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08.04.2014

14:23 Uhr

MINT-Chancen für Frauen

„Der Wettbewerb um Chefposten ist härter geworden“

VonClaudia Nemat

Die meisten Frauen folgen beim Studienfach einem geschlechtsspezifischem Stereotyp und vergeben so Karrierechancen, sagt Telekom-Vorstandsfrau Claudia Nemat. Dabei ist gerade für MINT-Absolventinnen das Potenzial riesig.

Claudia Nemat zog vor drei Jahren als erste Frau in den Telekom-Vorstand ein. Dort bringt die Naturwissenschaftlerin nicht nur das Europageschäft in Schwung, sondern verhilft auch mehr Frauen in die Chefetagen. PR

Claudia Nemat zog vor drei Jahren als erste Frau in den Telekom-Vorstand ein. Dort bringt die Naturwissenschaftlerin nicht nur das Europageschäft in Schwung, sondern verhilft auch mehr Frauen in die Chefetagen.

BonnDie Voraussetzungen für Frauen, die Karriere machen wollen, waren nie leichter als heute. Frauenquoten, flexible Arbeitszeitmodelle, Vätermonate beim Elterngeld sind nur einige Instrumente, die dabei helfen sollen, mehr Frauen in die Chefetagen zu bringen. Es geht also voran, mitunter in kleinen Schritten, aber immerhin: Frauen klopfen unüberhörbar an den Türen der Aufsichtsratsgremien, Vorstände oder Geschäftsführungen. 

Nach wie vor tun das aber auch die Männer und damit ist klar: Der Wettbewerb um die Chefposten ist härter geworden. Das ist gut so! Dabei könnte der Wettbewerb der besten Köpfe noch breiter ausgetragen werden. Denn es gibt immer noch Berufsfelder mit reichlich blinden Flecken, was den Anteil von Frauen angeht. Das gilt vor allem für technische und naturwissenschaftlich geprägte Tätigkeiten.

Zehn Dinge, mit denen Frauen ihre Karriere riskieren

Lieber Spaß als Macht

Fragt man eine Frau: Was ist Ihnen an ihrem Job wichtig? Lautet die Antwort nicht, mein Firmenwagen, das üppige Gehalt oder der leistungsabhängige Bonus. Nein! Frauen wollen hauptsächlich Spaß an der Arbeit. Während 49 Prozent der Frauen sich ein freundliches Arbeitsumfeld wünschen und 44 Prozent Wert auf vielfältige Arbeitsaufgaben legen, sind nur 16 Prozent auf Prestige und 9 Prozent auf eine rasche Beförderung aus.

Keine Ellenbogenmentalität

Gerade in größeren Abteilungen müssen sich Mitarbeiter häufig gegen ihre Kollegen durchsetzen, um sich Gehör und Respekt beim Chef zu verschaffen. Doch gerade dieser interne Konkurrenzkampf gefällt vor allem Frauen nicht. Eine Umfrage von TNS Emnid und der Axa-Versicherung zeigt, dass über ein Drittel aller Frauen Angst vor dem Konkurrenzkampf mit Kollegen haben. Nur 15 Prozent ihrer männlichen Mitstreiter sorgen sich darum.

Übersteigerter Teamgeist

Teamfähigkeit gilt als einer der wichtigsten Soft-Skills und gerade Frauen bevorzugen diese Form des Arbeitens. Ein Experiment an der Universität Lyon hat gezeigt, dass Männer vor allem dann Teamarbeit nutzen, wenn sie in dem geprüften Bereich nicht so leistungsfähig sind. Frauen arbeiten generell lieber im Team, unabhängig davon wie stark sie selbst auf dem jeweiligen Gebiet sind. Eine durchaus positive Fähigkeit, solange die eigene Leistung nicht vom Können des Teams überschattet wird.

Falsche Studienwahl

Die karriererelevanten Studienfächer sind nach wie vor Wirtschaftswissenschaften, Jura und Ingenieurswissenschaften. Während bei den Wirtschaftswissenschaften im Wintersemester 2010 immerhin 45 Prozent der deutschen Studierenden weiblich waren und bei Jura sogar über die Hälfte, sieht es im Bereich der Ingenieurswissenschaften weiterhin düster aus. Die Maschinenbaustudiengänge verzeichneten gerade einmal einen Frauenanteil von neun Prozent. Bei Elektrotechnik waren es sogar nur sechs Prozent.

Zu wenig Selbstbewusstsein

Frauen verkaufen sich häufig unter Wert und trauen sich selbst viel zu wenig zu. Eine Studie des Beratungsunternehmens Accenture zeigt, dass Frauen sich selbst beschuldigen, wenn es um die Gründe für ihre schlechten Aufstiegschancen geht. 28 Prozent der befragten Damen sagen, ihnen fehlten die nötigen Fertigkeiten für den nächsten Schritt auf der Karriereleiter.  

Chefinnen unerwünscht

Nicht nur Männer wollen keine Frauen als Chef, sogar die weiblichen Arbeitnehmer sind von Frauen in Führungspositionen wenig überzeugt. Nur drei Prozent wollen eine Chefin. Neunmal so viele finden es besser einen Mann als Chef zu haben. Das ergab eine repräsentative Umfrage der Meinungsforscher von Forsa.    

Rivalität unter Frauen

Damit in Zusammenhang könnte das Phänomen der Stutenbissigkeit stehen. Eine Studie der Universität Amsterdam belegt, dass Frauen zwar gut kooperieren können, aber nur so lange sie mit männlichen Kollegen zu tun haben. Sobald sie mit Frauen zusammenarbeiten sollen, ist es um den Teamgeist schlechter bestellt. Ein internationales Forscher Team setzte kürzlich sogar noch einen obendrauf. Sie fanden heraus, dass die Damen besonders schlecht miteinander können, wenn die jeweils andere bei den männlichen Kollegen gut ankommt. 

Über Geld spricht man nicht

Selbst Frauen in Führungspositionen verdienen immer noch deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung unter 12.000 Akademikern zeigt die Unterschiede. Ein männlicher Abteilungsleiter verdient etwa 5000 Euro monatlich, sein weibliches Pendant gerademal 3800 Euro. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Frauen bei Gehaltsverhandlungen mit weniger zufrieden sind und andere Faktoren wichtiger finden.

Familie oder Beruf? Familie!

Zugegeben, es ist nicht einfach Familie und Karriere miteinander in Einklang zu bringen. 72 Prozent der Mütter von minderjährigen Kindern halten dieses Unterfangen für schwierig. Und die Mütter sind es letztendlich auch, die in Sachen Karriere den Kürzeren ziehen. Dafür verantwortlich sind die traditionellen Vorstellungen von Familie, die sowohl Männer als auch Frauen immer noch mit sich herumtragen. Während 2010 nur etwa 5 Prozent der Väter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit arbeiteten, waren es über 68 Prozent der Mütter.  

Der fehlende Wille

Zu all diesen Karrierehemmnissen kommt ein zentraler Punkt hinzu. Viele Frauen wollen überhaupt nicht aufsteigen. Das Beratungsunternehmen Accenture fand heraus, dass nur jede fünfte Frau ihre Karriere überhaupt vorantreiben will. Ganze 70 Prozent sind mit ihrer aktuellen Position im Unternehmen zufrieden.

Wer in die Hörsäle unserer Hochschulen schaut, dem fällt auf, dass junge Frauen deutlich weniger naturwissenschaftliche Studienfächer belegen als ihre männlichen Kommilitonen. Mit gerade mal gut ein Drittel stagniert der Anteil junger Frauen, die ein  MINT-Studium absolvieren (Anm.: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Besonders bei den Ingenieurwissenschaften sind Frauen mit gut 20 Prozent deutlich unterrepräsentiert. In den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften ist die Absolventenquote mit etwa 40 Prozent nicht ganz so schlecht, obgleich der Anteil weiblicher Erstabsolventen in den letzten Jahren kaum zugenommen hat. Die meisten jungen Frauen folgen bei der Wahl es Studienfaches leider doch einem geschlechtsspezifischem Stereotyp und vergeben dadurch womöglich Karrierechancen.

Nicht nur als Physikerin und Mathematikerin bedaure ich diese Entwicklung sehr. Mehr weibliche Mint-Absolventinnen würde nämlich nicht nur das Potenzial an weiblichen Führungskräften in den Unternehmen erhöhen, sondern auch den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken und zukunftssicher machen.

Der Engpass an qualifizierten Fachkräften mit technisch-naturwissenschaftlichen Hintergrund  ist ein strukturelles Problem, das heute schon als Wachstums- und Innovationsbremse in bestimmten Branchen und Regionen wirkt – mit dem Risiko von hohen Wertschöpfungsverlusten für die deutsche Volkswirtschaft.

Deutsche Schüler belegen im internationalen Vergleich, wenn es um mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen geht, nur einen Mittelfeldplatz. Das ist auf Dauer für den Technologiestandort Deutschland zu wenig. Wir müssen also an unseren Schulen alles dafür tun, um mehr Jungen und Mädchen für die Naturwissenschaften zu begeistern.

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