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31.07.2017

06:08 Uhr

„Kosten außer Kontrolle“?

Trügerischer Billig-Boom über dem Atlantik

VonJens Koenen

Wer günstig in die USA fliegen will, hat große Auswahl. Immer mehr Airlines starten mit Billigtöchtern für die Langstrecke. Doch Probleme bei Norwegian zeigen, wie schwierig das Geschäft ist.

Die Mitte Juli präsentierten Halbjahreszahlen von Norwegian liefern Hinweise darauf, wie herausfordernd das neue Geschäftsmodell ist. Bloomberg

Norwegian Air

Die Mitte Juli präsentierten Halbjahreszahlen von Norwegian liefern Hinweise darauf, wie herausfordernd das neue Geschäftsmodell ist.

FrankfurtWillie Walsh ist bester Laune. Es läuft gut bei der IAG, der Muttergesellschaft von British Airways, Iberia, Vueling und Aer Lingus. Am vergangenen Freitag konnte der IAG-Chef den Aktionären für das zweite Quartal ein Plus beim Betriebsergebnis von 45 Prozent auf 805 Millionen Euro präsentieren. Der Umsatz legte um 4,3 Prozent auf 5,9 Milliarden Euro zu.

Vor allem über eine Sache freut sich Walsh: den Erfolg des Billigablegers Level, der erst im Juni den Betrieb aufnahm. „Die Verkäufe sind deutlich über unseren Erwartungen“, lobte Walsh die Langstreckentochter. Zu den zwei Jets der neuen Airline, die bisher nur in Spanien startet, werden im kommenden Sommer drei neue Airbus A330–200 kommen. „Wir erwägen weitere Basen in Europa“, so Walsh.

Das klare Ziel des IAG-Chefs: Er will unter anderem dem deutschen Rivalen Lufthansa mit dessen Billigableger Eurowings Paroli bieten. Und nicht nur er. Air France geht ebenfalls im Herbst mit einem neuen Spross an den Start, zunächst auf der Mittel-, schon bald aber auch auf der Langstrecke. Der Name: Joon. Vor wenigen Tagen haben die mächtigen Piloten dem Vorhaben zugestimmt. Zwar will Air France die neue Tochter nicht als reine Billigairline verstanden wissen. Sie richte sich an die sogenannten Millennials, also die 18- bis 35-Jährigen. Doch damit zielt Joon auf dieselbe Klientel wie Eurowings.

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Fast im Wochenrhythmus kündigen Airlines neue Langstrecken-Ziele zu Kampfpreisen an. Die dänische Charterfluggesellschaft Primera Air will ab 2018 in den Transatlantik-Verkehr einsteigen – mit Zielen wie Boston oder New York. Tickets gibt es bereits zu kaufen – zum Beispiel für 287 Euro für einen Hin- und Rückflug von Paris nach New York. Keiner will den Trend „Billig auf der Langstrecke“ verpassen.

Das Problem: Just in dem Moment, in dem sich alle in das für viele neue Geschäftsfeld stürzen, schwächelt der Pionier in diesem Markt. Die skandinavische Airline Norwegian Air Shuttle ist wegen ihrer fragilen Bilanzstruktur, einer übertrieben wirkenden Flugzeugbestellung und steigenden Kosten an der Börse abgestürzt. Seit Anfang Juli hat die Aktie fast ein Viertel an Wert verloren. „Unserer Ansicht nach hat Norwegian damit zu kämpfen, das durch die Flotte diktierte Wachstum zu managen“, analysiert Andrew Lobbenberg von HSBC Global Research die Situation: „Das zweite Quartal beweist, dass die Kosten außer Kontrolle sind.“ Die Kritiker, die nicht daran glauben, dass das auf der Kurz- und Mittelstrecke erfolgreiche Billigmodell auch auf der Langstrecke funktioniert, fühlen sich hundertprozentig bestätigt.

„Die Kosten eines Langstreckenjets sind, wie sie sind“, sagt der Topmanager einer deutschen Fluggesellschaft, der nicht genannt werden will. Gut gemanagt könne man bei der Crew und ein paar weiteren Posten vielleicht bis zu 20 Prozent an Kosten rausschneiden, mehr nicht. „Im Langstreckengeschäft ist das nichts und zu wenig, um die aktuellen Ticketpreise zu finanzieren.“

Das Geschäftsmodell der Billigairlines fußt darauf, dass die Flugzeuge nur kurz am Boden sind, um ent- und beladen zu werden. Denn nur in der Luft verdienen die Unternehmen Geld. Auf der Kurz- und Mittelstrecke funktioniert das gut, hier reicht eine Crew, das Flugzeug kann rund 30 Minuten nach dem Landen wieder abheben.

Auf der Langstrecke müssen die Flugzeuge dagegen länger am Boden bleiben, etwa, weil die technische Überprüfung, aber auch die Reinigung und das Versorgen mit Wasser, Nahrung und Getränken mehr Zeit in Anspruch nehmen. Zudem braucht die Airline mehr Crews pro Flugzeug, denn die vorgeschriebenen Ruhezeiten sorgen dafür, dass das Flugzeug nicht sofort mit derselben Mannschaft wieder zurückfliegen darf. Das alles treibt die Kosten.

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