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30.06.2015

16:58 Uhr

Lieferheld

Das Drei-Milliarden-Start-up

VonLaura Waßermann

Weil Kochen häufig Pflicht statt Hobby ist, bestellen sich fünf Millionen Deutsche ihr Dinner bei Lieferheld. Warum das Start-up die Lebensmittelbranche Europas beeinflusst und was Rocket Internet damit zu tun hat.

Start-up des Monats

Weltweit ganz große (Liefer-)Helden

Start-up des Monats: Weltweit ganz große (Liefer-)Helden

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BerlinIn unserer Reihe „Start-up des Monats“ stellen wir Ihnen regelmäßig ein innovatives Unternehmen vor. Heute geht es um Lieferheld, die Deutschland-Tochter von Delivery Hero.

Es duftet nach Kräutern, die Zwiebeln brutzeln in der Pfanne. Der Partner nimmt die Kartoffeln aus dem Ofen und schenkt Wein ein. Gemeinsames Kochen kann schön sein. Wenn man verliebt ist, am Wochenende, im Urlaub oder bei den Eltern. An den anderen 300 Tagen im Jahr ist es für viele Menschen eine Pflicht. Einkaufen gehen, Zutaten schneiden, um dann alleine zu essen. Lästig. Also bestellt man sich etwas: Pizza, Pasta, Chinesisch. Doch woher weiß man, wer das leckerste Essen in seiner Stadt anbietet? Seit ein paar Jahren gibt es deshalb einen Trend: Essen per App.

Im September vor fünf Jahren haben Claude Ritter und Nikita Fahrenholz den Online-Dienst Lieferheld gegründet. Heute sitzt die Firma in Berlin-Mitte, Mohrenstraße 60. Im Eingang steht ein riesiger Papp-Aufsteller des Lieferhelden, ein Superman-Verschnitt mit eigenem Logo. Der Warteraum sieht aus wie der eines Hotels: bequeme Couches, eine mondäne Uhrenkonstellation mit Uhrzeiten in London oder Sydney. An den Wänden hängen Karteikarten mit Konzernplänen. Wer was zu tun hat, weiß man bei Lieferheld also spätestens beim Betreten des ersten Gangs. Ungefähr zumindest.

Nicht umsonst ist auf der Uhr nicht nur die deutsche Zeit zu sehen. Das Unternehmen ist stark international ausgerichtet. Und das gleich seit der Gründung in 2010. „Wir wussten aufgrund der Wachstumszahlen: In diesem Geschäft steckt Potential. Also sind wir 2011 direkt auch in den internationalen Markt gegangen“, sagt David Rodriguez, Geschäftsführer von Lieferheld. Der Umsatz sei nach nur einem Jahr um 50 Prozent gewachsen (im Vergleich zum Vorjahresmonat). Weil es sich um ein internetbasiertes Geschäftsmodel handelt, gab es laut Rodriguez keinerlei Gründe, nicht global zu denken.

„Wir haben ein Geschäftsmodell, das gut skalierbar ist.“ Also einordnen, in welchem Land Lieferheld wie gut ankommen würde. Deshalb haben vier Lieferheld-Verantwortliche 2011 Delivery Hero gegründet: den Mutter-Konzern von Lieferheld. In Deutschland würden die meisten Unternehmer den Fehler machen, anfangs klein zu denken. „Hier können wir uns von der US-Gründungskultur was abgucken“, sagt Rodriguez.

Das Samwer-Imperium

Die Brüder

Marc (Jahrgang 1970), Oliver (1973) und Alexander (1975) wuchsen in Köln auf; sie studierten in Köln, Vallendar, Oxford und Harvard Rechtswissenschaft, BWL und VWL. Heute arbeiten sie in München und Berlin.

Die Beteiligungen

Die Brüder agieren über den Fonds Global Founders Capital (GFC) der den European Founders Fund (EFF) 2013 ersetzte und das mittlerweile börsennotierte Unternehmen Rocket Internet. Der 150 Millionen Euro schwere GFC ist ein Wagniskapitalgeber, der weltweit als Investor auch die Gründung kleiner Unternehmen die nicht im Fokus von Rocket Internet stehen unterstützen soll; Rocket ist der sogenannte Inkubator, also die Beteiligungsgesellschaft, über die die Samwers in Neugründungen von Internet-Start-ups investieren. Über den GFC halten die Samwers auch die Mehrheit an Rocket Internet.

Rocket Internet ging am 2. Oktober 2014, einen Tag nach dem mit Mitteln der Beteiligungsgesellschaft aufgebauten Versandhändler Zalando, an die Börse. Ein Misserfolg: Die zu optimistisch eingeschätzte Aktie verlor noch am ersten Handelstag zweistellig.

Die Erfolge

Angefangen hat ihr Erfolg mit Alando, einem Internet-Auktionshaus nach dem Vorbild des US-Unternehmens Ebay. Es folgte der Klingeltonanbieter Jamba, der Youtube-Klon MyVideo oder der deutsche Groupon-Vorgänger CityDeal. Zwischenzeitlich hatten sie auch Anteile an den Kontaktnetzwerken Facebook und StudiVZ. Als Aushängeschild gilt der mittlerweile Börsennotierte und mit Rocket-Internet-Geld aufgebaute Versandhändler Zalando, an dem die Samwers nach wie vor Anteile über ihren Fonds Global Founders Capital (GFC) halten.

Mit der Gründung von GFC begann eine noch internationalere und aggressivere Investitionsstrategie der Brüder, laut eigenen Angaben hält der Fonds Beteiligungen an über 50 Unternehmen weltweit. Die Brüder verfügen mittlerweile über ein geschätztes Privatvermögen von insgesamt 5,1 Milliarden Dollar.

Die Misserfolge

Die Samwers stehen eigentlich für erfolgreiche Start-ups. Doch Misserfolge gibt es auch bei ihnen. Im August 2014 listet der Autor Joel Kaczmarek in seinem Buch „Die Paten des Internets“ rund 40 Unternehmen auf, die Pleite gegangen sind – darunter Klone wie Ecareer, Dreambookers oder MyBrands.

Die Verkaufsmaschen

Wenn die Samwers etwas verkaufen wollen, setzen sie gerne auf aggressive Werbung. Das klappte sowohl bei Jamba (Stichwort: „Crazy Frog“) als auch bei Zalando („Schrei vor Glück“). Auch bei Investoren treten die drei Brüder, allen voran Oliver Samwer, offensiv auf. So schrieb der mittlere Bruder einst eine Mail an Investoren, in denen er sich und seine Brüder als Gründer des weltgrößten Start-up-Inkubators bewarb und mit lauter wichtigen Namen wie denen einiger bisheriger Investoren um sich schlug.

Die Kritikpunkte

Die Samwers gelten als erfolgreich, aber auch skrupellos – gerade, wenn es um ihre Geschäftsmodelle geht. In den USA werden sie nur „Copycats“ genannt, weil sie die Ideen erfolgreicher Unternehmer ungefragt übernehmen. Auch mit der Konkurrenz gehen sie nicht immer zimperlich um. So soll Rocket Internet auch schon das Angebot anderer Firmen gezielt manipuliert und versucht haben, an deren Kundendaten zu gelangen. Oliver Samwer bestreitet die Vorwürfe.

Und tatsächlich: Spätestens seit Anfang 2015 der größte Online-Start-up-Inkubator Deutschlands – Rocket Internet – investiert hat, geht alles in Richtung „Think Big“. Rund 550 Millionen Euro haben die Samwer-Brüder alleine in den vergangenen paar Monaten in Delivery Hero gesteckt. Für 38,5 Prozent der Firmenanteile. „Das Schöne ist: Konsum endet nie“, sagte Oliver Samwer bei der Rocket-Hauptversammlung in der vergangenen Woche.

Zuvor hatten bereits in zwölf Finanzierungsrunden mehrere Kapitalinvestmentgeber Geld gegeben, darunter General Atlantic und Luxor Capital Group . Insgesamt ist Delivery Hero mittlerweile 2,8 Milliarden Euro wert und ist somit das zweithöchst bewertete Start-up Europas nach Spotify.

„Kochen ist schön, aber bitte nicht heute“ lautet das Motto von David Rodriguez. Der Spanier ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in Berlin, sie ist ebenfalls aus Spanien. „Wir sind nach mittlerweile 25 Jahren sehr eingedeutscht“, sagt der CEO und lacht. Er selbst bestellt nämlich am liebsten bei der „Ratsschenke“, ein Restaurant für gute, deutsche Küche. Eine Schenke halt. Er scheint sich bei Lieferheld wohlzufühlen, sitzt beim Gespräch mit dem Handelsblatt entspannt auf seinem Stuhl. Genauso wie Flaconi, dem Start-up des Monats Mai, gibt es hier Themen-Räume. In der Parfümschmiede Flaconi waren es Chanel und Dior, bei Lieferheld gibt es eben einen Marvel-Raum.

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