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23.09.2016

10:18 Uhr

Bitte kein Weichei

Was es heute heißt, Mann zu sein

VonBjörn Süfke

Gefühlvoller Partner, aber bitte kein Weichei. Kraftvoll, kompromissbereit, ein engagierter Vater und erfolgreich im Job. Kein Wunder, dass der Mann von heute verwirrt ist. Gastbeitrag eines Männertherapeuten.

Der Wegweiser für ein neues Selbstverständnis des Mannes vom Männertherapeuten Björn Süfke. „Männer“, erschienen im Mosaik-Verlag, ISBN: 978-3-442-39291-9.

Das Männer-Buch

Der Wegweiser für ein neues Selbstverständnis des Mannes vom Männertherapeuten Björn Süfke. „Männer“, erschienen im Mosaik-Verlag, ISBN: 978-3-442-39291-9.

BielefeldSensibel mit seiner starken Schulter, James Bond und trotzdem Musterschwiegersohn: Der moderne Mann sollscheinbar widersprüchliche Eigenschaften in sich vereinen - und ist entsprechend verunsichert. Björn Süfke, Bielefelder Männertherapeut und Autor des Bestsellers „Männerseelen“, zeigt nicht nur welche Katastrophen das traditionelle Verständnis von Männlichkeit in der Gesellschaft und in den Männern angerichtet hat. Er beleuchtet in seinem neuen Buch „Männer“, das gerade im Mosaik-Verlag erschienen ist, zudem die aktuellen Krisen heutigen Mann-Seins - und auch die enormen Chancen, die diese bieten. Dieser Gastbeitrag, den er uns für unser Businessnetzwerk Leader.In zur Verfügung stellt, ist das Kapitel 9: „Wege aus dem Krisendschungel: Frage nicht, was die Männer für dich tun können!“

Ratschläge sind auch Schläge!“, sagt man ja. In meiner Kindheit hieß es aber auch: „Kleine Schläge auf den Hinterkopf fördern das Denkvermögen.“ Was davon richtig ist, habe ich auch nach bald zehn Jahren als Vater und zwanzig Jahren als Psychotherapeut noch nicht heraus bekommen. Daher spreche ich hier vorsichtshalber mal nicht von „Ratschlägen“, sondern von „Wünschen“. Von „Denkanstößen für die Krisenbewältigung“. Oder um es frei nach JFK zu sagen: „Frage nicht (nur), was die Männer für Dich tun können! Frage, was Du für die Männer tun kannst!“

Wie gehen Sie mit Stress und Ärger um?

Den Stress erkennen

Denken Sie darüber nach, welche Faktoren Stress auslösen und bringen Sie diese in eine Rangfolge. Nicht alle Gründe wiegen gleich schwer. Stressauslöser, die bisher als unumgänglich gelten, könnten zu körperlicher und seelischer Beeinträchtigung führen.

Die Gesundheit leidet

Viele vermeiden es über Jahre, sich Erschöpfung einzugestehen. Ein Burnout kann ein schleichender Prozess sein. Jahrelanger Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch, Autoimmunerkrankungen oder psychische Auffälligkeiten weisen auf Erschöpfung hin.

Neue Energie gewinnen

Hinterfragen Sie, wo Sie wie viel Energie investieren und ob es sich lohnt. Hinterfragen Sie Ihre innere Motivation und konzipieren Sie um. Schaffen Sie es, Ihr Energielevel unter Kontrolle zu halten, bleibt mehr für die Freizeit übrig.

Sich selbst leiden können

Eine positive Selbstbewertung senkt das Stresslevel. Fangen Sie morgens an mit einer positiven Grundstimmung und versuchen Sie, dieses Gefühl den Tag über zu halten. Positive Selbstgespräche oder kurze tägliche Rituale helfen dabei. Auch malen, schreiben oder eine freundliche Büroeinrichtung wirken positiv.

Lähmenden Ärger loswerden

Ärger kann in kürzester Zeit zu Antriebslosigkeit führen. Das Take-Care-Prinzip soll helfen, sich weniger zu ärgern: Versuchen Sie zunächst, Ärger von sich fernzuhalten. Nicht jede Meinungsverschiedenheit mit Kollegen oder den Nachbarn ist einen Streit wert. Falls es doch dazu kommen sollte, distanzieren Sie sich innerlich. Einen Witz machen kann helfen. Sollte es doch heftiger kommen, ist es wichtig, sich beim Sport oder über einen Urschrei abzureagieren.

Das Leben wieder in die eigene Hand nehmen

Wer sich aufgibt, wird zum Spielball der Umgebung. Bestärken Sie sich jeden Tag darin, dass Sie über Ihr eigenes Lebens bestimmen. Conen empfiehlt: „Lernen Sie, mitten im Geschehen zu sein und doch darüber zu stehen.“ Sie kommen mit Störungen besser zurecht, wenn Sie sich als freier und selbstbestimmter Mensch fühlen.

Intuition nicht verkümmern lassen

In kritischen Situationen spontan regieren zu können, ist nicht nur auf der Straße wichtig. Auch im Büro sollte die Bedeutung des Bauchgefühls nicht unterschätzt werden. Wer in Situationen mit Kollegen und Kunden zu kopflastig reagiert, kann sie in Sekunden vergraulen. Laut Conen ist Intuition lernbar – und kann wieder erweckt werden, falls man dazu bereit ist.

Das Bauchgefühl verbessern

Lernen Sie ihre Sinne wieder einzusetzen. Riechen und fühlen Sie die Natur oder konzentrieren Sie sich auf die verschiedenen Bestandteile ihres Essens. Verlangsamen Sie eine Aktivität wenn es möglich ist und genießen Sie den Augenblick. Versuchen Sie die Umgebung abzuscannen und sich einzuprägen.

Den anderen mit dem Bauch betrachten

Achten Sie nicht nur darauf, was Personen in Ihrem Umfeld sagen, sondern auch, wie sie es sagen. Die Wechselwirkung mit dem Gegenüber und die Umstände einer Konversation beeinflussen das Ergebnis in hohem Maße.

Selbstkontrolle

Dabei sollte die Selbstbeobachtung nicht vergessen werden. Intuitive Selbstkontrolle hilft, während eines Gesprächs die Reaktionen seines Gegenübers nicht zu übersehen. Wie Sie auf andere wirken, lässt sich leicht bei einem Abschied erkennen. Ist die Situation entspannter, als bei der Begrüßung, hat sich der Gesprächspartner wohl gefühlt.

Intuitiv entscheiden

Egal ob im Beruf oder im Privatleben, eine Entscheidung sollte nicht alleine aus dem Kopf heraus getroffen werden. Beziehen Sie Ihren Bauch mit ein. Auch wenn Sie ein Gefühl rational nicht nachvollziehen können, sollten Sie versuchen, es zu ergründen. Es könnte sein, dass ihre innere Stimme weiser ist, als Sie in diesem Augenblick.

Aufbrechen oder Ausharren?

Jede Veränderung schenkt ein Stück neues Leben. Dennoch ist nicht jeder Unmut Grund genug, alles über den Haufen zu werfen. Veränderung ist kein Allheilmittel. Tiefen durchzustehen ist das eine, chronischer Frust das andere.

Das Chamäleon-Prinzip

Das Chamäleon sollte das Tier dieses Jahrhunderts werden. Es zeigt alle Fähigkeit, die heute notwendig sind. Vor allem kann es sich auf veränderte Bedingungen einstellen. Es geht nicht darum, seine Authentizität zu verlieren. Es geht darum, sich nicht mehr zu wünschen, dass alles wieder so wird, wie es mal war. Das macht unglücklich. Wagen Sie in der Jobkrise den Sprung in eine zweite Karriere.

Entdecken Sie alle Ihre Fähigkeiten

Stellen Sie sich vor, Sie wären Gast im Ratequiz „Was bin ich?“. Welche Eigenschaften, und dazu zählen eben auch die kleinen Fähigkeiten, machen Sie aus? Protokollieren Sie die Bereiche, die bisher noch nicht ausreichend zur Geltung kommen. Da gibt es bestimmt mehrere.

Entwickeln Sie sich weiter

Seminare, lebenslanges Lernen, neue Herausforderungen. Nutzen Sie wirklich alle Ihre Bildungsurlaubstage? Haben Sie wirklich schon alles gelernt, was Sie sich vorgenommen haben? Trainieren Sie, nicht zu schnell zu satt zu sein und fordern Sie von sich selbst, mehr aus sich zu machen.

Reagieren Sie schneller

Seien Sie die Schlange, nicht das Kaninchen. Reagieren Sie schneller als die anderen. Also erwarten Sie stets das Unerwartete, lernen Sie zu improvisieren, lösen Sie sich rasch von Denkmustern. Und vor allem: verändern sie Gewohnheiten.

Vielleicht ist das naiv, viel leicht gilt für gesellschaftliche Probleme eher das Motto: „Fordere das Unmögliche, um das Mögliche zu erreichen!“ Um für eine gesellschaftspolitische Sache zu werben, muss man vermutlich so richtig auf die Pauke hauen, maximale Betroffenheit schüren und volkswirtschaftlich die positive Kosten-Nutzen-Bilanz vorrechnen. Aber dann komme ich eben doch wieder aus der Psychoecke. Und in der hat man gelernt, eigene Bedürfnisse als Ich-Botschaften zu verfassen und Wünsche zu formulieren. Das ist ein Klischee, ich weiß. Funktioniert aber oft.

Wir beginnen mal mit der eigenen Nase: Sehr geehrte Männer!

Mein größter Wunsch an uns alle ist dieser: Schauen wir doch mal ganz genau hin, ob wir Männer bei all den aktuellen Veränderungen nicht viel leicht Großes, ja, Großartiges zu gewinnen haben! Kann da nicht so einiges für uns dabei herausspringen, an Entlastungen, aber auch an Neuentdeckungen? Wie sagte meine Mutter immer, wenn sie uns ein neues Gemüsegericht vorsetzte: „Ihr müsst es ja nicht essen, wenn es Euch nicht schmeckt! Aber bitte zumindest mal probieren!“

Wenn wir Männer die vielen Chancen der Krisen, der gesellschaftlichen Entwicklungen, der in der Tat manchmal verwirrenden Veränderungen so wenig erkennen, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir am Ende bloß die Verunsicherung und die Hilflosigkeit ernten, aber nicht die Potentiale, die neuen Möglichkeiten, die Erleichterungen, die Freude und die anderen Früchte. Wenn wir uns nicht grundlegend emanzipieren von Männlichkeitsvorstellungen, die von außen an uns herangetragen werden und die teilweise durchaus mit unseren tiefsten Bedürfnissen übereinstimmen können, es aber nicht zwangsläufig müssen, sollten wir nicht überrascht sein, wenn uns am Lebensende die Frage nicht loslässt, ob das tatsächlich unser Leben war, das wir da gelebt haben.

Kommentare (7)

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Frau Annette Bollmohr

23.09.2016, 10:51 Uhr

Man(n) sollte sich nicht so viel erzählen lassen, wie man zu sein hat (Frau auch).

Novi Prinz

23.09.2016, 11:15 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr Otto Berger

23.09.2016, 12:02 Uhr

Das Wichtigste : Der normale, richtige Mann sollte heutzutage die Freiheit und nicht die Sklaverei lieben. D.h. heißt insbesondere : Nicht heiraten bei den heutzutage üblichen Kurzzeit-Ehen (nur unverbindliche Partnerschaften, die es der sich selbstverwirklichenden Frau bzw. dem sich selbstverwirklichenden Mann kurzfristig und ohne finanziellen Schaden ermöglicht, aus "Beziehungen auszusteigen") und setze bei den unsicheren Arbeitsverhältnissen mit nur selten auskömmlichen Entlohnungen keine Kinder in die Welt ----- dann bleibt für die Selbstverwirklichung des richtigen Mannes sehr viel Spielraum.
Ach ja, fast vergessen : Der richtige, normale Mann zeigt auch den Krediten die ROTE KARTE
und vermeidet so Schuldzinsen !!! Wenn er arbeitet, arbeitet er für sich und nicht für Geldgeber --- ist also kein Zinssklave.

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