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18.05.2017

06:49 Uhr

Crowd-Kapital

Schöne neue Finanzierungswelt

VonJürgen Hoffmann

Viele Mittelständler möchten unabhängiger von ihrer Hausbank werden. Der Kosmos an Finanzierungsmöglichkeiten wächst. Doch häufig fehlt den Unternehmen eine klare Strategie.

Firmen verhandeln heute auf Augenhöhe mit ihren Finanzpartnern. dpa

Produktion beim Pressenhersteller Schuler

Firmen verhandeln heute auf Augenhöhe mit ihren Finanzpartnern.

HamburgMartin Koll mag schnelle Geschäfte. Daher führt für den Geschäftsführer der WvM Immobilien + Projektentwicklung immer häufiger der Weg ins Internet statt zur Hausbank, wenn er auf der Suche nach einer Finanzierung für eines seiner Bauprojekte ist. Für sein aktuelles Wohnhausvorhaben hat er sich innerhalb von nur dreieinhalb Stunden rund 865.000 Euro auf der Crowdinvesting-Plattform Exporo.de besorgt, wo er sein Vorhaben vorgestellt hatte.

Checkliste Digitales für Mittelständler

Quelle

Häufig wissen Mittelständler nicht, wie sie die Digitalisierung angehen sollten. Experte Thomas Denk vom Beratungshaus Deliberate in Böblingen empfiehlt ein strukturiertes Vorgehen.

1. Situation analysieren

Vor der Gestaltung der digitalen Transformation steht die Analyse. Was passiert gerade in meiner Branche, wie stellen sich die Konkurrenten auf, wo stehen wir und welche Ideen haben wir?

2. Erwartungen der Kunden erfüllen

Digitalisierung heißt, die veränderten Bedürfnisse der Kunden zu berücksichtigen. Hilfreich dabei: eine offene Kommunikation – direkt und über soziale Medien.

3. Kulturwandel vorantreiben

Kontinuierliche Veränderung ist notwendig. Dafür muss man bereit sein, Geschäftsprozesse ständig auf den Prüfstand zu stellen.

4. Datenqualität sichern

Nicht die Menge an Daten ist entscheidend, sondern ihre Qualität und Verknüpfung. Mittelständler sollten nur Daten erheben, die sie benötigen.

5. Ressourcen bereitstellen

Digitale Transformation wird von Menschen vorangetrieben. Dafür muss ein Chef Ressourcen bereitstellen und Know-how aufbauen.

6. Kommunikation sicherstellen

Unternehmen, die in Silos strukturiert sind, werden bei der digitalen Transformation scheitern. Benötigt wird permanenter Austausch über Motive, Ansätze und Ziele.

7. Digitalisierungsstrategie verankern

Die digitale Strategie muss Bestandteil der Unternehmensstrategie sein, klar definiert und schriftlich festgehalten werden. So kann jeder Mitarbeiter nachlesen, welche Auswirkungen sie auf das Alltagsgeschäft hat.

8. Klare Verantwortlichkeit schaffen

Digitale Transformation braucht Führung. Hilfreich ist dabei ein Chief Digital Officer, der Stratege, Projektmanager, Impulsgeber und Change Manager ist.

9. Risiken im Auge behalten

Bei jeder Veränderung darf die Arbeit an betrieblichen Abläufen und internen Strukturen nicht den Blick auf den Kunden verstellen.

10. Flexibilität schaffen, Netzwerk pflegen

Digitale Geschäftsmodelle entwickeln sich oft rasant, das erschwert Planungen. Neben der Strategiearbeit ist ein gutes Netzwerk aus Kunden, Partnern und Zulieferern wichtig.

11. Reporting aufsetzen

Digitalisierung lässt sich messen. Um Chancen auszuschöpfen, ist ein Reporting für das ganze Unternehmen notwendig.

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Rasch fanden sich 250 Kleinanleger, die bereit waren, WvM für eine Laufzeit von 15 Monaten Einzelbeträge zwischen 500 und 10.000 Euro zu leihen. Die Verzinsung dieser Nachrangdarlehen: fünf Prozent per anno. Zusammen mit den Transaktionskosten zahlt Kölns größter inhabergeführter Bauträger damit für das beschaffte Kapital effektiv rund sieben Prozent. Nicht wenig. „Aber dafür erhalten wir uns unsere Liquidität, um weiter am derzeit boomenden Immobilienmarkt agieren zu können“, erläutert Koll seine Finanzierungsstrategie. Die Mittel, die er mit Hilfe des Schwarms aufnimmt, haben für ihn zwei klare Vorteile gegenüber herkömmlichen Finanzierungsinstrumenten wie etwa der Emission einer Unternehmensanleihe oder ein Schuldscheindarlehen: „Ich kann das Volumen und die Laufzeit bestimmen“, sagt Koll.

Neue Betriebsmittelfinanzierung: Alternativen zur Hausbank

Neue Betriebsmittelfinanzierung

Alternativen zur Hausbank

Wer kurzfristig für sein Unternehmen Geld benötigt, muss nicht zwingend auf sein Kreditinstitut zurückgreifen. Private Geldgeber, Kreditplattformen und weitere kreative Finanzierungsformen stehen hoch im Kurs.

Der Kosmos an Finanzierungsmöglichkeiten ist für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) größer geworden. Neue Instrumente eröffnen neue Möglichkeiten und mehr Freiraum. Mittelständler freut das. Einer Anfang des Jahres veröffentlichten Studie des Bundesverbands Factoring für den Mittelstand (BFM) zufolge wünschen sich 57 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland mehr Unabhängigkeit von der Hausbank. Jeder zweite Finanzentscheider in KMU sieht dabei Vorteile bei modularen Finanzierungslösungen. So erklären 48 Prozent der Befragten, dass für sie eine ausgewogene Finanzierung neben Eigen- und Fremdkapital auch Beteiligungen, Factoring und Leasing umfasst. Vor diesem Hintergrund trifft es sich gut, dass für Unternehmen die Finanzierungswelt bunter geworden ist. Fast jeder zweite beurteilt die Verfügbarkeit von finanziellen Mitteln derzeit positiv, so Bibby Financial Services.

Laut einer Studie des Düsseldorfer Factoring-Anbieters ist für 37 Prozent der mittelständischen Firmen das Reinvestieren von Erträgen Finanzierungsinstrument Nummer eins, 25 Prozent arbeiten mit Krediten. Carl-Dietrich Sander, Leiter Fachgruppe Finanzierung-Rating im Bundesverband freier Berater, sieht daher trotz des Rückzugs einiger Geldinstitute aus dem Geschäft der Mittelstandsfinanzierung einen „größer gewordenen Spielraum für Kapitalsuchende“. Er erinnert daran, dass vor zehn Jahren die Unternehmen vor allem ihre Hausbank, eine Nebenbank, Eigenkapital, Leasing und – in kleinem Rahmen – Factoring für sich nutzten. „Heute arbeitet etwa jeder zweite Mittelständler mit Leasing, Factoring ist etabliert. Dazu kommen neue Finanzinstrumente“, sagt Sander.

So ist seinen Beobachtungen zufolge der Nutzungsgrad von Finetrading, also die Vorfinanzierung des Produktlagers, auf dem Vormarsch. In den vergangenen Jahren haben viele Mittelständler zudem gut verdient und Gewinne thesauriert. Eigenkapitalquoten von rund 30 Prozent sind daher keine Seltenheit. „Auf jeden Fall liegen sie deutlich höher als vor zehn Jahren“, sagt der Finanzierungsexperte.

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