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05.05.2017

15:01 Uhr

Linde-Chefaufseher

Keine Ermittlungen gegen Reitzle

VonAxel Höpner

Die Staatsanwaltschaft München wird kein Ermittlungsverfahren wegen Insiderhandels gegen Wolfgang Reitzle einleiten. Der Chefaufseher von Linde kann sich nun auf die anstehende Hauptversammlung konzentrieren.

Der Aufsichtsratschef von Linde muss kein Verfahren wegen des Verdachts des Insiderhandels mehr befürchten. dpa

Wolfgang Reitzle

Der Aufsichtsratschef von Linde muss kein Verfahren wegen des Verdachts des Insiderhandels mehr befürchten.

MünchenDie Hauptversammlung von Linde am kommenden Mittwoch wird für Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle kein leichter Gang. Eigentlich wollte er dort mit Glanz und Gloria den Fusionsvertrag mit dem US-Konkurrenten Praxair vorstellen. Doch die Verhandlungen verzögern sich, und die Arbeitnehmer laufen Sturm gegen das 60-Milliarden-Euro-Projekt. Aktionärsschützer werden auf der Hauptversammlung zudem scharf kritisieren, dass die Anleger über die Fusion nicht abstimmen dürfen.

Doch an anderer Front gibt es nun Entwarnung für Reitzle. Die Staatsanwaltschaft München wird kein Ermittlungsverfahren wegen Insiderhandels gegen ihn einleiten. Die Prüfung eines Sachstandsberichts der Bafin sei beendet, sagte Oberstaatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl dem Handelsblatt. Von der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens werde abgesehen. Es hätten sich keine tatsächlichen Anhaltspunkte dafür gegeben, dass der Aktienerwerb irgendeine strafrechtliche Relevanz habe.

Probleme bei der Mega-Fusion von Linde und Praxair

Warum will der Linde-Vorstand überhaupt die Fusion?

Linde-Vorstandschef Aldo Belloni erwartet Synergien von einer Milliarde Euro jährlich. Zusammen kämen Linde und Praxair auf 28 Milliarden Euro Umsatz, wären Weltmarktführer - und im Gasegeschäft bedeutet Größe auch höhere Gewinnmargen. Die Börse reagiert positiv, die Linde-Aktie hat 17 Prozent zugelegt, die meisten Analysten unterstützen den Plan. Belloni führte außerdem die „hervorragende operative Expertise“ von Praxair-Chef Steve Angel und seines Teams an: Die US-Manager erwirtschaften höhere Profite als die Linde-Manager und sollen den neuen Konzern führen.

Wie soll der neue Konzern aussehen?

Die wichtigsten Vorstände sitzen in den USA. Die Holding wird in Dublin angesiedelt. Das spart Steuern, und die Mitbestimmung fällt weg. Reitzle soll Aufsichtsratschef werden. Die Aktie soll an den Börsen in New York und Frankfurt notiert werden.

Braucht Linde die Fusion?

„Nicht dringend“, sagt Belloni. Linde habe allein ein stabiles, wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell und erfolgversprechende Innovationen. Der Dax-Konzern ist führend in Europa und Asien, stark im US-Medizingasegeschäft und mit seinem Anlagenbau auch breiter aufgestellt. Praxair ist führend in Nord- und Südamerika, kämpft aber mit sinkenden Umsätzen. Linde machen Umsatzeinbrüche im Anlagenbau zu schaffen, geplant ist ein Stellenabbau. Bei einer Fusion aber verspricht Linde Kündigungsschutz und Standortgarantien bis 2021.

Warum sind die Betriebsräte und Gewerkschaften trotzdem dagegen?

Sie befürchten einen massiven Stellenabbau, weil die Synergien zulasten der Linde-Beschäftigten gingen. Die Mitbestimmung fällt weg, eine neue Führungskultur halte Einzug. Der Pullacher Betriebsratschef Michael Kipp sagte, es gehe nicht „um einen Zusammenschluss unter Gleichen, sondern um eine Übernahme von Linde durch den deutlich kleineren Wettbewerber Praxair“. Der Europäische Betriebsrat von Linde befürchtet „einen Kahlschlag, der den Markenkern von Linde zerstören wird“.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Linde?

Weltweit sind es knapp 60.000, in Deutschland 8.000. Größter Standort ist Pullach mit 3.300 Mitarbeitern, 2.200 weitere Beschäftigte arbeiten in München und dem Vorort Unterschleißheim sowie in Augsburg, Trostberg und anderen bayerischen Standorten. In Leuna, Dresden und in Worms am Rhein arbeiten jeweils mehrere Hundert Beschäftigte.

Wo liegen die Risiken?

Wegen Kartellauflagen müssten Linde und Praxair Firmenteile verkaufen, vor allem in den USA. Das könnte Konkurrenten stärken, sagen Analysten. Kritiker verweisen auch auf das Beispiel DaimlerChrysler und andere gescheiterte Fusionen. Hier betont Belloni aber Lindes Erfahrung mit der Übernahme des großen britischen Konkurrenten BOC, wo der Unterschied in der Firmenkultur viel größer gewesen sei als bei Praxair. Vom Fusionsvertrag bis zum rechtskräftigen Abschluss gäbe es 15 Monate Schwebezustand. Offen ist, welche Folgen Reitzles Aktienkäufe haben.

Worum geht es da?

Der Aufsichtsratschef hatte zwei Monate vor Bekanntgabe der Fusionsgespräche für eine halbe Million Euro Linde-Aktien gekauft und dies auch veröffentlicht. Die Finanzmarktaufsicht Bafin sah dennoch Anhaltspunkte für ein mögliches Insidergeschäft, die Münchner Staatsanwaltschaft prüft jetzt, „ob ein Anfangsverdacht für eine Straftat besteht“. Ob ein Ermittlungsverfahren eröffnet wird und wie die strenge US-Börsenaufsicht SEC dann reagieren würde, ist offen.

Wie geht es weiter?

Die meisten Linde-Aktionäre sitzen in den USA und Großbritannien, nur acht Prozent in Deutschland. Jeder dritte Linde-Anteilseigner ist auch Praxair-Aktionär. Bei den Amerikanern entscheidet die Hauptversammlung, bei Linde der Aufsichtsrat. Reitzle will die Fusion gegen den Widerstand der Arbeitnehmervertreter bis Anfang Mai durchsetzen. Notfalls werde er von seinem doppelten Stimmrecht als Aufsichtsratschef Gebrauch machen. Die Linde- und die Praxair-Aktionäre sollen je die Hälfte an der neuen Holding halten.

Reitzle hatte nach seiner Rückkehr zu Linde für knapp 500.000 Euro Linde-Aktien gekauft – als Bekenntnis zum Unternehmen, wie Linde betont. Etwa zwei Monate nach dem Vollzug des Aktienkaufs, eingeleitet hatte ihn Reitzle dem Vernehmen nach schon etwas früher, wurden die Fusionsgespräche mit Praxair bekannt. Die Staatsanwaltschaft kam nun zu dem Schluss, dass bei dem Kauf alles sauber zuging. Vor einigen Wochen hatte die Staatsanwaltschaft bereits verkündet, vorerst kein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Sie wollte den Sachstandsbericht der Bafin aber noch weiter prüfen.

Auf der Hauptversammlung werden sich viele Kritiker zu Wort melden. „Wir sind überzeugt, dass der Fusionsvertrag der Zustimmung der Hauptversammlung bedarf“, sagte Daniela Bergdolt, Geschäftsführerin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, dem Handelsblatt. Wenn das Business Combination Agreement erst nach dem Aktionärstreffen unterzeichnet werde, müsse man eben eine Sonder-Hauptversammlung abhalten.

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