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11.10.2016

09:57 Uhr

Männerwirtschaft

„Darf ich Sie mal kurz unterbrechen?“

VonMartin Wehrle

Das Berufsleben einer Frau wäre für jeden Mann eine Katastrophe, sagt der Karriereberater Martin Wehrle. Er kritisiert eine heuchlerische Arbeitskultur, die „Frauenförderung“ verspricht, aber Männerwirtschaft fördert.

...wenn Männer ein Fünftel weniger als Frauen verdienten? Die Hölle wäre los, sagt Bestseller-Autor Martin Wehrle. Und spricht in seinem Beitrag Millionen Frauen aus der Seele. Getty Images

Was wäre los....

...wenn Männer ein Fünftel weniger als Frauen verdienten? Die Hölle wäre los, sagt Bestseller-Autor Martin Wehrle. Und spricht in seinem Beitrag Millionen Frauen aus der Seele.

DüsseldorfWas wäre los im Land, wenn Männer ein Fünftel weniger als Frauen verdienten? Die Hölle wäre los, sagt Bestseller-Autor Martin Wehrle. In seinem Gastbeitrag, den er für unser Businessnetzwerk Leader.In geschrieben hat, fordert er für Frauen das Recht auf Erfüllung, auf Karriere mit (und ohne) Kind und auf ein anständiges Gehalt. Wehrle spricht damit wohl Millionen Frauen aus der Seele, die in Meetings überhört, zum Kaffeekochen abgestellt und von Männern wie Frauen nicht ernst genommen werden.

Angenommen, Sie sind ein Mann: Wie fänden Sie es, dass sich die Zahl auf Ihrem Gehaltszettel um über ein Fünftel reduziert – während sich die Chance vervielfacht, dass Sie nicht im Chefbüro, sondern im Vorzimmer sitzen? Was hielten Sie davon, wenn Frauen Sie dauernd beim Reden unterbrechen, als Delegier-Esel missbrauchen und bei informellen Treffen ausgrenzen würden? Und wie käme es an bei Ihnen, wenn jedes Bewerbungsgespräch nur für Sie zum Polizeiverhör würde, heimliche Frage: „Planen Sie Kinder?“ Falls ja: Klappe zu, Bewerbung tot. Nur zwei Bereiche dürften Sie noch ganz sicher leiten: den Geschirrspüler und die Kaffeemaschine.

Dieses Szenario klingt undenkbar, finden Sie? Aber es ist bereits eingetreten, nur mit umgekehrten Rollen. Die deutschen Unternehmen pinseln ihre Fassaden rosarot, sie versprechen Frauen freie Bahn nach oben. Doch in der Praxis herrscht Männerwirtschaft. 25 Vorstandstüren muss man noch immer öffnen, bis man auf die erste Frau stößt. Es sei denn, man beginnt die Suche schon im Vorzimmer; dort ist die Quote umgekehrt.

Was bremst die Frauen aus? Weibliche High-Potentials werden oft von ihren männlichen Chefs für Arbeiten eingespannt, die größtmöglichen Aufwand, aber kleinstmöglichen Ruhm versprechen. Mit vorzüglicher Qualifikation (meist haben sie bessere Noten als Männer), mit großer Gewissenhaftigkeit (meist achten sie auf Perfektion) und noch größerer Bescheidenheit (meist lassen sie den Chef ihre Erfolge als die seinen verkaufen) halten sie die Räder der Firma am Laufen.

Was in Firmen alles schief läuft

Warten auf die IT-Jungs

„Der Arbeitsplatz einer Kollegin war für ihre neue Aufgabe ungeeignet: Sie musste abwechselnd auf den Tisch und dann 45° nach oben schauen. Dort war ihr Monitor im Regal untergebracht. Also standen alle ratlos ums Regal herum und beklagten sich, dass die IT-Jungs, die für solche Umbauten eigentlich zuständig sind, nicht endlich kommen, um den Monitor umzubauen. Während alle anderen rumstanden und klagten, haben ein Kollege und ich einfach den Monitor aus dem Regal genommen und auf den Tisch gestellt. War deutlich besser als auf die IT-Jungs zu warten. Seltsam, dass sonst keiner auf die Idee kam …“

(Quelle: Klaus Schuster, „Wenn Manager Mist bauen“ )

Mach einfach!

„Das Blöde an ›Mach einfach!‹ ist: Seit alle wissen, dass unsere Abteilung´ einfach mal macht, lösen wir auch die Probleme aller anderen Abteilungen, die gerne jede Verantwortung von sich schieben und sich nur noch Routineaufträge zutrauen.“

Entscheidungen treffen

„Leider trauen sich nur sehr wenige Manager, Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen haben den kleinen Haken, dass sie eventuell falsch sein könnten, weshalb viele leider die falsche Entscheidung treffen – nämlich keine.“

Reportings ohne Ende

„Ich kenne Vertriebsorganisationen, bei denen die Account Manager vier Tage die Woche Reports verfassen und folgerichtig nur einen Tag die Woche beim Kunden sind. Desaströs.“

Die geliebte Routine

„Es besteht ein Hang dazu, sich in Routine zu vergraben, um keine unangenehmen Entscheidungen fällen zu müssen.“

Verhalt dich mal ruhig!

„Ich glaube, dass Action Management bei uns nur so lange funktioniert, wie das Unternehmen in Notlage ist. Der Satz ›Verhalt dich mal ruhig!‹ fällt bereits, sobald wir irgendwie eine schwarze Null schreiben.“

Erfolge machen einsam

„Action Management funktioniert bei uns nicht, weil Action Manager Erfolg haben und jeder Erfolg bei uns die Neider auf den Plan ruft. Sie fürchten, dass jeder merkt, dass sie keine solchen Erfolge vorweisen können. Erfolge machen einsam.“

Bloß keine Action

„Action Manager sind oft erfolgreich, aber meist nicht beliebt, weil die anderen sich dann auch schneller bewegen müssen. Schwache Chefs finden den Action Manager auch eher unbequem …“

Weniger Anerkennung

„Action Manager ernten bei uns meist weniger Anerkennung als diejenigen, die sich mehr aufs Schwafeln konzentrieren.“

Sie haben auch ein Beispiel?

Dann schreiben Sie mir: c.groh@vhb.de

Und sogar Akademikerinnen müssen damit rechnen, dass der Chef sie einspannt, um den Tisch im Meeting-Raum zu decken, den Kaffee zu kochen oder noch rasch einen Blumenstrauß für die Frau des Vorstands zu besorgen. „Und könnten Sie mir noch schnell eine Kopie machen? Und den Flug für morgen buchen?“ Klar doch!

Aber wenn es um die Macht geht, bleiben Frauen oft außen vor. Die Herren der Schöpfung stecken ihre Köpfe vor dem Meeting zusammen, um im Vorfeld zu beschließen, was später angeblich erst beschlossen wird. Doch sobald eine Frau ihren Standpunkt im Meeting vertritt, hört ihr entweder keiner zu. Oder ihre Worte werden so lange ignoriert, bis einer aus der Männerrunde genau dasselbe sagt – und dafür stürmischen Applaus der Kollegen erntet: „Bravo, Karl-Heinz, eine vorzügliche Idee!“

Männer scheinen sich einig, dass eine gehobene Führungskraft dreierlei braucht: Durchsetzungsstärke, Kompromisslosigkeit und Bartwuchs. Eingestellt wird nach dem Ähnlichkeits-Prinzip. In einer Studie der German Consulting Group behaupteten 94 Prozent der männlichen Führungskräfte, „weibliche Talente“ stellten im Topmanagement keinerlei Mehrwert dar. Die wichtigsten Eigenschaften seien typisch „männlich“. Dabei wies die Unternehmensberatung McKinsey für Europa nach: Wo unverhältnismäßig viele Frauen in der Führungscrew sitzen, sind die Gewinne um 48 Prozent höher.

Kommentare (2)

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Herr Tom Schmidt

11.10.2016, 10:42 Uhr

Was für ein Schwachsinn. Die Farbe "rosarot" wird für alle verwendet. Haben Sie unterschrieben kommt der Alltag.

Alle beschriebenen Umstände stimmen, werden aber genauso für Männer angewendet:

Versetzung? Abgelehnt wegen der Familie? Karriere vorbei...

Meinen Sie als Mann kann man per se besser aussprechen? Schwachsinn! Da gibt es diejenigen, die reden und die die immer schweigen, auch unter Männern.

Schwache Leute befördern um es leichter zu haben? Natürlich! Aber es ist sch... egal ob das ein Mann oder eine Frau ist. Die Kunst ist es sich so aufzustellen, dass man unter dem Radar der Bremser durchrutscht und seine Truppen so aufgestellt hat, dass man damit weiterkommt. Mit wem man da im Team spielt ist vollkommen egal... so lange es (und die einzelnen Mitglieder) funktionieren.

Herr Tom Schmidt

11.10.2016, 10:46 Uhr

Noch was: ein großes Problem von Frauen in einer Firmenhierarchie ist aber auch die Inkompatibilität mit anderen Frauen. Ab zwei Frauen im Team wird es kritisch, und wenn dann gestritten wird, dann gibt es keine Gnade und kein Ende...

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