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01.02.2017

12:40 Uhr

Verhaltensbiologin Barbara Niedner

„Trump wäre kein Tier, das Sozialverhalten zeigt“

VonTanja Kewes

Die Verhaltensbiologin und Führungskräftetrainerin erklärt, was Manager von der Pusteblume lernen können, wann Algorithmen schädlich sind und was gewisse Spitzenpolitiker wie Donald Trump mit Brüllaffen gemeinsam haben.

Wer als Führungskraft soviel Aufmerksamkeit bekommt, wie dieser Menschenaffe, tut gut daran, für die Angehörigen seiner Gruppe ebenso großen Nutzen zu stiften.

Tierisches Gebrüll

Wer als Führungskraft soviel Aufmerksamkeit bekommt, wie dieser Menschenaffe, tut gut daran, für die Angehörigen seiner Gruppe ebenso großen Nutzen zu stiften.

Düsseldorf„Haben Sie den Brüllaffen vor Augen?“ Barbara Niedner wartet die Antwort auf ihre Frage gar nicht erst ab. Sie macht ihn einfach, den Brüllaffen. Sie reißt Augen und Mund auf und schreit los. Ihre Arme und Hände fuchteln dabei wild herum. Barbara Niedner ist Verhaltensforscherin. Sie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Eigenheiten menschlichen Verhaltens: Wie wird Macht demonstriert? Wie Zu-, wie Abneigung? Ihre Analysen und Vergleiche sind unterhaltsam wie erhellend. Die 53-Jährige ist eine gefragte Managementberaterin und Rednerin. In Donald Trump hat sie, wie sie scherzt, „ein neues Anschauungsobjekt“ gefunden.

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Frau Niedner, Sie sind Verhaltensbiologin. Wenn Donald Trump ein Tier wäre, welches wäre er?
Alle Tierarten, die ein Sozialverhalten zeigen, fallen schon einmal raus. Es muss ein dominantes Tier sein, ein Einzelgänger. Vielleicht könnte er ein Krokodil sein. Nein, das ist zu ruhig. Dann ein Hahn. Nein, die Hackordnung ist zu krass. Denn etwas mehr Empathie als einem hackenden Hahn gestehe ich Donald Trump schon zu, auch wenn er sie öffentlich nicht zeigt. Schauen Sie sich mal einen Brüllaffen an, der kilometerweit hörbar ist. Ja, ein Brüllaffe signalisiert seine Anwesenheit lautstark und achtet auf eine strikte Hierarchie, wer oben und unten ist, und meidet so energieaufwendige Kämpfe.

Fühlen Sie sich angesichts mancher Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft manchmal wie im Affenhaus?
Ich liebe die Menschenaffen und bin immer wieder beeindruckt, wie nahe sie uns in ihrem Verhalten sind und wie raffiniert sie sich in der Gruppe durchsetzen und Einfluss gewinnen. Wir Menschen denken, dass wir weit weg wären und weiter entwickelt. Das ist eine dumme Arroganz. Gehen Sie mal ins Affenhaus, und beobachten Sie das Treiben dort eine Weile, und Sie werden sich und andere wiederfinden.

Die größten Parallelen zwischen Affen und Angestellten

Der Vergleich hinkt nicht

Uns unterscheiden nur 1,6 Prozent unserer Gene vom Schimpansen. Patrick van Veen hat sich das genauer angesehen. Der studierte Biologe und Unternehmensberater war auch langjähriger Projektleiter bei einer Versicherung. In seinem Buch „Hilfe, mein Chef ist ein Affe“ (Knaus Verlag) zieht er spannende Parallelen. Einige Beispiele.

Frauen, verbündet euch!

Bei den Bonobos haben ausnahmslos Weibchen das Sagen. Woran das liegt? Weil Sie extrem stark zusammenhalten und so die Männer von der Macht verdrängen. Bei den Menschen verbünden sich Männer untereinander sehr viel häufiger als Frauen. Vielleicht gibt es deshalb so wenige weibliche Führungskräfte?

Alle brauchen Regeln

Auch wenn sie nicht aufgeschrieben werden: In einer Affengruppen gibt es klare Regeln, ohne die nichts funktionieren würde. Kein anderes Tier ist uns da so ähnlich. Verstöße werden in beiden Fällen geahndet.

Stressabbau

Was zu Stressreaktionen führt, ist bei Menschen und Affen ziemlich ähnlich. Genau wie auch die Methode, um allzu große Belastung abzubauen: mit Kampf oder Flucht. Was uns mit unseren nächsten Verwandten verbindet ist die Fähigkeit, nach Stressreaktionen verzeihen zu können.

Starker Führer gebraucht

Eine Gruppe Affen braucht einen starken Führer, der Ruhe ausstrahlt und ein Gefühl der Sicherheit verbreitet. Dabei sind die Kriterien, die an Leader gestellt werden, in einer Affengruppe erstaunlich ähnlich wie in einem Unternehmen.

Bedrohungen wahrnehmen

Für einen erfolgreichen Machterhalt ist sowohl bei Managern als auch bei Affen eine Eigenschaft von größter Bedeutung: das Gefühl für nahende Bedrohungen. Gorilla-Alphatiere reagieren auf alles, was ihre Gruppe oder die eigene Stellung gefährden könnte. Und auch erfolgreiche Manager haben diese Eigenschaft, ohne es damit allerdings zu übertreiben.

Das Äußere muss stimmen

Ein groß gewachsener Chef mit feinem Zwirn und makellosem Äußeren hat es einfacher, sich Respekt zu verschaffen. Alphatiere in einer Affengruppe leben genauso von ihren äußerlichen Attributen inklusive des Imponiergehabes.

Freunde um sich scharen

Alphatiere scharen Freunde um sich, um die eigene Position zu festigen. Auch hier gibt es eine auffällige Parallele zwischen Managern und Affen. Wenn ein externer Chef kommt, bringt er oft alte Weggefährten mit ins Unternehmen und setzt sie auf wichtige Positionen, weil er ihnen blind vertrauen kann.

Konsequenzen abschätzen

Affen können wie auch Menschen die Folgen ihres Verhaltens abschätzen. Wenn der Affe etwas scheinbar Selbstloses tut, macht er das nur, weil er sich einen Vorteil davon verspricht.

Auch wir Menschen lausen uns

Affen lausen sich gegenseitig. Menschen erfüllen diese soziale Funktion auch – aber natürlich auf andere Art und Weise: Wir lausen mit Komplimenten und zeigen unser Interesse á la „Wie war es im Urlaub?“.

Die Nahrungsaufnahme

Auch das Essen ist sowohl in einer Affengruppe als auch im Betrieb ein wichtiges Momentum. Wer seine Nahrung teilt, bekommt Unterstützung. Der Gang in die Kantine, die Auswahl der Tischpartner und überhaupt die Sitzordnung sagt hier wie da eine Menge über die Gruppe aus.

Veränderung tut gut

Affen können sich schneller als fast alle anderen Tierarten an Veränderungen in ihrer Umgebung gewöhnen und sich anpassen. Und auch in einem Unternehmen ist diese Fähigkeit von größter Wichtigkeit.

Neue Mitarbeiter

Wenn neue Mitarbeiter in ein Unternehmen kommen, müssen sie sich beweisen und werden – mal mehr, mal weniger – kritisch beäugt. Wenn in eine Affengruppe ein neues Mitglied eintritt, was vor allem in Zoos passiert, ist es sehr ähnlich: Auch hier vollzieht sich die Eingewöhnung sehr behutsam.

Der größte Unterschied

Aber natürlich gibt es auch elementare Unterschiede im Verhalten zwischen arbeitenden Menschen und Affen. Dazu gehört vor allem die Tatsache, dass Affen ihren Tag immer in derselben Gruppe verbringen. Wir Menschen dagegen wechseln zwischen Familie und Arbeitskollegen. Umso schwieriger ist es für uns manchmal, beide Seiten gleichermaßen zufriedenzustellen.

Was sagt der Aufstieg eines solch angriffslustigen Einzelgängers über unser Gesellschaftssystem aus? Ist das noch menschlich oder schon allzu tierisch?
In der freien Wildbahn entwickeln sich vielfältige Sozialsysteme, die angeführt werden von Alphas, die, angepasst an das jeweilige Umfeld, einen Nutzwert für jedes einzelne Individuum einer sozialen Gruppe bieten. In der menschlichen Gesellschaft wurden in den vergangenen Jahren aber einige allgemeingültige Werte sowie Regeln aufgeweicht. Die Unwahrheit zu sagen oder andere Menschen zu diskriminieren, wie es im amerikanischen Wahlkampf mehrfach vorkam, wird zwar in unseren Kindergärten sanktioniert, in den Spitzen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aber eben häufig genug nicht. Ganz im Gegenteil: Trump wurde von seiner Partei aufgestellt und von den Bürgern gewählt.

Gibt es ähnliche Tendenzen auch in der deutschen Politik?
Ja, durchaus. Bei uns haben sich politische Partner auch schon gegenseitig als „Gurkentruppe“ und „Wildsäue“ bezeichnet. Ich habe mich schon häufiger gefragt: Leben wir vielleicht bald auch in einer Rambo-First-Republik? Denn, und jetzt sind wir in der Verhaltensbiologie: in so einem rauen Klima kommen nur Typen wie Donald Trump an die Spitze. Das ist evolutionsmäßig gesehen ein negativer Selektionsmechanismus, der sich auch noch selbst verstärkt.

Trump ist mittels Twitter bekannt geworden. Welche tierischen Bedürfnisse befriedigt der Kurznachrichtendienst?
Aufmerksamkeit. Auf diese provozierende Art 140-Zeichen-Botschaften rauszuhauen ist vergleichbar mit dem Schreien und Brusttrommeln eines Menschenaffen. Der Inhalt ist dabei egal, Hauptsache laut und dauernd. Und wer die Aufmerksamkeit der anderen genießt, hat Macht und Einfluss. Alphas – ob Mensch oder Tier – sind bekannt, einzigartig und machen sich so wertvoll. Donald Trump bietet dazu noch seine dreisten Gewinnergesten und das selbstsichere Plusgesicht. In unserem Gehirn gibt es VIP-Plätze für uns bekannte, vertraute Personen. Das bringt gleich mehrere Vorteile mit sich: Wem vertraut wird, der muss nicht lange argumentieren oder detailgenaue Pläne abliefern – er kann gleich loslegen. Das spart viel Zeit, und löst weitere Begehrlichkeiten aus.

Kommentare (16)

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Account gelöscht!

01.02.2017, 13:05 Uhr

Trump ist ein Macher! PUNKT!

Account gelöscht!

01.02.2017, 13:31 Uhr

@Annette Bollmohr
Die Schwätzer sind das Problem in der Politik und nicht die Macher.
Auch Merkel ist eine Macherin...eine Macherin, die willkürlich den Kernkraftausstieg beschlossen hat, die willkürlich die Schulden der EU Länder auf Kosten von uns Bürgern durchgesetzt hat, die willkürlich eine illegale und offene Einwanderungs- Grenzpolitik betriebt...
Der Unterschied zwischen dem Macher Trump und der Macherin Merkel besteht nur darin...Trump macht es zum Wohl des US Volk und die Merkel zum Schaden des Deutschen Volk.

Herr Franz Paul

01.02.2017, 13:32 Uhr

Wenn ich sowas lese, dann wünsche ich mir, dass an den vielen Agentengeschichten etwas Wahres dran ist. Und die NSA die ganzen Trump-Hater schon kennt. Und der Eine oder die Andere Trump-Hater(in) demnächst mal Besuch bekommen, mit dem sie nicht gerechnet haben.

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