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07.04.2017

12:47 Uhr

Linde-Chefaufseher

Kein Insider-Verfahren gegen Reitzle

Wolfgang Reitzle kann erst mal aufatmen: Der Aufsichtsratschef von Linde muss kein Strafverfahren wegen Insiderhandels befürchten. Die Staatsanwaltschaft sieht keinen hinreichenden Verdacht gegen den Manager.

Der Manager war im Mai 2016 Aufsichtsratschef geworden und hatte im Juni für eine halbe Millionen Euro Linde-Aktien gekauft. dpa

Wolfgang Reitzle

Der Manager war im Mai 2016 Aufsichtsratschef geworden und hatte im Juni für eine halbe Millionen Euro Linde-Aktien gekauft.

MünchenLinde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle muss kein Verfahren wegen möglicher Insidergeschäfte befürchten. „Die derzeitige Verdachtslage reicht zur Einleitung eines Ermittlungsverfahrens nicht aus“, sagte Oberstaatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl am Freitag in München. Damit kann Reitzle die Fusion mit dem US-Gasekonzern Praxair nun unbelastet von juristischen Problemen vorantreiben.

Reitzle war im Mai 2016 Aufsichtsratschef geworden und hatte im Juni für eine halbe Millionen Euro Linde-Aktien gekauft. Anfang August legte die Linde-Aktie plötzlich kräftig zu, Mitte August bestätigte Linde schließlich Fusionsverhandlungen mit Praxair. Die Finanzaufsicht Bafin durchleuchtete die Vorgänge intensiv und übergab ihren Untersuchungsbericht kürzlich der Staatsanwaltschaft.

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Noch in diesem Monat wollen Linde und Praxair die Fusion zum weltgrößten Gaseanbieter beschließen. Doch der Gegenwind von Arbeitnehmerseite nimmt immer stärker zu. Jetzt ruft die IG Metall zu Protesten auf.

Diese will die Sache zwar noch weiter prüfen, sieht aber nach jetzigem Stand keinen hinreichenden Verdacht für eine Straftat. Reitzle hatte die Aktienkäufe veröffentlicht und als Bekenntnis des neuen Chefkontrolleurs zum Unternehmen erklärt.

Mit dem Zusammenschluss von Linde und Praxair würde der größte Industriegasekonzern der Welt entstehen, mit 28 Milliarden Euro Umsatz, 60 Milliarden Euro Börsenwert und 80.000 Mitarbeitern. Die Vorstände erwarten aus der Fusion Kostenvorteile von einer Milliarde Euro jährlich. Die Aktionärsvertreter im Linde-Aufsichtsrat sind geschlossen für den Zusammenschluss, die Betriebsräte und Gewerkschaften lehnen ihn ebenso entschieden ab: Sie befürchten einen massiven Stellenabbau und kritisieren den absehbaren Wegfall der Mitbestimmung.

Probleme bei der Mega-Fusion von Linde und Praxair

Warum will der Linde-Vorstand überhaupt die Fusion?

Linde-Vorstandschef Aldo Belloni erwartet Synergien von einer Milliarde Euro jährlich. Zusammen kämen Linde und Praxair auf 28 Milliarden Euro Umsatz, wären Weltmarktführer - und im Gasegeschäft bedeutet Größe auch höhere Gewinnmargen. Die Börse reagiert positiv, die Linde-Aktie hat 17 Prozent zugelegt, die meisten Analysten unterstützen den Plan. Belloni führte außerdem die „hervorragende operative Expertise“ von Praxair-Chef Steve Angel und seines Teams an: Die US-Manager erwirtschaften höhere Profite als die Linde-Manager und sollen den neuen Konzern führen.

Wie soll der neue Konzern aussehen?

Die wichtigsten Vorstände sitzen in den USA. Die Holding wird in Dublin angesiedelt. Das spart Steuern, und die Mitbestimmung fällt weg. Reitzle soll Aufsichtsratschef werden. Die Aktie soll an den Börsen in New York und Frankfurt notiert werden.

Braucht Linde die Fusion?

„Nicht dringend“, sagt Belloni. Linde habe allein ein stabiles, wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell und erfolgversprechende Innovationen. Der Dax-Konzern ist führend in Europa und Asien, stark im US-Medizingasegeschäft und mit seinem Anlagenbau auch breiter aufgestellt. Praxair ist führend in Nord- und Südamerika, kämpft aber mit sinkenden Umsätzen. Linde machen Umsatzeinbrüche im Anlagenbau zu schaffen, geplant ist ein Stellenabbau. Bei einer Fusion aber verspricht Linde Kündigungsschutz und Standortgarantien bis 2021.

Warum sind die Betriebsräte und Gewerkschaften trotzdem dagegen?

Sie befürchten einen massiven Stellenabbau, weil die Synergien zulasten der Linde-Beschäftigten gingen. Die Mitbestimmung fällt weg, eine neue Führungskultur halte Einzug. Der Pullacher Betriebsratschef Michael Kipp sagte, es gehe nicht „um einen Zusammenschluss unter Gleichen, sondern um eine Übernahme von Linde durch den deutlich kleineren Wettbewerber Praxair“. Der Europäische Betriebsrat von Linde befürchtet „einen Kahlschlag, der den Markenkern von Linde zerstören wird“.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Linde?

Weltweit sind es knapp 60.000, in Deutschland 8.000. Größter Standort ist Pullach mit 3.300 Mitarbeitern, 2.200 weitere Beschäftigte arbeiten in München und dem Vorort Unterschleißheim sowie in Augsburg, Trostberg und anderen bayerischen Standorten. In Leuna, Dresden und in Worms am Rhein arbeiten jeweils mehrere Hundert Beschäftigte.

Wo liegen die Risiken?

Wegen Kartellauflagen müssten Linde und Praxair Firmenteile verkaufen, vor allem in den USA. Das könnte Konkurrenten stärken, sagen Analysten. Kritiker verweisen auch auf das Beispiel DaimlerChrysler und andere gescheiterte Fusionen. Hier betont Belloni aber Lindes Erfahrung mit der Übernahme des großen britischen Konkurrenten BOC, wo der Unterschied in der Firmenkultur viel größer gewesen sei als bei Praxair. Vom Fusionsvertrag bis zum rechtskräftigen Abschluss gäbe es 15 Monate Schwebezustand. Offen ist, welche Folgen Reitzles Aktienkäufe haben.

Worum geht es da?

Der Aufsichtsratschef hatte zwei Monate vor Bekanntgabe der Fusionsgespräche für eine halbe Million Euro Linde-Aktien gekauft und dies auch veröffentlicht. Die Finanzmarktaufsicht Bafin sah dennoch Anhaltspunkte für ein mögliches Insidergeschäft, die Münchner Staatsanwaltschaft prüft jetzt, „ob ein Anfangsverdacht für eine Straftat besteht“. Ob ein Ermittlungsverfahren eröffnet wird und wie die strenge US-Börsenaufsicht SEC dann reagieren würde, ist offen.

Wie geht es weiter?

Die meisten Linde-Aktionäre sitzen in den USA und Großbritannien, nur acht Prozent in Deutschland. Jeder dritte Linde-Anteilseigner ist auch Praxair-Aktionär. Bei den Amerikanern entscheidet die Hauptversammlung, bei Linde der Aufsichtsrat. Reitzle will die Fusion gegen den Widerstand der Arbeitnehmervertreter bis Anfang Mai durchsetzen. Notfalls werde er von seinem doppelten Stimmrecht als Aufsichtsratschef Gebrauch machen. Die Linde- und die Praxair-Aktionäre sollen je die Hälfte an der neuen Holding halten.

Reitzle hat angekündigt, die Fusion bei der Anfang Mai geplanten Abstimmung mit seinem Doppelstimmrecht als Aufsichtsratschef durchzusetzen. Der bayerische IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler stellt deshalb in „Frage, ob er der Richtige für Linde ist“.

Von

dpa

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