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03.11.2014

09:26 Uhr

Geld für Start-ups

Kapital verzweifelt gesucht

VonLara Sogorski

Für junge Unternehmen hängt oft fast alles davon ab, nach der Entwicklungsphase Investoren und damit Geld für weiteres Wachstum zu finden – doch gerade in Deutschland scheint das fast unmöglich.

Private Geldgeber bekommen unter bestimmten Voraussetzungen staatliche Unterstützung, wenn sie in junge Unternehmen investieren. Bislang muss dieser staatliche Zuschuss aber versteuert werden. dpa

Private Geldgeber bekommen unter bestimmten Voraussetzungen staatliche Unterstützung, wenn sie in junge Unternehmen investieren. Bislang muss dieser staatliche Zuschuss aber versteuert werden.

BerlinOhne Geld haben die besten Geschäftsideen und neuesten Technologien keine Zukunft. Um sie marktfähig zu machen sind nicht selten hohe zweistellige Millionenbeträge notwendig. Gerade für junge Unternehmen hängt daher fast alles davon ab, nach der Entwicklungsphase Investoren für weiteres Wachstum zu finden. Doch gerade in Deutschland ist das fast unmöglich. „Regulatorische und steuerliche Vorgaben schrecken viele Investoren davon ab, hierzulande in innovative neue Technologien und das Wachstum der jungen Unternehmen dahinter zu investieren“, sagt Jens Wolf, Rechtsanwalt bei der Wirtschaftskanzlei Taylor Wessing. „Deshalb schafft es derzeit kaum ein deutsches Start-up, zu einem Weltmarktführer zu werden.“

Deutschland braucht dringend mehr Venture-Capital - also Geld, das nach dem Start eines Unternehmens für Wachstum und womöglich für einen Sprung auf internationale Märkte zur Verfügung steht. Laut Bundesverband deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) wurde in Deutschland in den vergangenen drei Jahren zwar rund zwei Milliarden Euro Venture-Capital in junge Firmen investiert, doch war es in den USA mit 87 Milliarden US-Dollar im selben Zeitraum dreißigmal mehr. „Wagniskapital ist deshalb so wichtig, weil es junge Unternehmen unterstützt, die aufgrund ihrer zukunftsweisenden Geschäftsmodelle oft überproportional viele Arbeitsplätze schaffen und für Wachstum sorgen“, sagt Tim Gemkow, Experte für Unternehmensfinanzierung beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Die 10 besten Ratschläge für Unternehmer

Hab Spaß

„Das Leben ist ein Marathon und kein Sprint“, sagt Thorsten Reiter, dessen Buch „Start up – Jetzt! Endlich loslegen und es richtig machen“ gerade im Campus-Verlag erschienen ist. Genauso verhält es sich auch mit dem Bestreben als Unternehmer. Reiter: „Wer lange durchhalten will, sollte Spaß an der Sache entwickeln, der er täglich nachgeht, und vor allem daran, wie er es tut.“

Glaub an dich

Unternehmer sollten sich laut Reiter darauf konzentrieren, ihre Marke auszubauen sowie ihre Arbeit zu erledigen, und aufhören, über sich und ihr potentielles Versagen nachzudenken. „Wenn sie eines Tages scheitern, werden sie es schon merken und haben genug Zeit, im Nachhinein darüber nachzudenken.“

Glück ist eine Einstellungssache

„Jeder Gründer sollte sich entscheiden, stets Glück zu haben“, rät Thorsten Reiter. Seiner Lebensphilosophie nach liegt es in den eigenen Händen, Glück zu haben. Dabei ist für den Gründer-Experten genauso richtig, dass jeder einzelne der Herr seines Schicksals ist wie der Glaube daran, dass alles, was wir erleben, durch etwas oder jemanden vorherbestimmt ist.

Versuchen ist gut, machen ist besser

Reiter rät jungen Unternehmern nicht zu „entscheiden“, wann sie gescheitert sind. „Scheitern passiert und es bleibt keine andere Wahl, als das Scheitern zu akzeptieren und daraus zu lernen.“ Getreu dem Motto von Meister Yoda in Star Wars: „Do or do not. There is no try!“.

Nutze alle Ressourcen

Haben Sie Spaß daran, Teil von etwas zu sein und nutzen Sie das für sich. Als Unternehmer erhalten Sie Zugang zu Ressourcen, für die man sonst große Summen bezahlen müsste. Reiter: „Ein Marketingplan-Wettbewerb an einer lokalen Hochschule beispielsweise gibt der Einrichtung sowie ihren Studierenden Stoff, um sich weiter zu qualifizieren“, und Ihnen als Unternehmer einen enormen Pool an neuen Ideen.

Manchmal hilt nur: Zähne zusammenbeißen!

Jungunternehmer sollten sich schnell daran gewöhnen, die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit nicht nur auszutesten, sondern sie regelmäßig zu überschreiten. Thorsten Reiter: „Nur so können sich Gründer und Erfolgssuchende sicher sein, wo sie verlaufen.“ Und: „Im gemütlichen Nine-to-Five-Sessel lassen sich keine Märkte revolutionieren und keine Konsumentenerfahrungen erschaffen, die zu wahren Ereignissen im Leben der Kunden werden.“

Gib dein Wissen weiter

Behalten Sie niemals die Dinge, die Sie auf Ihrem Weg gelernt haben, für sich. Teilen Sie, wann immer sie können, lautet die Empfehlung des Start-Up-Experten Reiter. Halten Sie also Vorträge, geben Sie Workshops oder seien sie selbst ein Mentor für andere Entrepreneure. Reiter: „Dadurch wird auch der Gründer selbst besser, versteht seine Herangehensweisen und erhöht sein Exposure.“

The winner shares it all

Steuern Sie auf Ihrem Weg gezielt Win-Win-Win-Effekte an und ermöglichen Sie es so einer größeren Anzahl von Menschen, sich mit Ihrer Idee und der Sache, für die Sie stehen, zu identifizieren. Keine Angst, das bedeutet nicht, dass Sie etwas vom Kuchen abgeben müssen; es bedeutet, so Reiter, dass alle am Ende mehr haben. Wenn jemand also einen WLAN-produzierenden Baum entwickeln würde, wäre der zusätzliche Klimafaktor solch ein Effekt.

Verändere das Spiel der Könige

Was hat Unternehmertum mit Schach zu tun? Reagieren Sie im Business nicht nur auf die Züge des Gegners, sondern gehen Sie einen Schritt weiter über die Grenzen des Bretts hinaus, rät Thorsten Reiter. So werden die Regeln des Spiels neu definiert, das Feld wird erweitert und die Möglichkeiten sind plötzlich unzählig. Wer als Unternehmer gelernt hat, das Spiel zu durchschauen, hält einen Trumpf in der Hand, der die Konkurrenz ins Chaos stürzen kann. Reiter: „Manchmal ist ein vermeintlich irrationaler Zug der entscheidende Schlag, und was von außen wie Chaos erscheint, ist lediglich die strategische Wendung hin zum eigenen Competitive Advantage und ein echter Game Changer.“

Finde deine Antworten

Sind Sie ein Unternehmer? Haben Sie den Mut dazu, Ihr Leben – egal ob angestellt oder selbstständig – nachhaltig zu verändern? Ist das der richtige, der einzige Weg? Diese Fragen möchten Thorsten Reiter jedem potentielen Gründer mit auf den Weg geben, denn er kann lediglich Denkanstöße geben. Die Antworten darauf muss jeder für sich selber finden. Reiter: „Ob du ins Abenteuer Unternehmertum aufbrechen wirst, ob diese Reise für dich bestimmt ist, kannst nur du selbst sagen. Nur du kannst diese Antworten geben.“

Die Politik will das Problem schon seit Jahren angehen, doch noch ist nicht viel passiert. Neuen Wind in die Sache hat eine Erklärung im aktuellen Koalitionsvertrag der Regierungsparteien gebracht. Darin heißt es, dass die rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen für Wagniskapital international wettbewerbsfähig gestaltet werden sollen und Deutschland als Fondsstandort attraktiv gemacht werden soll. Ein Versprechen, das man auf politischer Ebene bereits intensiv diskutiere, wie aus Branchenkreisen zu hören ist. Konkrete Lösungen sind aber nicht in Sicht.

„Wir verbauen uns die Chance auf einen neuen Mittelstand, wenn wir die Rahmenbedingungen zum Wagniskapital nicht ändern“, so Rechtsexperte Wolf. Handlungsbedarf sieht er etwa bei der deutschen Finanzaufsicht. Die Bafin mache Venture-Capital-Gesellschaften das Leben schwer, wenn sie sich bei der Aufsicht registrieren lassen wollen. Ein Gesetz auf Grundlage einer EU-Richtlinie schreibt die Registrierung vor. „Wir machen die Erfahrung, dass die deutsche Finanzaufsicht extrem restriktiv vorgeht, weil sie höhere Anforderungen stellt, als sie eigentlich nach EU-Recht müsste“, beobachtet Wolf. Damit schieße sich Deutschland ins Aus, denn andere EU-Länder legten die Richtlinie viel lockerer aus.

Auch Gemkow sieht im Steuerrecht dringenden Verbesserungsbedarf. Eine andere Baustelle erkennt er jedoch auf einem guten Weg: Private Geldgeber bekommen unter bestimmten Voraussetzungen staatliche Unterstützung, wenn sie in junge Unternehmen investieren. Bislang muss dieser staatliche Zuschuss aber versteuert werden, was die Förderung effektiv schmälert. „Wir haben die klare Zusage der Bundesregierung, dass die Besteuerung des Zuschusses abgeschafft werden soll“, so Gemkow.

Kommentare (1)

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Herr Volker Birk

03.11.2014, 14:44 Uhr

Hier ist nicht die Politik gefragt, sondern es muss endlich ein Umdenken bei den privaten Kapitaleignern in Europa geschehen. Der Staat ist hier machtlos. Er kann niemanden zum Investieren zwingen.

Jedoch sollte sich das Grosse Geld in Europa einmal fragen, ob es wirklich freiwillig weiter auf ein Google, auf ein Facebook, ein Apple verzichten möchte. Denn dazu notwendig wäre eben Venture Capital. Das ist jedoch mit Fonds zwischen 20 Mio. EUR und 200 Mio. EUR nicht zu machen.

Um in VC zu machen, benötigt man pro Invest im Median 5 Millionen. Dabei hat man es mit einem Markt mit extremer Volatilität zu tun: von 10 Invests platzen 6, 2 werden zum “living dead”, und die restlichen 2 (wenn man Glück hat) müssen mit einer aussergewöhnlichen Performance das Geld für alle 10 mehr als einspielen.

Zwar lassen sich geeignete Invests seriös identifizieren, denn es muss eben eine Möglichkeit für ein skalierbares Geschäftsmodell aufgezeigt werden. Das bedeutet: mit dem Umsatz wachsen die Kosten nicht mit, Traumrenditen winken. Aber es ist schlicht unmöglich, die “Totgeburten” zu erkennen.

Deshalb kann man mit 100 Millionen nicht seriös 20 Mal investieren. Denn wenn man nun Pech hat, fallen einem alle 20 Invests weg, und das Geld ist verbrannt. Nein, man benötigt milliardenschwere Fonds, damit man die Anzahl der Invests steigern kann, und so nach dem Gesetz der Grossen Zahlen die Profiterwartung auch höchstwahrscheinlich realisieren.

Entsprechend brauchen VC-Fonds Milliarden bis zig Milliarden an Grösse. EK, versteht sich, weil man hier nicht über Kredite leveragen kann und sollte. Und das kann nur das Grosse Geld leisten.

Dafür werden solche Fonds dieselbe Stabilität aufweisen, wie sie auch die US-amerikanischen Gegenstücke jetzt bereits zeigen – und genauso profitabel sein. Nur muss endlich jemand der das kann, die Sache hier in Europa in die Hand nehmen.

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