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10.07.2017

17:15 Uhr

Deutsche-Bahn-Speditionstochter

Schenker schickt Laster per Autopilot auf die Straße

VonChristoph Schlautmann

Was die Deutsche Bahn auf der Schiene nicht schafft, macht die Speditionstochter Schenker vor: Ab nächstem Frühjahr rollen die ersten 40-Tonner computergesteuert über die A9. Eine Bewährungsprobe für den Konzern.

Bewährungsprobe auf der A9.

Lkw-Kolonne von Schenker und MAN

Bewährungsprobe auf der A9.

BerlinSchenker-Chef Jochen Thewes, 46, besitzt einen scharfen Sinn für abschreckende Symbolik. Anfang Februar verfrachtete er seine Führungsmannschaft in die stillgelegte Dortmunder Kokerei Hansa, packte die frierenden Manager in wärmende Wolldecken und ließ Ex-Verantwortliche von Ericsson und Office Depot vor seiner Crew auftreten. Zerknirscht berichtet der eine, wie sein Arbeitgeber den Smartphone-Markt verschlief, der andere, warum das Internet den einstigen Büroartikel-Riesen überrollte.

Die Schocktherapie hatte Thewes geschickt kalkuliert. „Im Zeitalter der Digitalisierung müssen wir sicherstellen, dass sich keine Online-Frachtbörsen zwischen uns und unsere Kunden schieben“, warnt er im vertrauten Kreis.

„Das Geschäftsmodell Spedition wird sich künftig stark wandeln“, weiß der Schenker-Chef und plant deshalb einen Umbau. „Die Digitalisierung bietet dazu große Möglichkeiten“, glaubt Thewes.

Wie ernst es der seit 22 Monaten amtierende Vorstandschef der größten Bahn-Tochter (Umsatz 2016: 15,1 Milliarden Euro) meint, wird ab nächstem Frühjahr auf der A9 zwischen München und Nürnberg zu besichtigen sein. Wie das Handelsblatt vorab erfuhr, schickt er dann paarweise Lkw-Gespanne auf die Straße, deren zweites Fahrzeug per Autopilot lenkt. In den Brummis greift der Fahrer nur noch ein, wenn GPS und Computer versagen. Geliefert werden die Lkws von MAN.

Die Konkurrenten der Deutschen Post

DPD

DPD Deutschland gehört zur DPD Group, nach eigenen Angaben das zweitgrößte Netzwerk von Paketdiensten in Europa. Die Zentrale des Unternehmens mit 7500 Mitarbeitern ist in Aschaffenburg (Bayern). Im März 2015 kündigte der Paketdienst an, die Deutsche Post DHL mit einer einheitlichen europäischen Marke herauszufordern. So soll das Paketnetz europaweit auf 22.000 Stationen erweitern werden.

Quelle: dpa

Pin Mail AG

Bei dem Postdienstleister mit Sitz in Berlin dominiert die Farbe Grün - statt Post-Gelb. Die Firma hat rund 1150 Mitarbeiter und beförderte 1999 in der Hauptstadt die ersten Briefsendungen.

Hermes

Der international tätige Handels- und Logistikdienstleister ist ein Tochterunternehmen der Otto Group und beschäftigt rund 9000 Mitarbeiter in Deutschland. In Europa bewegte die Hamburger Firma im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben 530 Millionen Sendungen im Paket- und Logistikgeschäft. Deutschland gehört zu den Kernmärkten.

TNT

Das niederländische Unternehmen ist nach eigenen Angaben einer der weltweit führenden Anbieter von Expressdienstleistungen für Geschäftskunden. Dazu gehört die deutsche TNT Express GmbH mit Sitz in Troisdorf (Nordrhein-Westfalen) mit etwa 3700 Mitarbeitern. Im Jahr 2013 hatten die EU-Wettbewerbshüter eine Fusion mit dem US-Paketdienst UPS untersagt.

UPS

Der US-Paketdienstleister bezeichnet sich als der größte Express- und Paketzustelldienst weltweit mit rund 435 000 Mitarbeitern. Im April 2015 kündigte UPS-Deutschland-Chef Frank Sportolari in der „Wirtschaftswoche“ an, dass der Konzern eine Milliarde Euro in Europa investieren wolle - unter anderem in den Ausbau seiner Sortierzentren und in neue Paketshops.

Nur einmal zuvor gab es in Europa einen ähnlichen Versuch. Bei einem sogenannten „Platooning“ Richtung Rotterdam waren hintereinander fahrende Trucks im April 2016 von Sicherheitskonvois begleitet worden. Diesmal gibt es keine.

Drei Fahrten täglich plant Schenker, zunächst bis Januar 2019. Zudem macht Verkehrsminister Alexander Dobrindt zwei Millionen Euro Fördergeld locker, was Thewes als hoffnungsvolles Zeichen wertet. „Wir erwarten, dass Lkws etwa ab dem Jahr 2030 autonom fahren.“

Weitaus früher sollen sich die Investitionen in ein anderes Projekt der Digitalisierung auszahlen. Erst vor fünf Monaten kaufte sich Schenker für 24 Millionen Euro bei dem texanischen Start-up Uship ein. Gemeinsam betreiben sie „Drive4Schenker“, eine Internetfrachtbörse, auf die der Bahn-Ableger all seine Hoffnungen setzt. „Bis Ende dieses Jahres wollen wir täglich 5.000 Sendungen über das Portal abwickeln und damit fünfmal so viel wie heute“, kündigt nun dessen Chef an. Das entspräche einem Viertel der gesamten Ladung.

Dass Bahn-Chef Richard Lutz die nötigen Mittel freimachte, hat gute Gründe. Während das autonome Fahren lediglich die Kosten im Transport mindern soll, und das wohl erst in vielen Jahren, geht es mit der Online-Frachtbörse ums Überleben.

Wie DHL oder Kühne + Nagel verdient die Bahn-Tochter bislang einen Großteil ihrer Einnahmen damit, die Fracht der Kundschaft an Lkw-Betreiber, Reedereien, Luftfracht-Transporteure oder die konzerneigene Güterbahn zu vermitteln. Diesen Job aber übernehmen mit wachsendem Erfolg Start-ups, die Transporte über digitale Plattformen an Auftragnehmer vermitteln. Den traditionellen Speditionen gehen damit die Aufgaben aus.

„Die Frachtbörsen sprießen förmlich aus dem Boden“, beobachtet Steffen Wagner von der Beratungsfirma KPMG. „Selbst angelsächsische Finanzinvestoren wie KKR steigen dort ein.“ In den vergangenen elf Jahren, ermittelte die Unternehmensberatung Oliver Wyman, flossen elf Milliarden Dollar Start-up-Kapital in die neuen Plattformen.

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