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17.01.2009

09:00 Uhr

Kuhle Werbung

Martin Deß: Vom Besamer zum Werber

VonSara Kammler

Als sein Vater Bundestagsabgeordneter der CSU wird, übernimmt der damals 21-jährige Martin Deß den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb. Weil ihm das Leben als Landwirt aber nicht ausfüllt, entwickelt der gelernte Besamungstechniker ein Computerprogramm, damit die richtige Kuh den richtigen Bullen trifft. Heute ist Deß Chef der Werbeagentur Dessign und beschäftigt 60 Mitarbeiter.

Was möchtest du denn später einmal werden, kleiner Martin? Auf die Frage des Sparkassen-Angestellten in der Küche seiner Eltern antwortet der vierjährige Steppke nicht wie erwartet. Der Erstgeborene der jungen Eheleute Deß sagt nicht, dass er einmal Feuerwehrmann oder Lokomotivführer werden will – und auch nicht, dass er Landwirt wie sein Vater und Großvater werden will. Schon als Vierjähriger hat Martin Deß seine ganz eigenen Vorstellungen, zwischen Mittagstisch und Abendbrot verkündet er Anfang der 70er-Jahre in Röckersbühl: „Ich will später einmal Chef von mindestens 500 Mitarbeitern sein.“

Große Worte für einen kleinen Mann. 35 Jahre später hat Deß nicht nur den heimischen Herd verlassen und den Hof in Oberpfalz mit 120 Hektar Land und 50 Milchkühen verkauft. Deß ist Chef der von ihm selbst gegründeten Werbeagentur Dessign und geht mit seinen heute mehr als 60 Mitarbeitern unter dem Slogan „Die Jäger von Röckersbühl“ auf die Jagd nach Ideen. Und das sehr erfolgreich: Im Jahr 2007 war Dessign im Ranking der inhabergeführten Werbeagenturen des Fachblattes „Werben und Verkaufen“ unter dem Aspekt Umsatzwachstum die zweitstärkste Agentur in Deutschland. Die Agentur steigerte ihren Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 56 Prozent auf 5,4 Millionen Euro. Zu den Kunden gehören die Deutsche Telekom, Conrad Electronics, Puma und der Sparkassenverband.

Seiner Heimat ist Deß treu geblieben. Von der Terrasse vor seinem Büro aus hat der 39-Jährige einen Blick über Wiesen, Felder und auf sein Heimatdorf, das 320-Seelen-Nest Röckersbühl. Wenn er redet, klingt sein bayerischer Akzent bei jedem Wort durch. In seinem gut sitzenden Anzug und dem Hemd , in das seine Initialen eingestickt sind, würde er aber keine gute Figur mehr auf dem Traktor oder im Kuhstall machen. Vom derben Hoferben zum smarten Werber war es aber ein langer Weg.

Nach der Chefansage in der elterlichen Küche kommt Deß zunächst dem Wunsch seiner Eltern nach und bereitet sich auf ein Leben als Landwirt vor. Wozu brauche ich Abi oder mittlere Reife, habe er sich gefragt. Ich muss ja eh den Hof übernehmen. Von da an führte sein Weg über das Gymnasium zur Realschule und schließlich zur Hauptschule. Mit 16 Jahren beginnt er eine Lehre zum Landwirt. Als Deß 21 ist, zieht sein Vater für die CSU in den Bundestag ein, und er übernimmt den Hof. Um möglichst unabhängig zu sein, lernt er, wie man Kühe künstlich besamt. „Ich bin staatlich anerkannter Besamungstechniker.“

In seiner Freizeit beschäftigt sich Deß mit Computern, und sieht eine Chance, mehr als ein oberbayerischer Landwirt zu sein: IT-Unternehmer. Zusammen mit einem Freund programmiert er ein Anpaarungsprogramm für Kühe. Die Eigenschaften von Kühen werden mit denen von Bullen abgeglichen. Der Computer ermittelt, welcher Bulle am besten zu welcher Kuh passt. „Das Programm muss man als Meilenstein bezeichnen, wenn man sich die Partner-Börsen ansieht, die es heute so gibt“, sagt er.

Wenn Deß von diesem Programm erzählt, kommt seine Begeisterung für Kühe durch. Da geht es um schöne oder nicht so schöne Euter; gute, schlechte oder stark überwinkelte Kuhbeine; die Milchmenge, die eine Kuh gibt, und deren Fettgehalt. Die Nutzungsrechte für das Programm verkaufte Deß an landwirtschaftliche Betriebe und schließlich das ganze Programm selbst an ein Investorenkonsortium. Umgerechnet 100 000 Euro bringt ihm das ein. Da ist er gerade 22 Jahre alt.

Das Geld investiert er in neue EDV, und – wie sollte es anders sein – in eine Kuh. Für 53 000 D-Mark ersteigert er die bis dato teuerste Kuh Deutschlands. Die Hälfte von Graefa – so hieß das Tier - verkauft er direkt an den Verkäufer zurück. Mit Gewinn natürlich. Für ihr erstes Kalb, einen Bullen, will ihm eine Besamungsstation in Hessen entweder 20 000 Mark zahlen, oder 10 000 D-Mark und zusätzlich fünf Prozent des Erlöses jeder Spermaportion, die von dem Bullen später verkauft werden sollte. Deß entscheidet sich für die zweite Variante des Kaufvertrags und hat den richtigen Riecher. Rund 100 000 Euro verdient er im Laufe der Jahre an dem Bullensperma.

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