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12.03.2017

09:30 Uhr

Carsharing in Unternehmen

Teilen leicht gemacht – auch beim Auto

VonSteffen Ermisch

Carsharing liegt im Trend. Auch in Unternehmen sind gemeinsam genutzte Firmenautos weitverbreitet. Doch die Verwaltung der Flotten läuft meist aufwendig per Hand. Neue Technik verspricht mehr Komfort zu geringeren Kosten.

Mitarbeiter teilen den Dienstwagen nun auch privat. PR

Flexibel

Mitarbeiter teilen den Dienstwagen nun auch privat.

KölnLange Zeit führte kein Weg am Pförtner vorbei, wenn ein Geschäftstermin anstand. Telefonisch konnten Mitarbeiter der Prüfungsgesellschaft Tüv Rheinland LGA Products (TRLP) ein Auto aus dem Firmenwagenpool reservieren, in der Empfangshalle wurden dann Schlüssel und Papiere ausgehändigt. Heute läuft das viel einfacher: Wer ein Auto braucht, bucht es über eine Internetplattform und marschiert direkt zum Parkplatz. Als Türöffner dient ein kleiner Funkchip auf dem Führerschein, der mit einem Lesegerät an der Windschutzscheibe kommuniziert. Schlüssel, Papiere und Tankkarte liegen im Handschuhfach.

Für die Mitarbeiter ist das bequemer – zugleich spart das Unternehmen viel Geld. „Dank des elektronischen Buchungssystems lassen sich die Fahrzeuge sehr viel besser auslasten“, sagt Werner Kreuzer, Fuhrparkleiter des Tüv Rheinland. „Dadurch konnten wir zwei der ursprünglich sechs Poolfahrzeuge der TRLP einsparen.“ Das Ende 2014 eingeführte System senke auch den Verwaltungsaufwand. Dem gegenüber stehen monatliche Nutzungsgebühren für die Technik, die Daimler Fleet Management bereitstellt.

Autos teilen statt besitzen: Das Carsharing gilt als einer der größten Mobilitätstrends – inzwischen 1,7 Millionen Menschen sind laut Bundesverband Carsharing bei Anbietern wie Cambio, Flinkster, DriveNow oder Car2go registriert. Bei Unternehmen hat das Fahrzeugteilen eine lange Tradition: Neben personengebundenen Firmenwagen gibt es vielfach Dienstfahrzeuge, die Mitarbeiter für einzelne Fahrten nutzen können. Doch der Verwaltungsaufwand für den Fahrzeugpool ist nicht zu unterschätzen. Immer mehr Dienstleister versprechen hier Erleichterung – und bewerben ihre Lösungen unter dem Schlagwort Corporate Carsharing.

Die Bandbreite der Angebote ist groß. Elektronische Buchungssysteme für bestehende Fahrzeuge gehören genauso dazu wie Komplettpakete, bei denen die Carsharing-Autos im Besitz der Anbieter bleiben. Verlässliche Zahlen über die Verbreitung gibt es nicht – fest steht aber, dass immer mehr Dienstleister hier ein lohnendes Geschäft wittern. Flottenmanager werden von IT-Start-ups, Leasingfirmen, reinen Carsharing-Unternehmen und Autoherstellern gleichermaßen umworben.

„Die Zahl der Anbieter hat in den vergangenen Jahren rasant zugenommen“, sagt Tim Ruhoff, Gründer und Geschäftsführer von Next Generation Mobility. Unter dem Markennamen Fleetster bietet das Münchener Start-up bereits seit 2012 ein internetbasiertes Buchungssystem an, mit dem Unternehmen beliebig viele Poolfahrzeuge verwalten können. Im technisch einfachsten Fall holen Mitarbeiter den Autoschlüssel beim Pförtner oder an einem frei zugänglichen Schlüsselbrett ab. Auch eine Verknüpfung mit einem elektrischen Schlüsselschrank oder sogenannten On-Board-Units einzelner Fahrzeuge ist möglich.

Die Akquise von Kunden sei anfangs schwierig gewesen, sagt Ruhoff: „Vielen Fuhrparkmanagern ist zwar klar, dass eine Software die Auslastung verbessern würde. Es gibt aber eine irrationale Angst davor, dass Fahrzeuge öfter vergriffen sein könnten.“ Tatsächlich habe die Technik den gegenteiligen Effekt. So lassen sich etwa Reservierungen automatisch stornieren, wenn der Mitarbeiter das Fahrzeug doch nicht abholt – etwa, weil sich Termine verschoben haben. Nötig ist nach Einschätzung des Gründers noch viel Aufklärungsarbeit.

Laut Ruhoff umfasst die Fleetster-Kundschaft heute 20.000 Mitarbeiter aus verschiedenen Unternehmen. Next Generation Mobility vermietet die Plattform aber auch an andere Dienstleister – die sie dann im eigenen Design vermarkten. Im vergangenen Jahr etwa gab Leaseplan, nach eigenen Angaben weltgrößter Anbieter für Fuhrparkmanagementservices, im Fachmagazin „Autoflotte“ bekannt, die Technik des Start-ups zu nutzen. Unter dem Namen „Swop Car“ plante die Leasinggesellschaft, Corporate Carsharing in zwölf Ländern einzuführen. Tests mit Kunden fanden schon statt. „Leaseplan wird sich die Ergebnisse dieser Piloten detailliert ansehen und wird über nächstfolgende Schritte entscheiden, falls es weitere Schritte geben wird“, teilt eine Sprecherin der deutschen Tochtergesellschaft mit. Vor wenigen Monaten klang es noch nach größeren Plänen.

Entschlossener als Leaseplan drängt Europcar in den Markt. Der Autovermieter hatte vor zwei Jahren das französische Start-up Ubeeqo übernommen, das bereits seit 2008 Corporate-Carsharing-Lösungen anbietet. Auf Wunsch bekommen Kunden Komplettpakete: Ubeeqo stellt gegen monatliche Raten auch die Fahrzeuge zur Verfügung – und übernimmt von der Buchung über die Reinigung bis zur Wartung die komplette Verwaltung. „Wir nehmen Flottenmanagern administrative Arbeit ab, so dass sie sich auf strategische Fragen konzentrieren können“, wirbt Deutschlandchef Max Kury.

Einen Nachfrageschub für das Carsharing erhofft sich das Start-up durch den Trend zur E-Mobilität. „Unser System berücksichtigt Reichweitenbeschränkungen und wählt immer das passende Fahrzeug aus“, erklärt Kury. „So können Flottenmanager die Akzeptanz erhöhen.“ Im vergangenen Jahr hat etwa die Restaurantkette Nordsee – einer von über 30 Unternehmenskunden des Start-ups – ein Elektrofahrzeug angeschafft.

Die Carsharing-Technologie ermöglicht es auch, Firmenautos unkompliziert für Privatfahrten zur Verfügung zu stellen. Ein solches Angebot muss sich nicht zwingend nur an Mitarbeiter richten, wie die Bremer Straßenbahn Aktiengesellschaft (BSAG) zeigt. Der Carsharing-Anbieter Move About eröffnete am Verwaltungssitz eine Station mit vier Elektroautos. Der Clou: Tagsüber sind die Autos für BSAG-Mitarbeiter geblockt, abends und am Wochenende stehen sie allen Kunden von Move About zur Verfügung.

Die Carsharing-Anbieter werben gerne damit, dass sich nicht nur Poolfahrzeuge einfacher verwalten lassen – sondern auch der Dienstwagenbestand sinken könnte. „Viele junge Fachkräfte in Großstädten wollen gar kein Auto mehr“, sagt Ruhoff. Eine Befragung der EBS Universität und der Beratung EY ergab, dass mehr als jeder vierte Dienstwagenfahrer ohne weiteres Corporate Carsharing als Ersatz akzeptieren würde. 44 Prozent würden ihre Zustimmung an Bedingungen wie eine mögliche Wochenendnutzung knüpfen. Auch beim Anbieter Alphacity, einer BMW-Tochter, können die Fahrzeuge beruflich und privat genutzt werden.

Tüv-Rheinland-Manager Kreuzer ist skeptisch, ob Mitarbeiter mit persönlich zugeordneten Fahrzeugen zum Teilen bereit wären. „Meiner Erfahrung nach werden Dienstwagen äußert ungern hergegeben.“ Im Gesamtfuhrpark von 1 800 Fahrzeugen bilden sie den mit Abstand größten Block. Der Flottenchef will das Carsharing bei Poolfahrzeugen ausbauen.

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