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07.10.2014

20:06 Uhr

Lösungen für die Zukunft

Gibt es bald noch genug Arbeit?

VonThorsten Giersch

Auf der Frankfurter Buchmesse sind Wirtschaftsthemen spannend wie nie. Top-Autoren stellen die richtigen Fragen und geben bemerkenswerte Antworten: Es geht um die Zukunft der Arbeit. Und die dürfte vielen Angst machen.

George Packer, Jeremy Rifkin, Christoph Keese: In diesem Jahr fluten Wirtschaftsbücher zum Thema Arbeit den Markt.

George Packer, Jeremy Rifkin, Christoph Keese: In diesem Jahr fluten Wirtschaftsbücher zum Thema Arbeit den Markt.

DüsseldorfWie arbeiten wir in Zukunft? Werden uns Roboter und Computer überhaupt noch welche übrig lassen? Hat der Kapitalismus eine Zukunft? Wie wird sich unser Wirtschaftssystem verändern? Was kommt im Besonderen auf Deutschland zu und auf unseren Mittelstand? Selten haben sich so viele Top-Autoren auf derartig facettenreiche Art und Weise gleichzeitig den drängendsten Fragen unserer Gesellschaft gewidmet wie in diesem Spätsommer. 

Viele Autoren sind sich einig: Seit seinen Anfängen begleitet den Kapitalismus nichts so sehr wie das Prinzip, dass Arbeit durch Maschinen verdrängt wird. Durch die Computerisierung und nun auch durch das sogenannte Internet der Dinge hat dieses Prinzip derart an Fahrt aufgenommen, dass die Mittelschicht mittelfristig in ihrer Existenz bedroht ist. Wo Roboter arbeiten, ist für Menschen kein Platz mehr. Und als was arbeiten dann eines Tages unsere Kinder und Enkel?

Am ausführlichsten hat sich der Autor Jeremy Rifkin in seinem Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft” mit diesem Megatrend auseinandergesetzt. Der Amerikaner gilt als einer der wichtigsten Gesellschaftstheoretiker und einflussreichsten Kulturkritiker der Welt – und wird eben auch als Visionär geschätzt. Rifkin sieht für den Kapitalismus die dringende Notwendigkeit zur Veränderung.

Die Top-Bücher im Herbst

George Packer: Die Abwicklung

Auf den Bestsellerlisten Amerikas und Europas hat der Journalist kräftig für Furore gesorgt. Anhand von 14 Porträts erzählt er vom Niedergang der US-Industrie. Herz zerreißende, aber auch Mut machende Geschichte von Menschen, die sich von der Wirtschaftspolitik und Unternehmerwelt nicht treiben lassen, egal wie das Leben ihnen mitspielt.
Unterm Strich setzt der Autor keine eigene These, aber man kann sie sich selbst leicht bilden: Der Kapitalismus frisst seine Kinder. Doch es gibt Hoffnung. (S. Fischer Verlag)

Jeremy Rifkin: Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft

Dasselbe Thema, aber mit mehr Zukunftsdrall und deutlich wissenschaftlicher: Der Soziologe mit Zukunftsforscherdrang hat ein beeindruckendes Buch vorgelegt, in dem er die Zukunft der Arbeit skizziert. Rifkin erläutert, was sich durch die Vernetzung aller Dinge quer durch sämtliche Lebensbereiche verändern wird. Dass der Industriearbeiter in 50 Jahren zu aussterbenden Spezies gehören dürfte, aber auch als was wir dann arbeiten können. (Campus Verlag)

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/die-null-grenzkosten-gesellschaft-pL9783593399171.html

Peter Thiel und Blake Masters: Zero to One

Dass Wettbewerb heute kein Geschenk des Himmels mehr ist, beschreibt auch der Milliardär Peter Thiel in seinem Buch. Dabei ist es eigentlich kaum mehr als die (von Blake Masters) niedergeschriebene Vorlesung, die Thiel an der Standford Universität gehalten hat, also im Herz des Silicon Valley, wo Thiel unter anderen mit Paypal und Facebook reich wurde. Thiel gibt Ratschläge für Gründer, seziert aber auch das heutige Wirtschaftssystem. Monopole sind für ihn kein Teufelszeug, sondern der wesentliche Anreiz, Neues zu schaffen. Der Wettbewerb an sich wird wegen der gegen Null sinkenden Grenzkosten (siehe Rifkin) nur zu Arbeitsplatzverlust führen. Selten stand auf 200 dünnen Seiten so viel Lesenswertes. Man muss nur mit Thiels libertärer Natur klarkommen. (Campus Verlag)

Stefan Selke: Lifelogging

Cloud-Computing und die Weiterentwicklung von Miniprogrammen und Apps haben eine Form des Datensammelns und -speicherns ermöglicht, die immer mehr Anhänger findet und die der Soziologe Stefan Selke unter dem Begriff "Lifelogging" zusammenfasst. Es ist, wie er in seinem hellsichtigen Buch darlegt, eine "verängstigte Gesellschaft", die sich da mittels der Technik schützen will. Überfordert von den Möglichkeiten und Optimierungszwängen der Moderne, begreift das Individuum jegliche Entscheidung als problematisch. (Econ Verlag)

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/lifelogging-pL9783430201674.html

Yvonne Hofstetter: Sie wissen alles

Dieses Buch liest sich wie ein Science-Fiction-Thriller. Es handelt von Maschinen, die Menschen ausspionieren, Kriege führen und Börsencrashs verursachen. Das Bedrohliche: Es ist keine Fiktion, sondern bereits Realität. Und es ist geschrieben von einer Insiderin, die weiß, wovon sie spricht. Die Autorin verdient ihr Geld mit künstlicher Intelligenz und Big Data. Gerade deswegen sollte man ihren Warnungen zuhören. Wir alle würden Unternehmen und Geheimdiensten freiwillig die Werkzeuge liefern, uns zu manipulieren und auszubeuten, beklagt sie.

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/sie-wissen-alles-pL9783570102169.html

Joel Kaczmarek: Die Paten des Internets

Also mieses Timing kann man dem Autor wahrlich nicht vorwerfen: Seine Biografie über die Samwers kam just in dem Moment auf den Markt, als die drei Brüder dauerhaft in den Medien präsent waren. Sie hatten gerade angekündigt, ihre Firma Rocket Internet an die Börse zu bringen und womöglich den Internet-Versandhandel Zalando gleich mit. Der Autor ist Chefredakteur des Start-up-Magazins „Gründerszene“ und hat die Maschen der Samwers detailliert und mit dem nötigen Abstand analysiert. Das Buch ist nicht nur für Gründer ein großer Gewinn. (FBV Verlag)

http://www.handelsblatt.com/finanzen/aktien/neuemissionen/ipo/rocket-internet-die-maschen-der-samwer-brueder/10611654.html

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/die-paten-des-internets-pL9783898798808.html

Heinz Bude: Gesellschaft der Angst

„Ohne Geld keine Angst, ohne Angst kein Geld: Kein Geld ohne Angst.“ Dieser Satz ist so etwas wie die Kurzversion des Buches. Der Soziologe sieht diese Angst als das Thema, das in der modernen Gesellschaft alle angeht – quer durch alle Schichten und Milieus. Und auch er sieht sie eng verbunden mit der Ökonomie.

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/gesellschaft-der-angst-pL9783868542844.html

Mariana Mazzucato: Das Kapital des Staates

Auf den ersten Blick scheint das Buch ein paar Jahre zu spät geschrieben zu haben. Denn seit der Finanzkrise 2008 ist es ja kein Geheimnis mehr, dass der Kapitalismus auf die Unterstützung und die Regulierung durch den Staat angewiesen ist. Aber der Schwerpunkt des Buchs liegt jenseits der Finanzmärkte. Die Autorin beschreibt sehr konkret, wie groß die Bedeutung staatlich finanzierter Forschung und Entwicklung für private Unternehmen ist. Dabei stellt sie fest: Die Amerikaner vertreten zwar in der Theorie die freie Marktwirtschaft, fördern aber in der Praxis ihre Unternehmen sehr effektiv.

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/das-kapital-des-staates-pL9783956140006.html

Philip Roscoe: Rechnet sich das?

Wissen Sie, wie viel eine gespendete Niere wert ist? 15.200 Dollar sei der Preis, an dem gespendete und nachgefragte Nieren im Gleichgewicht wären. Roscoe zeigt auf, dass Kosten-Nutzen-Abwägungen heute nicht nur im Gesundheitswesen oder beim Autofahren, sondern selbst bei privatesten Entscheidungen wie der Partnerwahl selbstverständlich sind. Der Managementprofessor argumentiert, dass die Durchdringung des Alltags mit dem ökonomischen Denken die Gesellschaft nicht voranbringt, sondern ärmer macht, weil es das soziale Denken verdrängt und die Beziehungen der Menschen zueinander beschädigt.

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/rechnet-sich-das-pL9783446440371.html

Drei über Google

Christoph Keese: Silicon Valley / Eric Schmidt: Wie Google funktioniert / Dave Eggers: Der Circle

Der eine hasst Google (Springer-Mann Keese), der andere verteidigt es (Google-Chairman Schmidt) – und noch ein anderer schreibt einen Roman über eine fiktive Firma, bei der alle an Google denken (Schriftsteller Eggers). Selten hat ein Konzern so viele Leser gleichzeitig in seinen Bann gezogen auf so unterschiedliche Weise. Wo Keese und Eggers – jeder auf seine Art – vor der Macht des Silicon Valley warnen, versucht Schmidt im Flausch-Modus zu beruhigen. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte.

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/management/strategie/wo-bleiben-grosse-erfindungen-wir-wollten-fliegende-autos-sie-gaben-uns-140-zeichen/10721072.html

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/zero-to-one-pL9783593501604.html

 http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/rezension-der-circle-wuerden-sie-ihrem-kind-einen-chip-implantieren/10321584.html

https://kaufhaus.handelsblatt.com/der-circle-pL9783462046755.html?ticket=ST-4573153-ErP4ThmN2wcnG0SdLdL0-s02lcgiacc01.vhb.de

Seine radikale These: In einer wettbewerbsorientierten Gesellschaft, die immer mehr produziert, fallen ständig die Preise, bis kein Gewinn mehr abfällt. So steuern wir auf die Null-Grenzkosten-Produktion hin. Das heißt, dass es bei vielen Produkten egal ist, ob man 10.000 davon herstellt oder eine Million – vor allem durch das Internet der Dinge und den massiven Einsatz von Robotern –, weil die Kosten für jede zusätzlich produzierte Einheit fast bei null liegen. Doch ohne Grenzkosten gibt es für die meisten Firmen keinen Profit mehr und ohne diesen geht dem ganzen System der Saft aus. Millionen Fabrikarbeiter müssen sich einen neuen Job suchen. Das Gewinnstreben funktioniert nicht mehr und im Jahr 2050 werden wir ein anderes Wirtschaftssystem haben, glaubt der Ökonom.

Doch er wäre nicht der „Gute-Laune-Ökonom“ der er ist, wenn ihm nicht auch eine Antwort auf die Frage einfallen würde, als was unsere Enkel in einigen Jahrzehnten arbeiten werden: Rifkin glaubt an den starken Arbeitgeber Zivilgesellschaft, wenn auch derzeit noch mitunter als „Non-Profit-Organisationen“ verschrien. Doch schon heute schließen sich diesen immer mehr talentierte junge Menschen an, um soziales Kapital zu schaffen. Der Kapitalismus, daran hat Rifkin keinen Zweifel, wird in Zukunft nur noch in Nischen stattfinden.

Kommentare (11)

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Herr Thomas Albers

07.10.2014, 20:26 Uhr

"Werden uns Roboter und Computer überhaupt noch welche übrig lassen?"

Natürlich - aber nicht mehr für jeden. Problematisch wird es für Geringqualifizierte, welche nur einfache, gut strukturierte Arbeiten verrichten können oder wollen. Diese Menschen werden sich eine andere Lücke suchen müssen.

Aber auch viele Tätigkeiten, die heute von höherqualifiziertem Personal übernommen werden, wird es in ein paar Jahrzehnten nicht mehr geben. Die Revolution, die uns hier bevorsteht, wird einschneidender als die Entdeckung des Internets sein.

Frau Ute Umlauf

07.10.2014, 20:44 Uhr

Diese Frage wurde schon vor 150 Jahren gestellt. Es geht immer weiter ... unaufhaltsam!
Ruhig bleiben u. weiter arbeiten.

Herr Günther Schemutat

07.10.2014, 21:07 Uhr

Genau vor dieser Zukunft warne ich seit Jahren. Deutschland wird in wenigen Jahrzehnten auf Abermillionen Ausgestossene blicken die nicht mehr gebraucht werden. Weiterhin wird trotzdem weiter in Zuwanderung investiert und wer soll am Ende die sozialen Leistungen aufbringen?

Wir alle können uns nicht gegenseitig die Schuhe bürsten oder allein in sozialen Diensten stehen. Der Verdrängungswettbewerb wird härter werden und die Löhne kleiner.

Kinder werden kaum noch gebraucht und dienen nur noch der persönlichen Elternfreude wenn man sie sich leisten kann.

Einen Boom wird es bei Polizei und Militär geben, die müssen die verlorenen Leute in Schach halten und die wenigen Menschen schützen , die gebraucht werden.

Vor 60 Jahren hätte ich gelacht heute ist mir das lachen angesichts der technischen Möglichkeiten vergangen.

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