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01.02.2016

06:24 Uhr

Bewusst sein

Sinnsuche gegen Burn-out und Stress

VonChristian Rickens, Stefani Hergert, Simon Book

Das neue Jahr beginnt – und der alltägliche Wahnsinn geht weiter: Millionen Deutsche sehnen sich in der schnelllebigen Zeit nach einem klareren, bewussteren Leben. Kann ihnen Achtsamkeit bei der Suche helfen?

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Die Woche beginnt mit Rosinen. Für die 16 Männer und Frauen, die an diesem Vormittag einen Saal in einem Bochumer Hinterhof bevölkern, sollen sie der Beginn einer neuen Welt sein. So hat sich das Marlies Sonnentag gedacht, die Leiterin dieses Seminars in Sachen Achtsamkeit. Deshalb lässt sie die Rosinen rumgehen. Jeder Teilnehmer nimmt sich eine, betrachtet sie eingehend, steckt sie in den Mund. Dort bleibt das Obst dann erst mal. Sonnentag gibt Anweisung, die Rosine mit der Zunge zu erspüren. Ihre Rillen, ihre Kurven, ihre Wölbung, den Geschmack. Das kann schon mal fünf Minuten dauern – pro Rosine. Dann runterschlucken, nachspüren, beschreiben. Noch eine Rosine, erfühlen, erschmecken, beschreiben. Und noch eine.

Schließlich verkündet Sonnentag das Ergebnis ihres kleinen Experiments: Die Gruppe habe nun Rosinen gegessen. Nicht irgendwie – sondern konzentriert, fokussiert, also: achtsam. Allein das Beschreiben der Sinneserfahrung mache schon einen Unterschied zum alltäglichen Essen. So habe man gelernt, was für ein großartiges Produkt doch diese kleine Rosine sein könne.

Wie gehen Sie mit Stress und Ärger um?

Den Stress erkennen

Denken Sie darüber nach, welche Faktoren Stress auslösen und bringen Sie diese in eine Rangfolge. Nicht alle Gründe wiegen gleich schwer. Stressauslöser, die bisher als unumgänglich gelten, könnten zu körperlicher und seelischer Beeinträchtigung führen.

Die Gesundheit leidet

Viele vermeiden es über Jahre, sich Erschöpfung einzugestehen. Ein Burnout kann ein schleichender Prozess sein. Jahrelanger Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch, Autoimmunerkrankungen oder psychische Auffälligkeiten weisen auf Erschöpfung hin.

Neue Energie gewinnen

Hinterfragen Sie, wo Sie wie viel Energie investieren und ob es sich lohnt. Hinterfragen Sie Ihre innere Motivation und konzipieren Sie um. Schaffen Sie es, Ihr Energielevel unter Kontrolle zu halten, bleibt mehr für die Freizeit übrig.

Sich selbst leiden können

Eine positive Selbstbewertung senkt das Stresslevel. Fangen Sie morgens an mit einer positiven Grundstimmung und versuchen Sie, dieses Gefühl den Tag über zu halten. Positive Selbstgespräche oder kurze tägliche Rituale helfen dabei. Auch malen, schreiben oder eine freundliche Büroeinrichtung wirken positiv.

Lähmenden Ärger loswerden

Ärger kann in kürzester Zeit zu Antriebslosigkeit führen. Das Take-Care-Prinzip soll helfen, sich weniger zu ärgern: Versuchen Sie zunächst, Ärger von sich fernzuhalten. Nicht jede Meinungsverschiedenheit mit Kollegen oder den Nachbarn ist einen Streit wert. Falls es doch dazu kommen sollte, distanzieren Sie sich innerlich. Einen Witz machen kann helfen. Sollte es doch heftiger kommen, ist es wichtig, sich beim Sport oder über einen Urschrei abzureagieren.

Das Leben wieder in die eigene Hand nehmen

Wer sich aufgibt, wird zum Spielball der Umgebung. Bestärken Sie sich jeden Tag darin, dass Sie über Ihr eigenes Lebens bestimmen. Conen empfiehlt: „Lernen Sie, mitten im Geschehen zu sein und doch darüber zu stehen.“ Sie kommen mit Störungen besser zurecht, wenn Sie sich als freier und selbstbestimmter Mensch fühlen.

Intuition nicht verkümmern lassen

In kritischen Situationen spontan regieren zu können, ist nicht nur auf der Straße wichtig. Auch im Büro sollte die Bedeutung des Bauchgefühls nicht unterschätzt werden. Wer in Situationen mit Kollegen und Kunden zu kopflastig reagiert, kann sie in Sekunden vergraulen. Laut Conen ist Intuition lernbar – und kann wieder erweckt werden, falls man dazu bereit ist.

Das Bauchgefühl verbessern

Lernen Sie ihre Sinne wieder einzusetzen. Riechen und fühlen Sie die Natur oder konzentrieren Sie sich auf die verschiedenen Bestandteile ihres Essens. Verlangsamen Sie eine Aktivität wenn es möglich ist und genießen Sie den Augenblick. Versuchen Sie die Umgebung abzuscannen und sich einzuprägen.

Den anderen mit dem Bauch betrachten

Achten Sie nicht nur darauf, was Personen in Ihrem Umfeld sagen, sondern auch, wie sie es sagen. Die Wechselwirkung mit dem Gegenüber und die Umstände einer Konversation beeinflussen das Ergebnis in hohem Maße.

Selbstkontrolle

Dabei sollte die Selbstbeobachtung nicht vergessen werden. Intuitive Selbstkontrolle hilft, während eines Gesprächs die Reaktionen seines Gegenübers nicht zu übersehen. Wie Sie auf andere wirken, lässt sich leicht bei einem Abschied erkennen. Ist die Situation entspannter, als bei der Begrüßung, hat sich der Gesprächspartner wohl gefühlt.

Intuitiv entscheiden

Egal ob im Beruf oder im Privatleben, eine Entscheidung sollte nicht alleine aus dem Kopf heraus getroffen werden. Beziehen Sie Ihren Bauch mit ein. Auch wenn Sie ein Gefühl rational nicht nachvollziehen können, sollten Sie versuchen, es zu ergründen. Es könnte sein, dass ihre innere Stimme weiser ist, als Sie in diesem Augenblick.

Aufbrechen oder Ausharren?

Jede Veränderung schenkt ein Stück neues Leben. Dennoch ist nicht jeder Unmut Grund genug, alles über den Haufen zu werfen. Veränderung ist kein Allheilmittel. Tiefen durchzustehen ist das eine, chronischer Frust das andere.

Das Chamäleon-Prinzip

Das Chamäleon sollte das Tier dieses Jahrhunderts werden. Es zeigt alle Fähigkeit, die heute notwendig sind. Vor allem kann es sich auf veränderte Bedingungen einstellen. Es geht nicht darum, seine Authentizität zu verlieren. Es geht darum, sich nicht mehr zu wünschen, dass alles wieder so wird, wie es mal war. Das macht unglücklich. Wagen Sie in der Jobkrise den Sprung in eine zweite Karriere.

Entdecken Sie alle Ihre Fähigkeiten

Stellen Sie sich vor, Sie wären Gast im Ratequiz „Was bin ich?“. Welche Eigenschaften, und dazu zählen eben auch die kleinen Fähigkeiten, machen Sie aus? Protokollieren Sie die Bereiche, die bisher noch nicht ausreichend zur Geltung kommen. Da gibt es bestimmt mehrere.

Entwickeln Sie sich weiter

Seminare, lebenslanges Lernen, neue Herausforderungen. Nutzen Sie wirklich alle Ihre Bildungsurlaubstage? Haben Sie wirklich schon alles gelernt, was Sie sich vorgenommen haben? Trainieren Sie, nicht zu schnell zu satt zu sein und fordern Sie von sich selbst, mehr aus sich zu machen.

Reagieren Sie schneller

Seien Sie die Schlange, nicht das Kaninchen. Reagieren Sie schneller als die anderen. Also erwarten Sie stets das Unerwartete, lernen Sie zu improvisieren, lösen Sie sich rasch von Denkmustern. Und vor allem: verändern sie Gewohnheiten.

„Achtsamkeit ist keine theoretische Geschichte. Das ist eine Lebenshaltung“, sagt Sonnentag. „Das Thema ist raus aus der esoterischen Ecke und in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Das ist ein riesiger Trend.“

Mit der These hat Sonnentag zweifellos recht. Halb Deutschland, ach was: die halbe Welt scheint in Hab-Achtsamkeits-Stellung erstarrt. 1200 wissenschaftliche Studien zum Thema Achtsamkeit sind 2015 erschienen, 2010 waren es nur 400. 14 Prozent aller neu erschienenen Bücher zu Gesundheitsthemen beschäftigen sich inzwischen mit Themen wie Achtsamkeit, Yoga, Meditation. Ein Milliardengeschäft. Die Bundesrepublik, die sich 60 Jahre lang an den messbaren Erfolgen von Exportwirtschaft und Nationalmannschaft berauschte, lässt sich von Rosinen verzaubern.

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