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21.07.2016

16:17 Uhr

Lebenslauf frisieren wie SPD-Politikerin Hinz

Immer öfter alles nur gelogen

VonClaudia Obmann

Die Essener SPD-Politikerin Petra Hinz hat ihre Vita frei erfunden. Auch Unternehmen werden immer öfter mit frisierten Bewerbungen konfrontiert. Eine Altersgruppe schummelt besonders oft beim Lebenslauf.

Die SPD-Politikerin legte ihr Amt nieder, nachdem ihr gefälschter Lebenslauf aufflog. dpa

Petra Hinz

Die SPD-Politikerin legte ihr Amt nieder, nachdem ihr gefälschter Lebenslauf aufflog.

DüsseldorfIhr Lebenslauf schien wie aus dem Lehrbuch: Abitur, Jura-Studium, abgeschlossen mit erstem und zweitem Staatsexamen. Diese Vita brachte Petra Hinz 2005 in den Deutschen Bundestag, seit 2003 war sie als stellvertretende Vorsitzende des SPD-Unterbezirks Essen tätig. Bis Mittwoch war das alles auf der Webseite der 54-jährigen SPD-Politikerin zu lesen. Heute ist diese Seite blank. Denn wie jetzt herauskam, ist Hinzes angeblich akademischer Werdegang von vorn bis hinten erlogen. 33 Jahre fiel ihr Betrug niemand auf.

Doch wie kam es dazu, dass Hinz 1983 ihre Fachhochschulreife, die sie am heutigen Erich-Brost-Berufskolleg der Stadt Essen erwarb, zum Abitur schönte und später noch eine Akademiker-Karriere erfand? Und glaubte sie nach so vielen Jahren  am Ende vielleicht selbst schon an ihre Märchen? Die Betrügerin selbst ist nicht zu sprechen, um diese Fragen zu beantworten. Aber Experten, die sich beruflich mit Karrieren und Lebensläufen beschäftigen, wissen, warum es  immer häufiger zu Tricksereien kommt

Stellenbewerber, die einen Arbeitgeber im Lebenslauf verschweigen, bei dem sie nur kurz angestellt waren oder Kandidaten, die versuchen, eine Arbeitslosigkeit  im beruflichen Werdegang zu kaschieren, gehören zu den vergleichsweise harmloseren Fällen, wenn es darum geht,  Chancen auf ein persönliches Vorstellungsgespräch zu verbessern. „Die Fälschungen in Bewerbungsunterlagen häufen sich“, konstatiert Personalberaterin Renate Schuh-Eder aus Baldham. Sogar an offiziellen Dokumenten wie Arbeits- und Hochschulzeugnissen mache sich mancher Bewerber nachträglich zu schaffen.

So entlarven Sie schummelnde Bewerber

Hintergrund

Immer wieder schummeln Bewerber kleine Lügen in ihre Bewerbungen. Für Personaler ist das ärgerlich. Wer Fehlerbesetzungen vermeiden will, sollte auf die kleinsten Unstimmigkeiten achten. Fünf Tipps.

Datumsangaben

Wenn ein Bewerber in seinem Lebenslauf teilweise Monats- und Jahresdaten, bei anderen hingegen nur ungenaue Angaben macht, ist Vorsicht geboten. Das kann ein Hinweis auf kaschierte Lücken in der Vita sein. Solche Glättungen lassen sich meist durch den akribischen Abgleich von tabellarischem Lebenslauf und Zeugnisdaten aufdecken.

Vollständigkeit

Sind Unterlagen unvollständig, fehlt zum Beispiel der tabellarische Lebenslauf oder ein wichtiges Zeugnis, sollten Personal dies unbedingt nachfordern. Auch so kann ein Bewerber versuchen, sich um Belege für seine bisherigen Tätigkeiten zu drücken.

Dokumentenverifizierung

Hinweise auf Schummeln können sich auch in Dokumenten finden – zum Beispiel, wenn Papier, Schriftart und -größte nicht einheitlich sind oder das anfänglich auftauchende Wasserzeichen auf einigen Zeugnisseiten plötzlich fehlt. Dann liegt möglicherweise eine Manipulation vor.

Titel

Am einfachsten funktioniert eine Überprüfung im Internet. Personen-Suchmaschinen wie Yasni – nicht unbedingt allgemeine Suchmaschinen wie Google – offenbaren, wenn sich ein Bewerber mit dem Titel eines Namensvetters schmückt. In der Online-Datenbank der Kultusministerkonferenz dagegen lässt sich recherchieren, welche Hochschulabschlüsse ausländischer Bildungsstätten in Deutschland anerkannt sind und hierzulande geführt werden dürfen. Stammen Doktor- oder Professorentitel von Institutionen, die nicht gelistet sind, ist Vorsicht angebracht.

Referenzen

Auffällig ist, wenn es in unterschiedlichen Referenzschreiben, die einer Bewerbung beiliegen, sehr ähnliche Formulierungen gibt. Wird der Bewerber um Kontaktdaten für eine mündliche Überprüfung der Referenzen gebeten, zieht ein Kandidat, der bei Verantwortung und Funktion an vorherigen Stellen zu dick aufgetragen hat, vermutlich seine Bewerbung zurück.

Sie selbst kennt auch Fälle von Job-Kandidaten, die ihr letztes Arbeitszeugnis mal eben mit Photoshop um eine ganze Seite Eigenlob ergänzt haben. Aber das für die auf die Vermittlung von Ingenieuren spezialisierte Personalberaterin beunruhigendste an ihren Beobachtungen: Sie betreut eine Berufsgruppe, die sowohl als gewissenhaft als auch als sehr gefragt am Arbeitsmarkt gilt, und somit Schummeln gar nicht nötig hätte. Genau dieser Aspekt verwundert natürlich auch im aktuellen Fall der aufgeflogenen Politikerin Hinz: Um gewählt zu werden und so im Politik-Betrieb voran zu kommen, zählt der offizielle Bildungsnachweis im Vergleich zum persönlichen Auftritt,  der Überzeugungskraft und  dem Netzwerk an Kontakten deutlich weniger.

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Auch Manfred Lotze beschäftigt sich beruflich mit dem Thema frisierte Bewerbungsunterlagen. Der Chef der Detektei Kocks in Düsseldorf ist auf den Check von Stellenbewerbern im Auftrag von Arbeitgebern spezialisiert. Er untermauert die Beobachtung der bayerischen Personalberaterin mit Zahlen: Nach Überprüfung von rund 5.000 Bewerbungen auf Wahrheitsgehalt und Vollständigkeit kam er schon vor Jahren zu dem Ergebnis, dass durchschnittlich ein Drittel der Bewerbungen zu beanstanden ist. Die Vorwürfe reichen von Schönfärberei bis Urkundenfälschung und der Anmaßung von Titeln. „Dieser Anteil dürfte im Zeitalter von Internet und Photoshop noch gestiegen sein, vermutet er.“

Zumal im Internet  jede Menge Tipps kursieren, wie sich Lebensläufe tunen und sich so unangenehme Nachfragen von Personalchefs vermeiden lassen. „Vermeintliche Experten suggerieren, dieser Schwindel sei üblich, ja sogar notwendig, um sich im Haifischbecken der Bewerber zu behaupten“, sagt Personalberaterin Renate Schuh-Eder.

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