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26.11.2016

15:14 Uhr

Väterbarometer

Stellenweise freundlich

VonClaudia Obmann

Der Nachwuchs kommt in die Schule oder zu Hause herrscht Teenie-Alarm. Wie gut können Männer Job und Familie verbinden? Eine exklusive Umfrage zeigt, wo Arbeitgeber in punkto Väterfreundlichkeit nachbessern müssen.

Ein Vater übt mit seinen Kindern Klavier: Nachmittags für Sohn oder Tochter da zu sein, ist für angestellte Männer Luxus. picture alliance / Westend61

Musikunterricht

Ein Vater übt mit seinen Kindern Klavier: Nachmittags für Sohn oder Tochter da zu sein, ist für angestellte Männer Luxus.

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Überraschend positiv reagierte Christoph Mönnikes´ Chef auf die Teilzeit-Idee, als das erste Kind des Controllers unterwegs war. Mönnikes wollte vorübergehend nur noch halbtags arbeiten. „Mein Chef signalisierte mir, dass eine Familienphase kein Problem sei und ich meine Arbeit doch auch aus dem Home Office erledigen könne“, erzählt der Diplom-Kaufmann. Das war vor zehn Jahren. Als 2008 dann Mönnikes zweites Kind zur Welt kam und der Controller ein Jahr Elternzeit beantragte, fiel die Reaktion des Vorgesetzten schon deutlich kühler aus. Bei der Ankündigung der dritten Schwangerschaft forderte Mönnikes´ Chef 2010 knapp: „Jetzt ist aber mal ihre Frau dran mit Elternzeit“.

Doch Mönnikes Gattin hatte andere Pläne: Sigrid Nikutta, damals 41, machte gerade Karriere im Bahn-Konzern, wo sie zunächst Chefin aller Lokführer im Güterbereich und später dann Produktionsvorstand in Polen war. 2011 wechselte die Diplom-Psychologin den Arbeitgeber und leitet seitdem die Berliner Verkehrsbetriebe mit rund 13000 Mitarbeitern.

Zehn Motivationsmärchen, die Sie besser nicht glauben

Alles ist möglich – Inklusive Bankrott, Burn-out und Betrug

Der faule Zauber: „Du kannst alles erreichen, wenn du nur wirklich willst“. Das ist Bullshit. Jeder von uns hat Grenzen, körperliche, mentale, intellektuelle, finanzielle... Es kann definitiv nicht jeder Astronaut, Millionär oder auch nur Frauenschwarm werden.

Der wahre Kern: In den meisten von uns steckt mehr, als wir denken und uns zutrauen. Vielen Menschen täten eine optimistischere Grundhaltung und mehr Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten gut. Wer die Messlatte etwas höher legt und mutig handelt, erreicht mehr als jemand, der zu früh aufgibt. Insofern ist „Alles ist möglich!“ eine positive Provokation, die (typisch deutsches?) Miesmachertum und „Das haben wir noch nie so gemacht“-Lethargie infrage stellt.

Tsjakkaa! Urschrei-Therapie für Versager

Der faule Zauber: Wer Tsjakkaa schreit, wird unbesiegbar. Er spornt Sie zu großen Leistungen an, so das „Du schaffst es!“-Versprechen. Das stimmt so nicht, denn Schreien gibt allenfalls einen kurzen Kraftimpuls. Möglicherweise ist der Tsjakkaa-Schrei deswegen so beliebt, weil er als euphorisches Erlebnis, als Überlegenheitsgeste, als Aufbegehren gegen eigene Ängste empfunden werden kann. Ein solcher Schrei gibt einen kurzen Schub, man fühlt sich eine Sekunde lang unbesiegbar. Doch der Effekt verpufft, er hat keine Nachhaltigkeit.

Der wahre Kern: Ein Ritual vor großen Herausforderungen kann die Angst dämpfen und die Konzentration fördern.

Positiv Denken! Selbstbetrug statt Aufbruchstimmung

Der faule Zauber: „Erfolg entsteht im Kopf“, so die These. Doch bei den meisten Menschen bleibt er auch dort. Wer positiv denkt, programmiert sein „Unterbewusstsein“ angeblich auf Erfolg und lebt allein durch die Kraft seiner Gedanken glücklicher, erfolgreicher und gesünder.

Der wahre Kern: Eine optimistische Grundhaltung hilft, Herausforderungen zu meistern. Und man kann trainieren, sich nicht von Grübeleien und negativen Gedanken überwältigen zu lassen.

Ziele setzen! Es könnte alles so einfach sein...

Der faule Zauber: „Schreiben Sie Ihre Ziele auf und profitieren Sie von der magischen Wirkung schriftlich fixierter Zielvorstellungen!“, so das kühne Versprechen.

Der wahre Kern: Ziele wirken tatsächlich wie ein Kompass und steuern Handlungsrichtung, - dauer und -intensität. Auch eine schriftliche Fixierung ist von Vorteil. Darüber hinaus kommt es aber vor allem darauf an, ins Handeln zu kommen. Aufschreiben allein genügt nicht!

Visualisieren! Fata Morgana der Träumer

Der faule Zauber: ...besteht in der Behauptung, eine Zielcollage entfalte eine geradezu magische Wirkung und lasse die ausgewählten Bilder quasi automatisch Wirklichkeit werden.

Der wahre Kern: Im Brainstorming und bei der Ideenfindung kann man gut mit Bildern arbeiten. Und: Was wir vor Augen haben oder was uns beschäftigt, lenkt unsere Aufmerksamkeit. Sich mit seinen Zielen auseinanderzusetzen schärft daher die Wahrnehmung für thematisch Passendes.

Glaub an dich! Sprüche statt Strategien

Der faule Zauber: ...entsteht, wenn banale Trostsprüche sich als echte Hilfestellung tarnen.

Der wahre Kern: Kurzfristig tut Trost gut, und wir alle brauchen gelegentlich Trost. Der sollte uns allerdings nicht einlullen und nicht davon abhalten, ins Handeln zu kommen.

Sei ein Teamspieler! Wer's glaubt, wird selig aber nicht erfolgreich

Der faule Zauber: ...besteht im Lobgesang auf eine nicht näher definierte „Teamfähigkeit“. Wer sich im Team versteckt und Konflikte scheut, wird es nicht weit bringen.

Der wahre Kern: Wer andere für sich und seine Ziele gewinnen kann, kommt leichter vorwärts. Dafür muss man aber Teams nutzen können, statt sie als bequeme Hängematte misszuverstehen.

Lauf Marathon! Unsinn des sportlichen Aktionismus

Der faule Zauber: Es wird suggeriert, (extreme) körperliche Fitness sei der Schlüssel zum Erfolg auch auf anderen Gebieten.

Der wahre Kern: Menschen, die gesund leben, sind im Allgemeinen leistungsfähiger.

Sei ganz du selbst! Die Lüge des Authentischseins

Der faule Zauber: ...besagt, dass man „einfach“ nur man selbst sein müsse, und alles werde sich zum Besseren wenden. Das ist im besten Fall nichtssagend, im schlimmsten Fall irreführend. „Wähle dir Rollen, die zu deinen Werten und Eigenschaften passen, und reflektiere regelmäßig, wie du diese Rollen am besten ausfüllen kannst“, wäre ein ehrlicher und angemessener Rat. Nur ist der für das simple Weltbild, das die Tsjakkaa-Propheten verkaufen, vielleicht ein wenig zu komplex.

Der wahre Kern: ...besteht darin, dass Menschen, die im Einklang mit ihren Werten und Bedürfnissen leben, glücklicher und potentiell auch erfolgreicher sind als Menschen, die das Gefühl haben, sich täglich verbiegen zu müssen.

Hab Spaß! Das Lächeln der Loser

Der faule Zauber: „Hab Spaß“ wird zur Erfolgsphilosophie überhöht, nach dem Motto: „Lächle in die Welt, und die Welt lächelt zurück.“ Das lädt zur Realitätsflucht ein und verhindert einen angemessenen Umgang mit Krisen. Wer die Erwartung schürt, der Job, das Leben (die Beziehung, der Sport etc.) solle immer Spaß machen, braucht vor allem eines - unbeschränkten Zugang zu Glückspillen.

Der wahre Kern: ... ist, dass man Erfolge feiern sollte, um Kraft für die Zukunft zu schöpfen, und dass in einem erfüllten Leben auch Platz für Freude und Genuss ist.

Quelle

Rolf Schmiel

Senkrechtstarter – Wie aus Frust und Niederlagen die größten Erfolge entstehen

Campus Verlag; Auflage: 1 (10. September 2014)
ISBN-10: 3593500086
ISBN-13: 978-3593500089

Während Sigrid Nikutta also zu einer der wenigen Spitzenmanagerinnen der deutschen Wirtschaft avancierte, erlebte ihr Mann auf seiner Teilzeit-Stelle in Frankfurt zunehmende Spannungen: Erst verlor er seine Lieblingsprojekte, dann wurde ihm ein Vollzeit-Kollege vor die Nase gesetzt. Als sich Kind Nummer vier ankündigte, hielt den Familienvater deshalb nichts mehr davon ab, seiner Frau von Wiesbaden nach Berlin hinterherzuziehen und sich erneut in die Elternzeit zu verabschieden. Zu tun gab´s genug: Er kümmerte sich um den jüngsten Sohn, suchte Kitas und Schulen für seine Älteren, organisierte den Haushalt. Und 2016 kam dann auch noch das fünfte Kind des Akademiker-Paares zur Welt. Für die Jahre nach seiner Elternzeit liebäugelt Mönnikes nun mit der beruflichen Selbstständigkeit, um Job und Familie besser vereinbaren zu können.

Wären die negativen Erfahrungen, die Mönnikes mit seinem Arbeitgeber gemacht hat, heute undenkbar? Oder allgemeiner gefragt: Hat sich die Väterfreundlichkeit in deutschen Unternehmen inzwischen deutlich verbessert? Nicht wirklich, zeigt das aktuelle Väterbarometer des Bundesfamilienministeriums, für das jedes Jahr 1000 angestellte Väter minderjähriger Kinder und 300 Arbeitgeber aller Branchen und Größenklassen befragt werden. Die Ergebnisse der Befragung veröffentlicht das Handelsblatt exklusiv.

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