werte

Grundvoraussetzung eines „perfekten“ Chefs sind gelebte Werte, die von allen Mitarbeitern als Führungsgrundsätze empfunden werden. Nur so entsteht das viel geforderte Vertrauen.

... ist wirksam

Letztlich geht es um das wesentliche: Der „perfekte“ Chef be-wirkt, dass Menschen Ziele erreichen. Das Wesen guter Führung ist Wirksamkeit.

... ist offen für andere Wirklichkeiten

Meistens halten wir unsere Meinung für die Wahrheit, basierend auf der Wirklichkeit, wie wir sie empfinden. Häufig entspricht unsere Wirklichkeit jedoch nicht der Realität. Der „perfekte“ Chef setzt sich auf den Stuhl des anderen. Wer durch die Augen anderer sieht, entdeckt eine Fülle von Wirklichkeiten.

Quelle: Perspektive Mittelstand

Einer Forsa-Umfrage zufolge sind 95 Prozent der Manager davon überzeugt, dass sie eine gute und beliebte Führungskraft sind. Auf der anderen Seite beschreibt das Meinungsforschungsinstitut Gallup, dass 85 Prozent der Beschäftigten im Job unzufrieden sind. Der Hauptgrund? Sie gebrauchen ihren Kopf überwiegend nur noch zu dem Zweck, ihn über den Chef zu schütteln. Warum aber schätzen sich so viele Führungskräfte so falsch ein? Chefs, die eigentlich genügend Seminare besuchen und ein Buch nach dem anderen zum Thema Führung lesen?

„Managern, die sich jeden Abend in den Schlaf weinen, gelingt der Aufstieg nicht“, weiß Rüdiger Hossiep, Wirtschaftspsychologe an der Universität Bochum. Daher sei es für eine erfolgreiche Karriere zunächst wichtig, über die entsprechende psychische Konstitution, also ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein zu verfügen. „Menschen, die sich stark überschätzen, kommen dadurch leichter in Führungspositionen“, erklärt auch der Wirtschaftspsychologe Uwe Kanning von der Hochschule Osnabrück das klassische Stereotyp des „Alpha-Männchens“.

Allerdings hat die Sache einen Haken: So entfaltet sich in Unternehmen geradezu organisch ein System, das dafür sorgt, dass diejenigen, die an der Hierarchiespitze stehen, nur konstante, selbstwertdienliche Informationen erhalten. Hossiep: „Also nach dem Motto: Mensch Chef, bist du gut!“ Es läuft super, man hat die Dinge im Griff et cetera. „Die Mitarbeiter wissen genau, was sie risikolos nach oben kommunizieren können. Falls doch mal Kritisches hoch kommt, wird es von den Zwischenebenen weggefiltert“, so der Bochumer Wirtschaftspsychologe.

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