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02.10.2015

14:49 Uhr

Gastbeitrag zum Neid

Warum es gut tut, sich auf die Tugend des Gebens zu besinnen

VonChristoph Quarch

Neid, Missgunst, Geiz: zerstörerische Seelengifte, die unserer Freiheit Ketten anlegen, findet Philosoph Christoph Quarch. Was wir wirklich brauchen und welche Rolle dabei weibliche Qualitäten spielen – ein Gastbeitrag.

Philosoph und Autor. Gerade ist im Hanser Verlag das Buch "Rettet das Spiel" erschienen, das Quarch zusammen mit dem Neurobiologen Gerald Hüther geschrieben hat.

Christoph Quarch

Philosoph und Autor. Gerade ist im Hanser Verlag das Buch "Rettet das Spiel" erschienen, das Quarch zusammen mit dem Neurobiologen Gerald Hüther geschrieben hat.

FuldaChristoph Quarch ist freischaffender Philosoph und Autor. Er lehrt an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. Als Autor, Publizist und Berater greift Quarch auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen, denn: „Nicht denken ist auch keine Lösung.“ In seinem Gastbeitrag beschreibt er die zerstörerische Kraft von Neid, Missgunst und Geiz – und mit welchen weiblichen Tugenden die (Arbeits-)Welt wieder ein kleines Stückchen besser für uns werden könnte.

In seinem Meisterwerk „Also sprach Zarathustra“ lässt Friedrich Nietzsche einmal seinen Titelhelden verzweifelt ausrufen: „Es ist alles kleiner geworden!“ Der gleiche Seufzer mag auch heute einem aufmerksamen Menschen über die Lippen gehen – einem, der sich nicht durch große Autos, Häuser oder Zahlen blenden lässt, sondern in die Herzen und Seelen derer schaut, die mit den großen Autos fahren, in den großen Häusern wohnen und mit den großen Zahlen jonglieren. Hinter den großspurigen Kulissen nämlich walten gar zu oft nur Kleingeisterei und Kleinlichkeit. Wer in die Herzen seiner Zeitgenossen blickt, der wird mit Nietzsche häufig ächzen: Herrjeh, wie ist der Mensch doch klein geworden!

26 gute Gründe, lieber zu Arbeiten

1. Sorgen Sie angenehmer für Produktivität 

Menschen, denen es gut geht, leisten gern, sind effizienter und verdienen mehr. Denn Wohlbefinden ist ein wesentlicher Faktor für die Arbeitsproduktivität. Das wurde in einer Metaanalyse von Sonja Lyubomirsky wissenschaftlich nachgewiesen.

(Quelle: Ilona Bürgel)

2. Nutzen Sie den Spitzenreiter in Sachen Wohlbefinden

Es gibt fünf Arten von Wohlbefinden. Das Tätigkeitswohlbefinden, soziales, finanzielles, physisches und Gemeinschaftswohlbefinden. Die Tätigkeit hat doppelt so großen Einfluss auf unser Gesamtwohlbefinden wie alle anderen. Dies hat die Beratungsfirma Gallup in einer weltweiten Studie herausgefunden.

3. Prüfen Sie Ihre Motivation

Was ist Ihnen wichtig im Job? Werden Sie sich klar darüber, welche Ziele Sie für die Zukunft haben, welche Änderungen in Ihrem Leben für Sie wichtig wären. In der TK Stress Studie 2013 konnte nachgewiesen werden, dass „Spaßarbeiter“ gegenüber „Broterwerbarbeitern“ weniger erschöpft und depressiv sind.

4. Entwickeln Sie ein flexibles Weltbild

Betrachten Sie die Welt aus einem optimistischen Blickwinkel, denn als Optimist haben Sie die Chancen einer Situation im Auge, als Pessimist die Risiken. Da Optimismus eine Geisteshaltung ist, geht es in erster Linie darum, negatives und pessimistisches Denken durch eher optimistisches Denken zu ersetzen.

5. Belohnen Sie sich selbst

Sehr viele Menschen lassen sich durch Belohnungen motivieren. Sie auch? Dann nutzen Sie das. Stellen Sie sich selbst Belohnungen für erfüllte Aufgaben in Aussicht. Denn Arbeit darf Spaß machen. Perfekt ist es natürlich, wenn die Belohnung die Tätigkeit selbst ist, sei es durch zufriedene Kunden, Wissenserweiterung oder die Freude daran, das Beste zu geben. Daniel H. Pink hat untersucht, was Menschen bei der Arbeit motiviert. Er fand heraus, dass Firmen, denen Selbstbestimmung wichtig ist, eine vier Mal größere Wachstumsrate haben und ein Drittel mehr erwirtschaften.

6. Genießen Sie Ihre Beziehungen

Haben Sie einen guten Draht zu ihren Kollegen? Ein gutes Verhältnis zu Arbeitskollegen ist für die meisten wichtiger, als Jobsicherheit. Und wer sich wohl fühlt, leistet mehr: Ein positives Arbeitsklima wirkt sich auf die Motivation, Kreativität und Leistungsfähigkeit jedes Einzelnen aus. Die Ergebnisse der Onlineumfrage von www.stellenanzeigen.de zeigen, dass Mitarbeiterzufriedenheit durch ein gutes Verhältnis zu Kollegen und Chef vor allem durch Lob und Anerkennung bestimmt wird.

7. Loben , loben, loben

Haben Sie heute schon gelobt? Hauptgrund für Frustration am Arbeitsplatz ist fehlende Anerkennung durch den Chef. Anerkennung, persönliche Unterstützung und sichtbare Fortschritte bei der Arbeit motivieren Mitarbeiter am meisten. Dies bestätigten Tagebucheintragungen, die Theresa M. Amabile und Steven J. Kramer von der Harvard Business School analysierten.

8. Nutzen Sie die Erfolgsformel 3:1

Negative Gefühle wirken wesentlich stärker als positive. Wenn Sie sich einmal ärgern, müssen Sie sich zum Ausgleich dreimal freuen: es braucht ein 3:1 von Positivem zu Negativem. Dies klingt anstrengender als es ist, denn unser Leben ist ja voll von schönen Dingen, wir schätzen sie nur nicht. Beginnen Sie Meetings mit positiven Informationen, schreiben Sie Ermutigendes in Ihren Mailabsender.

9. Schalten Sie mal ab

Kommen Sie raus aus dem selbst gemachten Druck. Hier spielt uns unser Gehirn einen Streich, indem wir mehr Druck empfinden als real existiert, und wir in einer Art vorauseilendem Gehorsam „bereiter“ sind als nötig. Der DAK Gesundheitsreport 2012 ging der Frage nach, ob das Thema Erreichbarkeit ein Krankmacher ist. Dazu wurden 3000 Erwachsene befragt. 51,7 Prozent der Menschen, deren Kollegen und Vorgesetzte ihre privaten Nummern haben, werden nie angerufen, nur 7,5 Prozent der Befragten fühlen sich durch telefonische Erreichbarkeit etwas oder erheblich belastet. 78,9 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu „Mein Arbeitgeber akzeptiert, wenn ich außerhalb der Arbeitszeit nicht erreichbar bin“.

10. Lassen Sie sich von Stress nicht stressen

Vermitteln und erwerben Sie Wissen über Stress und Burnout, aber legen Sie darauf nicht den Fokus. Die Gehirnforschung zeigt: Je häufiger wir etwas wiederholen, umso stärker werden die neuronalen Verknüpfungen im Gehirn. Also raus aus der Problem- hin zu Lösungsorientierung.

11. Sehen Sie, was Sie leisten

Viel zu lange haben wir darauf gewartet, dass uns Kollegen oder Chefs mal fragen, wie es uns geht, uns loben oder sehen, was wir leisten. Sie werden es nicht tun, so lange wir unsere Leistungen nicht selbst anerkennen und uns selbst wichtig nehmen.

12. Erwarten Sie das Glück bei Arbeit

Überprüfen Sie Ihre Einstellungen. Sind Sie dankbar, dass Sie diese Arbeit haben? Freuen Sie sich, dass Sie dort interessante Menschen treffen? Überall wartet das Wohlbefinden auf uns – wenn wir es treffen wollen und sehen können. Denn um etwas wahrzunehmen, müssen wir es kennen oder erwarten, sonst sehen wir es nicht.

13. Erteilen Sie sich ein Spekulationsverbot

Die Kollegin grüßt nicht, der Kunde ruft nicht zurück? Schluss mit den Spekulationen über die Ursachen. Sie rauben gute Energie. Bleiben Sie neutral. Was sind Tatsachen, und wo gehen Phantasie und Bewertungen mit Ihnen durch?

14. Legen Sie schwierige Termine auf Dienstag

Dienstags ist unsere Leistungsfähigkeit am größten. Das sollten Sie öfter nutzen, vor allem für ungeliebte Meetings.

Sie finden, diese Diagnose ist zu düster? Dann schauen Sie genauer hin – vielleicht auch in Ihr eigenes Inneres. Niemand und nichts ist vor dem Ungeist unserer Zeit geweiht. Da wären ein paar Fragen, die zu stellen lohnen dürfte: Auf welchen Gleisen rollt der Zug Ihrer Gedanken? In welchen Bahnen wallen die Gefühle? Sind sie bewegt von Güte und von Gunst? Oder von Missgunst, Neid und Geiz? Leben Sie im Vergleich und fragen sich zuweilen „Warum nur der, warum nicht ich?“ – „Die hat das nicht verdient, ich hätte es schon längst…“? Treibt Sie die Sorge, stets zu kurz zu kommen? Denken Sie beim Stichwort „Griechenland“ an die Not der Griechen oder die Steuergelder der Deutschen? Sind auch Sie darauf bedacht, zunächst mal ihre eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen?

Sollte das der Fall sein, so seien Sie gewiss: Wer so empfindet oder denkt, ist nicht allein. Den meisten Menschen geht es so. Sie sind deshalb nicht böse oder schlecht. Sie sind normal, fast alle denken oder fühlen so. Sie können gar nicht anders, denn die Welt, in der wir alle leben, nährt dieses Welt- und Lebensgefühl permanent. Von überall wird uns eingeflüstert, wir müssten auf unseren Erfolg bedacht sein, wir müssten nach uns schauen, jetzt seien wir dran. Von allen Seiten wird uns weißgemacht, wir müssten besser als die anderen sein – Geiz sei geil und Neid normal.

Wer darauf reinfällt, kann deshalb auch kaum getadelt werden. Vielmehr verdient er unser Mitleid. Denn inmitten aller ihrer großen (oder kleinen) äußerlichen Habe schrumpfen im Innern dieser Menschen Herz und Seele. Das Leben wird dann flach und klein und leer. Für die Lebendigkeit – das echte, wahre Leben – ist unser Mainstream-Denken toxisch. Geiz, Neid und Missgunst sind zerstörerische Seelengifte. Sie bringen niemand wirklich weiter. Sie legen unserer Freiheit Ketten an und lassen uns beharrlich in der eigenen Suppe köcheln. Solches tut uns nicht gut. Die Sorge um das eigene Ich lässt uns an Leib und Seele leiden. Burn-out, Depression, Herzprobleme: Symptome eines engen, kleinen Geistes.

Kommentare (2)

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Herr Ingo Tietz

02.10.2015, 15:31 Uhr

Lieber Herr Quarch, alles richtig was Sie hier schreiben. Nur müssten wir uns dann ehrlich machen und unser komplettes Wirtschafts-, Schuldgeld- und Leistungsgesellschaftsmodell in Frage stellen. Dieses beruht nämlich auf der Knappheit von Geld und Gütern, dem Mangel, stetigen Wachstumsraten, der Konkurrenz untereinander. Anstatt gemeinsam, wird gegeneinander gearbeitet, einhergehend mit permanentem Leistungsdruck und Überforderung durch die Digitalisierung, die Perfektionierung und Kommerzialisierung der Gesellschaft. Man prägt seit Jahren ein Menschenbild, dass ethische, künstlerische und soziale Werte komplett verdrängt, es zählen Werte wie Macht und Geld. Wer gestern zum Beispiel im Deutschen Bundestag die Debatte zu Hartz 4 und der Sanktionierung von Erwerbslosen mitverfolgte, weiss wie die „moderne Leistungsgesellschaft“ des 21. Jahrhunderts zu funktionieren hat. Schicksale von Millionen Betroffener sind egal, Hauptsache die Wirtschafts- und Finanzmarkteliten können ihr Erpressungspotenzial zur Durchsetzung ihrer Interessen politisch verwirklichen. Es geht nicht mehr um Menschen, es geht nur noch um den Markt. Genau dies ist der Grund, warum unsere Welt so aussieht, wie sie aussieht. Man kann eben durch reinen Materialismus nur kurzfristiges Glück und innere Zufriedenheit generieren, der schnell wieder mit immer Neuem befriedigt werden muss. So jagt man stetig dem neuesten Trend hinterher, findet aber dadurch niemals innere Befreiung und Zufriedenheit. Man müht sich im Leben jahre- und jahrzehntelang ab, um dann festzustellen, dass all die Dinge, für die man sich den Arsch aufgerissen hat, seine körperliche und psychische Gesundheit ruiniert hat, letztlich wertlos sind und einem nicht zum eigenen Lebensglück verhelfen. Leider ist es so, dass die Gesellschaft krank ist. Stellen Sie sich einfach mal ein paar Minuten an eine Kreuzung und beobachten Sie das Verhalten der Autofahrer in ihren PKW's, ist es noch normal?

Herr Ingo Tietz

02.10.2015, 15:32 Uhr

Man fragt sich dann unausweichlich, bin ich verrückt, oder sind es die anderen?

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