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09.01.2007

14:49 Uhr

Klageschrift aus China

Absurde Post aus Yancheng

VonThomas Knüwer

Es passiert selten, dass ein Anwalt nach Worten ringt, geht es um einen Mandanten. Alexander Graf von Kalckreuth aber ist anzumerken, dass es ihm die Sprache verschlägt: "Eine Absurdität", nennt der auf Medien spezialisierte Jurist das Klageschreiben, das sein Mandanten überreicht bekam von einem Rechtspfleger des Amtsgerichts Berlin-Mitte.

Das Original: Der "Starliner" der MAN-Tochter Neoplan. Foto: PR

Das Original: Der "Starliner" der MAN-Tochter Neoplan. Foto: PR

DÜSSELDORF. Der Brief kommt aus China. Gerichtet ist er an Iven & Hillmann, ein Unternehmen, das sich mit Suchmaschinenoptimierung beschäftigt. Die Klageschrift fordert, ein rechtlicher Vertreter der Berliner Firma möge am 17. Juli, pünktlich um 9 Uhr am Morgen, vor Gericht erscheinen. Aber nicht in Berlin-Mitte - sondern vor dem "Gericht mittlerer Ebene der Stadt Yancheng in der Provinz Jiangsu". Auch von Kalckreuth musste im Atlas nachschauen: Die industriereiche Gegend liegt an der chinesischen Ostküste, Yancheng zählt acht Millionen Einwohner.

Vor diesem Gericht sollen sich die Berliner gemeinsam mit der MAN Nutzfahrzeuge und deren Bus-Tochter Neoplan verantworten - wegen unlauteren Wettbewerbs. Hintergrund ist ein Streit zwischen MAN und dem chinesischen Bushersteller Zhongwei. Dessen Tochter Zonda hat einen Bus entworfen, der einem Neoplan-Modell verdächtig ähnlich sieht. MAN reichte im Oktober in Peking deshalb Klage ein und machte das bei einer Pressekonferenz öffentlich. Dort sagte Franz Neundlinger, Vizepräsident von MAN China: "Es handelt sich um einen ernsten Fall von Patentverletzung."

Über diese Vorwürfe berichteten zahlreiche Medien, darunter das Weblog der Plattform » Autoregional, betrieben von Iven & Hillmann. Praktisch als Hobby schreibt dort Firmen-Mitgründer Ron Aron Hillmann über Nachrichten aus der Autobranche. Es ist ein Weblog von, seien wir ehrlich, überschaubarer Attraktivität gefüllt mit gähnend langweiligen, umgeschriebenen Pressemitteilungen.

Am 22. Oktober verlinkte Hillmann die Berichterstattung von "Spiegel Online" über die MAN-Klage. Gelesen wurde Hillmanns Artikel keine zehn Mal. Die Statistik ergab: Alle Leser verfügten über chinesische Internetzugänge.

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