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11.06.2015

11:00 Uhr

Krankenhaus-Report

Bad Bank für kranke Kliniken

VonMaike Telgheder

Eine neue Branchenstudie zeigt: Jede sechste Klinik in Deutschland ist von der Insolvenz bedroht. Ein Fonds zur Abwicklung defizitärer Häuser würde die Branche effizienter machen, ohne dass die Versorgung gefährdet ist.

Viele deutsche Krankenhäuser befinden sich in finanzieller Schieflage. dpa

Zustand kritisch

Viele deutsche Krankenhäuser befinden sich in finanzieller Schieflage.

DüsseldorfJede sechste Klinik in Deutschland ist von der Insolvenz bedroht, 40 Prozent der rund 2000 Krankenhäuser machen Verlust. Solche Zahlen liefert der deutsche Krankenhausmarkt nun schon seit Jahren – mal geht es etwas besser, mal etwas schlechter, aber Aussicht auf eine echte Veränderung gibt es nicht.

Damit endlich etwas passiert, fordern Krankenhausexperten, unter anderem vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), eine „Bad Bank“ für die Branche, einen Fonds, der Geld bereitstellt, damit defizitäre Krankenhäuser abgewickelt werden können. Die Branchenkenner, die seit mehr als einem Jahrzehnt jährlich den Krankenhaus-Rating-Report herausgeben, analysieren regelmäßig die Jahresabschlüsse von knapp 1000 Krankenhäusern. Den neuen Report stellten sie am heutigen Donnerstag auf dem Hauptstadtkongress Gesundheit in Berlin vor.

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„Die angespannte finanzielle Situation der Branche hat sich über die Jahre nicht wesentlich verändert. Das hat uns veranlasst, den Markt einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten: Es geht weniger um die Frage, wie man defizitäre Häuser in die schwarzen Zahlen bringt. Sondern darum, welche Kliniken und Strukturen Deutschland für eine gute medizinische Versorgung überhaupt braucht“, erläutert Sebastian Krolop, langjähriger Autor des Reports und Manager für die Region Europa, Mittlerer Osten und Afrika bei Philips Healthcare.

Weniger ist dabei mehr, denn Deutschlands 85 Milliarden Euro schwerer Krankenhausmarkt gilt als überbesetzt. Nicht überall, aber in einigen Regionen Deutschland gibt es zu viele Häuser und damit ineffiziente Versorgungsstrukturen. 235 der rund 2.000 Krankenhäuser in Deutschland würden Verlust machen, wenn bei ihnen nicht die Träger, meist öffentliche Haushalte, Jahr für Jahr die Verluste ausgleichen würden. Diese Häuser kommen zusammen auf ein Defizit von 835 Millionen Euro pro Jahr.

Damit jeder Deutsche in weniger als 30 Minuten eine Klinik der Grundversorgung erreichen kann, könnten etwas mehr als 200 dieser Häuser geschlossen werden. Rund 700 Millionen Euro würden dadurch jedes Jahr gespart werden, rechnen die Autoren des Krankenhaus Rating Reports vor. Die Bad Bank käme dabei als neue Option ins Spiel, für die Träger, die einen Standort abgeben möchten.

Was tun im Streitfall mit einer Klinik?

Suchen Sie eine Fachklinik

Die wichtigste Frage, um ein Operationsrisiko zu vermeiden, lautet: Muss der Eingriff wirklich sein? Holen Sie eine zweite Meinung ein, denn in Deutschland wird das Skalpell nachweislich schnell – viele Mediziner sagen: zu schnell – angesetzt. Krankenkassen bezahlen die Konsultation eines zweiten Experten, zum Teil vermitteln sie ihn auch. Wenn die OP sein muss, setzen Sie bei der Wahl der Klinik nicht auf lokale Nähe zur Verwandtschaft oder den guten Ruf einer anderen Abteilung des Krankenhauses. Entscheidend muss einzig die Expertise der für sie zuständigen Abteilung sein. Hausarzt und Krankenversicherung können weiterhelfen.

Beim ersten Verdacht

Nicht alles, was unerwünschte Folgen hat, ist auch ein Behandlungsfehler. Für manche Volte des Schicksals kann niemand haftbar gemacht werden. Aus juristischer Sicht ist ein Behandlungsfehler eine nicht angemessene, zum Beispiel nicht sorgfältige, fach- oder zeitgerechte Behandlung des Patienten durch einen Arzt – sowohl durch Tun als auch durch Unterlassen. Der Schaden des Patienten muss also nachweislich auf ärztliches Fehlverhalten zurückzuführen sein. Die Beweislast liegt in der Regel beim Patienten. Dokumentieren Sie daher alles, was Ihnen in der Klinik wann wie und mit wem passiert ist und welche Zeugen es gab. Zudem haben Sie grundsätzlich Anspruch darauf, die Patientendokumentation einzusehen und Kopien zu erhalten.

Kontaktieren Sie damit Ihre Krankenversicherung. Oft hat die ein kapitales Eigeninteresse, sich Kosten von der Klinik erstatten zu lassen, die durch eine weitere durch den Fehler verursachte Behandlung anfallen. Gesetzlich Krankenversicherten steht auch der Medizinische Dienst der Krankenversicherung bei der Fehlersuche zur Verfügung. Ob der sich aber am Ende für Sie einsetzt, liegt im Ermessen des Sachbearbeiters.

Hier finden Sie ersten Rat

Sinnvoll ist die kostenlose Nachfrage bei einer Selbsthilfegruppe. Sie sind praxiserfahren und können die Aussichten eines Verfahrens gegen eine Klinik einschätzen. Vorsicht vor dem Internet: Häufig finden sich dort Hilfsangebote von Menschen mit traurigen Einzelschicksalen. Das bedeutet aber noch nicht, dass sie auch in Ihrem Fall weiterhelfen können.

Das Aktionsbündnis für Patientensicherheit empfiehlt für Rat den Deutschen Patientenschutzbund in Dormagen (E-Mail: info@ dpsb.de) und die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe in Düsseldorf (E-Mail: info@bag-selbsthilfe.de). Informieren können auch die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (Tel. 08 00/0 11 77 22) und der Bundesverband der Verbraucherzentralen (Tel. 0 30/25 80 00).

Rückendeckung durch einen Gutachter

Sie brauchen die Bestätigung Ihres Verdachts durch einen unabhängigen Sachverständigen. Der kann kostenlos vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung kommen.

Externe Ärzte als Sachverständige kosten oft mehr als 1000 Euro. Manche Anwaltskanzleien kooperieren mit Gutachtern, die es dann etwas billiger machen. Am besten ist ein externer Chefarzt, weil sein Gutachten meist mehr Gewicht hat als das eines Hausarztes.

Zudem gibt es die Gutachterkommission für ärztliche Behandlungsfehler als unabhängige Einrichtung bei der Ärztekammern der einzelnen Bundesländer. Das Begutachtungsverfahren ist für die Beteiligten gebührenfrei, aber nicht rechtsverbindlich. Die Gutachten sind aber sehr häufig die Grundlage für eine außergerichtliche Einigung zwischen Patient oder Krankenversicherung und Klinik.

Anwaltlicher Rat

Wer privat eine Klage gegen eine Klinik oder eine außergerichtliche Einigung um Schadensersatz und Schmerzensgeld anstrebt, kommt nicht um einen Anwalt herum. Schließlich will kein Krankenhaus freiwillig Präzedenzfälle schaffen. Meiden Sie Wald-und-Wiesen-Anwälte, nötig ist ein ausgewiesener Fachanwalt für Medizinrecht. Empfehlungen geben die Selbsthilfegruppen, Auskunft darüber, wer als Fachanwalt firmiert, auch die Bundesrechtsanwaltskammer in Berlin (E-Mail: zentrale@brak.de).

Restrisiko hohe Kosten

Kliniken geben oft erst auf, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Verfahren um Behandlungsfehler können sich deshalb über Jahre hinziehen und teuer werden. Ohne Rechtsschutzversicherung sollten Sie sich deshalb vorher mit einem Selbsthilfe-Mitglied oder Anwalt Chance und Risiko einer Klage ausrechnen.

Warten Sie nicht zu lange

Ist einem Patienten Unrecht geschehen, hat er drei Jahre Zeit sich zu entscheiden, ob er eine Klage in Angriff nehmen will und wie er die Erfolgsaussichten einschätzt. Die Zeit läuft erst ab dem Moment, da er selbst Kenntnis vom Fehler hat. Diese Frist gilt auch, wenn es um eine Spätfolge geht.

Die Erfolgsaussichten

Es lässt sich nicht schönreden: Weniger als ein Drittel aller Fälle in Deutschland wird zugunsten des Patienten entschieden. Um so wichtiger ist es, sich Unterstützung durch eine Selbsthilfegruppe oder einen Fachanwalt zu suchen.

„Ein Krankenhaus aus dem Markt zu nehmen, verursacht hohe Kosten, nicht nur für die eigentliche Schließung, sondern auch für Sozialpläne und anderes. Eine Bad Bank kann zumindest diese Austritthürde abbauen“, sagt Boris Augurzky, Referatsleiter Gesundheit beim RWI. Nach Branchenschätzungen kostet die Abwicklung allein schon eines kleinen Krankenhauses mit weniger als 100 Betten rund 25 Millionen Euro. Die Experten des Rating-Reports kalkulierten mit Kosten in Höhe des jeweiligen Jahresumsatzes eines Krankenhauses.

Zwar will die Bundesregierung im Zuge der Krankenhausreform auch einen Strukturfonds einrichten, mit dessen Hilfe Krankenhäuser von Markt genommen werden können. Aber der reicht zur Lösung der Probleme nicht aus: „Der Strukturfonds setzt darauf, dass die Länder mitfinanzieren und mitsprechen. Aber gerade die Länder haben in der Vergangenheit ja gezeigt, dass sie an Veränderungen kein so großes Interesse haben. Selbst wenn sie jedoch voll mitziehen sollten, würde die Ausstattung des Fonds in Höhe von einer Milliarde Euro insgesamt nicht reichen, um alle nötigen Strukturveränderungen zu finanzieren“, sagt Augurzky. Nach den Berechnungen des Autorenteams würde die „Bad Bank“ eine Anfangsausstattung von etwa 2,7 Milliarden Euro benötigen.

Kommentare (2)

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G. Nampf

11.06.2015, 11:30 Uhr

Wieder einmal zeigt sich, daß die Privatisierung öffentlicher Aufgaben (hier: Krankenversorgung) nur zum Nachteil der Bürger ist.

Ich würde es gern sehen, wenn die Krankenhäuser mit Steuergeld finanziert würden, den dafür ist das Geld da. Stattdessen werden damit die intelektuellen Geringleister in Parlamenten und Regierung durchgefüttert und im Gegenzug - zulasten der Patienten- rationalisiert und abgewickelt.

Herr Thomas Melber

11.06.2015, 12:21 Uhr

Hatten wir nicht vor Jahren schon ein sog. "Notopfer" gebracht, da die Träger die Instandhaltungsrücklage für andere Zwecke verbraucht (vulgo: unterschlagen) hatten?

Davon ab: zur Daseins- / Krisenvorsorge gehört auch das Vorhalten einer ausreichenden Bettenkapazität (inkl. Intensiv- / Sondermedizin).

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