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07.09.2015

18:10 Uhr

Laboraffäre

Vom Schloss ins Gericht

VonJan Keuchel

Der Labor-Magnat Bernd Schottdorf sitzt wieder einmal auf der Anklagebank. Es geht um die Frage, ob 78 Millionen Euro Schaden durch Abrechnungsbetrug entstanden sind. Schottdorfs Erinnerungslücken verärgern das Gericht.

Bernd Schottdorfs Großlabor soll mit falschen Abrechnungen dem Gesundheitssystem einen Millionenschaden zugefügt haben. dpa

Prozess gegen Laborarzt Schottdorf

Bernd Schottdorfs Großlabor soll mit falschen Abrechnungen dem Gesundheitssystem einen Millionenschaden zugefügt haben.

AugsburgEckig und massiv kommt er daher. Sein schwarzer Anzug kontrastiert scharf das weiße Haar. Die Bewegungen von Bernd Schottdorf wirken wie die eines Steinbrockens. Selbst wenn er ins Rutschen kommt, gibt er seine starre Form nicht auf. 
Herab geholt hat die bayerische Justiz den 75-Jährigen Multimillionär von seinem Schloss Duttenstein in Dischingen. Sie hat Schottdorf hinein gezwungen in die schlichte Funktionalität eines deutschen Gerichtssaals. Angeklagt ist er wegen gewerbsmäßigen Betrugs zusammen mit seiner Ehefrau Gabriele.

Die satte Ausleuchtung in Saal 101 des Augsburger Strafjustizzentrums lässt Schottdorfs Gesicht an diesem Montag fast wächsern erscheinen. Stur blickt er nach vor, während die Fotografen und Kamera-Leute ihre Bilder machen. Minutenlang.

Das Medieninteresse ist nicht zuletzt deswegen so groß, weil dieser Mann seit mehr als einem Jahr nun im Mittelpunkt eines Untersuchungsausschusses in Bayern steht. Es geht um einen massiven Abrechnungsbetrug mit Laborleistungen durch 10 000 Ärzte – Schottdorfs Kunden. Es geht um einen Justizskandal, weil einer dieser Ärzte in einem Pilotverfahren zu mehr als drei Jahren Haft verurteilt wurde, aber weder Schottdorf noch die vielen tausend anderen Beteiligten auch nur angeklagt wurden. Und es geht um politische Einflussnahme, für die es einige Anzeichen gibt.

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Ein Untersuchungsausschuss in Bayern soll klären, ob die Politik Ermittlungen gegen Ärzte und den Großlabor-Betreiber Bernd Schottdorf bremste. Dessen Beziehungen zur CSU waren sehr eng. Und es floss Geld.

Auch die Vorzeichen für das nun beginnende Verfahren gegen Schottdorf waren nicht gut. 2009 hatte der damalige Behördenleiter Reinhard Nemetz versucht, das Verfahren gegen Zahlung einer Geldbuße von drei Millionen Euro einzustellen. Das Landgericht Augsburg verweigerte die Zustimmung, schließlich habe die Staatsanwaltschaft den Schaden selbst auf 250 Millionen Euro taxiert. 2012 hatten die milden Ermittler dann endlich eine Anklage fertig. Auch das ist nun schon drei Jahre her.

Dass die Ankläger den Schaden heute nur noch auf gut 78 Millionen Euro beziffern und einige Ermittlungspunkte zwischendurch fallen ließen, haben die Grünen im Landtag scharf kritisiert. Was aus den anderen Vorwürfen wurde, sei noch „dringend zu prüfen.“
Doch auch das, was von der Anklage übrig blieb, hat es in sich. Grundlage ist der Vorwurf, die Schottdorfs hätten von 2004 bis 2007 die gesetzliche Abstaffelung für Laborhonorare umgangen. Sie sollen zahlreiche Außenlabore in ganz Deutschland mit der Abrechnung von Spezial-Laboranalysen beauftragt haben. Deren Inhaber seien nur zum Schein selbstständig gewesen. Die Kassenärztliche Vereinigungen seien so zur Auszahlungen veranlasst worden, denen die Voraussetzungen fehlten, sagt die Staatsanwältin Simone Bader. Die Schottdorfs hätten sich um knapp 13 Millionen Euro bereichert. Bewahrheitet sich dies, drohen ihnen Haftstrafen ohne Bewährung.

Bernd Schottdorf weist die Vorwürfe zurück. Es habe weder einen Betrugsplan, noch einen Schaden, noch ein Motiv gegeben, sagt er vor Gericht. Dann hebt er zu einer langen Gegenrede an.
Sein Wirken sei darauf gerichtet gewesen, die Laborabläufe zu automatisieren, zu revolutionieren. „Viele Laborärzte aber glaubten immer noch daran, dass man hohe Honorare erzielen könne, indem man die Möglichkeiten der Automation verheimlicht“, sagt Schottdorf. Das sei falsch.

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