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19.02.2017

08:51 Uhr

Der Pippi-Kult

Warum ein vorpubertäres Mädchen beste Chancen hat, zum Idol des Jahres zu werden

VonChristoph Quarch

„Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Pippi Langstrumpf ist Kult und ihr Mantra ist für viele zum Lebensmotto geworden. Ausgerechnet an Donald Trump wird erkennbar, wie falsch das Spiel ist. Und wie gefährlich.

Ist der Pippi-Kult am Ende ein Luftschloss? dpa

Pippi Langstrumpf und ihr Äffchen Herr Nilsson

Ist der Pippi-Kult am Ende ein Luftschloss?

Fulda„Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Pippi Langstrumpf ist Kult und ihr kesses Mantra ist für viele Menschen zum persönlichen Lebensmotto geworden. Doch was bedeutet es, wenn man diese Art von ichbezogener Selbstverwirklichung zum Ideal verklärt und die Welt als persönliche Villa Kunterbunt, als Spielplatz des eigenen Egos, wahrnimmt? Anhand von aktuellen Beispielen setzt sich der Philosoph und Autor Christoph Quarch in seinem Kurz-Essay kritisch mit dem Pippi-Phänomen auseinander und warnt davor, ein egoistisches und realitätsfernes Freiheitsverständnis im Namen von falsch verstandener Selbstverwirklichung zu idealisieren.

Sie kennen doch die Pippi Langstrumpf, oder? Rote Zöpfe, Sommersprossen, rot-weiß gestreifte Ringelsocken, circa 12 Jahre, wohnhaft in der Villa Kunterbunt; auffällig durch ein gerütteltes Maß an Selbstbewusstsein und Chuzpe; meistens in Begleitung zweier Tiere und zweier Menschenkinder namens Tom und Anika. Sie kennen sie und fragen sich, wieso Sie sich hier mit ihr befassen sollen? Ganz einfach: Weil Pippi Langstrumpf beste Chance hat, zur Kultfigur des Jahres zu werden.

Tatsächlich sehen immer mehr Menschen – Frauen vornehmlich – in Pippi ihr Idol. Frauenzeitschriften feiern die „Pippi-Langstrumpf“-Strategie und erklären ihren Leserinnen, wie sie endlich Glück und Erfüllung finden: indem sie Pippis Mantra folgen, das da lautet: „Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt“. Nachdem erst das Selbstbild zum Selfie wurde, kommt nun auch das Weltbild an die Reihe. Egal ob mein Leben oder die Welt – ich mach’s mir selbst. Also sprach die Zeitgeistin.

12 Karriere-Mythen

Mit 50 ist man zu alt für die Karriere

Nein! In der Realität gibt es diese Altersschranke oft gar nicht, glaubt Headhunter Marcus Schmidt: „Manche Mandanten suchen sogar explizit Führungskräfte ab 50, weil sie viel Wert auf Erfahrung legen und nicht wollen, dass der Neue gleich wieder weiterzieht.“ Zudem gilt in Deutschland seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das eine Diskriminierung aus Altersgründen verbietet.

Seine Erfahrungen hat Schmidt in dem Buch „Die 40 größten Karrieremythen“ niedergeschrieben. Handelsblatt Online hat die spannendsten Zitate ausgewählt.

Ohne Doktortitel geht es nicht

„Die Frage, ob man promovieren soll oder nicht, hängt von der angestrebten Karriere ab“, sagt Schmidt. Denn die Promotion koste immer auch Zeit – in der Diplomanden ein vergleichsweise geringes Gehalt beziehen. „Nicht alle jungen Berater, Anwälte und Wirtschaftsprüfer wollen in einem Unternehmen zum Partner aufsteigen oder erreichen dieses Ziel.“

Eine Top-Karriere macht man nur im großen Konzern

Falsch! Entscheidend für die Karriere sei nicht, bei welchem Unternehmen man arbeite, sondern welche Aufgaben und Entfaltungsmöglichkeiten man habe, sagt Personalberater Schmidt. „Gerade in weniger etablierten Unternehmen gibt es oftmals spannendere und weniger standardisierte Aufgaben als in Großkonzernen“, so Schmidt.

Nur wer sich anpasst kommt weiter

Im Gegenteil: Eigene, gut argumentierte Überzeugungen hält Headhunter Marcus Schmidt für unabdingbar. „Wer nur mitläuft, um ja keinen Fehler zu machen, kann nichts Herausragendes leisten und wird nicht dauerhaft auf sich aufmerksam machen“, so Schmidt. So könne man sich nicht profilieren oder für die nächsten Ebenen empfehlen.

Der MBA ist ein Karriere-Turbo

Die deutsche Wirtschaft zeigt ein anderes Bild: Absolventen hätten sich selten in die Führungsetage hochgearbeitet, sagt Schmidt. Anders als der Doktortitel ist der MBA zudem kein normierter akademischer Grad, seine Vergabe wird also grundsätzlich nicht staatlich geregelt oder kontrolliert. Wer Studiengebühren von bis zu 70.000 US-Dollar auf sich nehme, solle deshalb das Renommee der Schule immer überprüfen.

Ohne Examen gibt es keinen Aufstieg

Muss man heute studieren, wenn man Karriere machen will? Nein, glaubt Headhunter Marcus Schmidt. Und einige prominente Konzernlenker geben ihm recht: Telekom-Chef René Obermann etwa hat sein Studium abgebrochen, und auch Klaus-Peter Müller, bis 2008 Vorstandsvorsitzender der Commerzbank und jetziger Aufsichtsratsvorsitzender, hat nie studiert.

Gehalt ist ein untrüglicher Gradmesser des Karriereerfolgs

Die Position mit Perspektive sei nicht immer die am besten bezahlte, sagt Marcus Schmidt. So könne sich für ein renommiertes Traineeprogramm ein kurzfristiger Gehaltsverzicht durchaus auszahlen - etwa, wenn das ausbildende Unternehmen in seiner Branche als Kaderschmiede gilt.

Ein Auslandsaufenthalt fördert die weitere Karriere

Nicht immer, sagt Headhunter Marcus Schmidt – stattdessen kann der Auslandseinsatz sogar zum Nachteil werden. „Oftmals sind es die Daheimgebliebenen, die dann verbleibende Inlandsposten unter sich aufteilen“. Sie säßen dann auf Stühlen, auf die Auslandsrückkehrer vergeblich spekulieren.

Der erste Job muss der richtige sein

Wer auf standardisierte Einstiegsprogramme in Unternehmen mit hohem Bekanntheitsgrad setze, müsse auch in Kauf nehmen, dass die eigene Berufslaufbahn nachgemacht wirkt, sagt Personalberater Marcus Schmidt. „Gehen Sie eigene Wege. Suchen Sie Ihren Einstieg ruhig gegen den Strich. Probieren Sie etwas aus, was sie wirklich interessiert.“

Karriere macht, wer mehr als 60 Stunden pro Woche arbeitet

Falsch, glaubt Headhunter Marcus Schmidt. Ebenso wichtig wie der tatsächliche Zeiteinsatz sei der gefühlte Zeiteinsatz. Und der definiere sich auch durch die Befriedigung mit der getanen Arbeit. „Wer es schafft, aus seines Arbeit weitgehend Befriedigung zu ziehen, muss auch nicht Karriereschablonen zum persönlichen Zeiteinsatz nachjagen.“

Frauen hindert die „gläserne Decke“ am Aufstieg

Tatsächlich finde sich diese „gläserne Decke“ vor allem in den Köpfen der männlichen Entscheider, glaubt Schmidt. Für weibliche Führungskräfte scheine sie hingegen kein Thema zu sein. „Viele Beratungsunternehmen und große Konzerne bitten uns öfter sogar explizit, nach weiblichen Kandidatinnen zu suchen.“

In der Wirtschaftskrise macht man keine Karriere

„In der Krise wählen Unternehmen bei der Besetzung von Stellen zwar sorgfältiger aus. Aber sie stellen trotzdem noch ein“, ist die Erfahrung von Marcus Schmidt. Gerade in Phasen des Umbruchs gebe es etwa die Chance zur Übernahme von Restrukturierungsjobs, bei denen wirklich die Fähigkeit der Verantwortlichen zählt.

Sich das Leben nach dem eigenen Gusto einrichten: Die Pippi- Strategie findet Beifall in einer Szene, die seit Jahren schon das Ego pimpert. Autoren wie Veit Lindau oder Robert Betz erreichen Bestseller-Auflagen mit Titeln wie „Heirate dich selbst“ oder „Dein Weg zur Selbstliebe“. Der Cantus Firmus dieser Evangelisten des Ego ist stets derselbe: „Jetzt bist du dran!“; „Gönn dir was!“; „Sieh zu, dass du nicht zu kurz kommst!“ Und die Leserinnenschaft setzt die Maximen eifrig um.

Bei der Pippi-Strategie kommt nun aber eine Komponente zur Geltung, die in der Flut der Selbstliebe-Ratgeber wohl angelegt war, tatsächlich aber erst bei den Pippi-Fans zum vollen Durchbruch kommt: die Postfaktizität. „Postfaktisch“, so viel am Rande, wurde wohl nicht zufällig gerade erst zum Wort des Jahres 2016 gekürt.

Was sagt das Wort? Postfaktisch ist, wer sich nicht so sehr dafür interessiert, was tatsächlich – faktisch – in der Welt geschieht, sondern lediglich dafür, wie es sich anfühlt oder wahrgenommen wird. Das heißt: Postfaktisch ist, wer beim Wetterbericht nicht die gemessene, sondern nur die gefühlte Temperatur anschaut. Postfaktisch ist auch, mit Pippi die faktische Welt auszublenden und sich die stattdessen eine eigene Welt zu machen – ganz so, wie es gefällt.

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