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17.01.2014

18:13 Uhr

Kirch-Prozess

Middelhoff und englischer Notenbanker im Visier

Der Kirch-Prozess schlägt weiter Wellen: Nun sind auch der englische Zentralbanker Michael Cohrs und Ex-Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff ins Visier der Behörden geraten. Sie werden der Falschaussage bezichtigt.

Thomas Middelhoff hatte vor der Insolvenz der Kirch-Gruppe im Jahr 2002 Kontakt mit der Chefetage der Deutschen Bank und war deshalb in dem Schadenersatzprozess als Zeuge befragt worden. dpa

Thomas Middelhoff hatte vor der Insolvenz der Kirch-Gruppe im Jahr 2002 Kontakt mit der Chefetage der Deutschen Bank und war deshalb in dem Schadenersatzprozess als Zeuge befragt worden.

MünchenIn den Ermittlungen wegen zweifelhafter Aussagen im Kirch-Prozess gegen die Deutsche Bank nimmt die Staatsanwaltschaft auch den englischen Zentralbanker Michael Cohrs und Ex-Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff ins Visier. Cohrs, der früher dem Vorstand der Deutschen Bank angehörte, und Middelhoff würden der uneidlichen Falschaussage verdächtigt, sagte ein Sprecher der Strafverfolger in München am Freitag. Die Behörde ermittelt bereits gegen Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen und mehrere frühere Top-Banker wegen des Verdachts, dass sie das Gericht belogen haben, um Schadenersatzansprüche von Kirch abzuwenden.

Der aus den USA stammende Cohrs ist nach einer Karriere als Investmentbanker mittlerweile externes Direktoriumsmitglied der Bank of England. Cohrs war seit Mitte der 90er Jahre Manager der Deutschen Bank und leitete bis vor vier Jahren gemeinsam mit dem heutigen Vorstandschef Anshu Jain deren Investmentbanking-Geschäft. Ende September 2010 schied Cohrs aus dem Vorstand der Bank aus. Middelhoff, der früher den Medienkonzern Bertelsmann und später den Warenhauskonzern Arcandor führte, ist heute als Medienunternehmer tätig. Middelhoff hatte vor der Insolvenz der Kirch-Gruppe im Jahr 2002 Kontakt mit der Chefetage der Deutschen Bank und war deshalb in dem Schadenersatzprozess als Zeuge befragt worden.

Cohrs war am Freitag zunächst nicht zu erreichen. Von der Bank of England war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. Die Deutsche Bank und der Finanzinvestor EQT, für den Cohrs als Berater arbeitet, wollten sich nicht äußern. Middelhoffs Anwalt Winfried Holtermüller wies die Anschuldigungen gegen seinen Mandanten zurück. Middelhoff habe im Kirch-Prozess wahrheitsgemäß ausgesagt, sagte Holtermüller. Die Bank hat Vorwürfe gegen Fitschen & Co. bereits früher zurückgewiesen.

Die größten Risiken und Probleme der Deutschen Bank

Viele Herausforderungen

Trotz aller Veränderungen in ihrem ersten Amtsjahr: Auf die Deutsche-Bank-Doppelspitze Jürgen Fitschen und Anshu Jain warten noch zahlreiche Herausforderungen. Ein Überblick.

Libor-Skandal

Über Jahre versuchten internationale Großbanken den Referenzzins zu manipulieren, um höhere Gewinne zu erzielen. Daran waren auch Beschäftigte des Dax-Konzerns beteiligt. Mehrere Investmentbanker der Deutschen Bank mussten gehen. Das Institut schließt nach internen Untersuchungen aber aus, dass das höhere Management an Manipulationen beteiligt war. In die Kritik geraten war auch Jain, der seit Jahren das Investment-Banking verantwortet. Die drei Konkurrenten Barclays, Royal Bank of Scotland und UBS mussten bereits hohe Strafen zahlen. Das droht auch der Deutschen Bank.

Kirch-Prozess

Im Dauerclinch um die Pleite des Medienimperiums des inzwischen gestorbenen Leo Kirch wurde die Bank vom Münchner Oberlandesgericht grundsätzlich zu Schadensersatz verurteilt. Die Höhe steht noch nicht fest. Die Bank wehrt sich vor dem Bundesgerichtshof (BGH) gegen den Schuldspruch, bildete in diesem Fall aber auch erstmals Rückstellungen. Die Kirch-Seite macht die Bank für die Pleite der Medienunternehmens 2002 verantwortlich und fordert gut zwei Milliarden Euro Schadensersatz. Einen Vergleich lehnte die Deutsche Bank bislang ab. Im April sah sich das Institut zu einer außerordentlichen Hauptversammlung gezwungen, weil Kläger aus dem Kirch-Lager erfolgreich Beschlüsse des letzten regulären Aktionärstreffens im Mai 2012 angefochten hatten.

USA

Das Land ist einer der wichtigsten Märkte für die Deutsche Bank. Die Politik dort will nun die Kapitalregeln für Auslandsbanken verschärfen. Das würde die Deutsche Bank besonders zu spüren bekommen. Zudem kämpft das Institut wegen Geschäften aus den Zeiten vor der Finanzkrise 2007/08 mit zahlreichen Klagen. Oft geht es um Hypothekengeschäfte.

Abbausparte

Der Bereich wird auch als „Bad Bank“ der Deutschen Bank bezeichnet. In der Sparte hat sie alle Geschäfte und Anlagen geparkt, von denen sie sich trennen möchte. Dazu gehören auch einige verlustreiche Ladenhüter wie das einst von der Bank finanzierte Kasino Cosmopolitan in Las Vegas und der US-Hafenbetreiber Maher, die schon seit Jahren auf einen Verkauf warten. Der eigentlich schon vereinbarte Verkauf der Frankfurter BHF-Bank an die Finanzgruppe RHJ stockt seit Monaten, weil die Finanzaufsicht kein grünes Licht gab.

Vermögensverwaltung

Gern hätte das Institut im vergangenen Jahr einen Großteil dieses Geschäfts verkauft. Die Verhandlungen verliefen aber im Sande, da die Gebote zu niedrig waren. Nun will die Bank die Sparte selbst weiterentwickeln. Doch die Konkurrenz wird größer. Immer mehr Institute buhlen um reiche Kunden in aller Welt, da dieses Geschäft als vergleichsweise stabil gilt. Die Deutsche Bank findet sich international in der Vermögensverwaltung bislang nur auf einem der hinteren Plätze.

Während Fitschen, die früheren Deutschen-Bank-Chefs Josef Ackermann und Rolf Breuer sowie weitere Top-Banker des versuchten Prozessbetrugs verdächtigt werden, lautet der Vorwurf gegen Cohrs und Middelhoff auf Falschaussage. In beiden Fällen liegen die Höchststrafen bei fünf Jahren Gefängnis. Gegen Fitschen & Co, Cohrs und Middelhoff laufen drei getrennte Verfahren, wie der Behördensprecher sagte. Zunächst werde das Verfahren gegen Fitschen & Co. vorangetrieben, um möglichst bis Juni über eine eventuelle Anklage entscheiden zu können.

„Wir wollen das möglichst in diesem Jahr oder noch in der ersten Jahreshälfte zu Ende bringen.“ Zu Details der Vorwürfe gegen Cohrs und Middelhoff wollte sich die Staatsanwaltschaft aus ermittlungstaktischen Gründen nicht äußern. Die Ermittler hatten auch ein Bußgeldverfahren gegen die Bank selbst eingeleitet und damit zu erkennen gegeben, dass sie eine Anklage der beschuldigten Banker um Fitschen für wahrscheinlich halten.

Das Gericht sprach den Kirch-Nachfolgern bereits Schadenersatz zu, weil die Deutsche Bank für den Zusammenbruch des Medienimperiums vor zwölf Jahren mitverantwortlich sei. Der damalige Bankchef Breuer hatte in einem Fernsehinterview Zweifel an der Kreditwürdigkeit der Kirch-Gruppe gesät. Um die Schadenshöhe wird noch gerungen – die Erben des 2011 gestorbenen Medienmoguls Leo Kirch fordern allein in diesem Prozess zwei Milliarden Euro. Das Gericht hatte selbst bereits Zweifel an den Aussagen mehrerer Beteiligter geäußert.

Von

rtr

Kommentare (1)

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Hagbard_Celine

17.01.2014, 18:34 Uhr

Ich bin positiv überrascht das hier trotz aller politischen Hürden gründliche Ermittlungen geführt werden.

Für die Staatsanwaltschaft ist das bestimmt kein Sonntag Nachmittag Spaziergang, Hut ab kann man da nur sagen.

Kirchs Imperium wurde "im Auftrag" durch leitende Angestellte der DB zerschlagen , die Indizien sprechen eine deutliche Sprache. Man muss sich nur ansehen wo die Brocken gelandet sind und wer sich von diesen Herrschaften alles "gut kennt".


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