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11.03.2012

16:29 Uhr

Strom-Autobahnen

Netzbetreiber Tennet in der Kritik

VonKlaus Stratmann

ExklusivDie Probleme des Unternehmens beim Anschluss der Windparks vor Deutschlands Küste werden immer deutlicher. Nun gehen drei Wettbewerber gegen einen Vorstoß von Tennet in die Offensive. Sie befürchten „Sozialisierung“.

Der in Betrieb befindliche RWE Innogy Windpark vor der Küste von Nordwales. dpa

Der in Betrieb befindliche RWE Innogy Windpark vor der Küste von Nordwales.

BerlinDie vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber streiten über die Netzanbindung der Offshore-Windparks. Besonders in die Kritik gerät dabei der Übertragungsnetzbetreiber Tennet. Die anderen drei Betreiber – Amprion, 50Hertz und EnBW - befürchten, dass sie für die aktuellen Probleme bei Tennet in Mithaftung genommen werden und rufen die Bundesnetzagentur zu Hilfe. „Wir werden uns nicht an der Sozialisierung der Tennet-Probleme beteiligen. Das ist schlicht nicht zumutbar“, heißt es bei einem der drei Betreiber. Sie haben wenig Verständnis für die Lage bei Tennet. Der Umfang der Offshore-Projekte sei bekannt gewesen, als die niederländische Mutter das frühere Eon-Übertragungsnetz Anfang 2010 gekauft habe. „Die Projekte sind nicht vom Himmel gefallen“, sagt ein Manager eines Übertragungsnetzbetreibers.

Bei einem anderen Betreiber heißt es, man habe Zweifel, ob Tennet die Projekte auch wirklich voran treiben wolle. Schließlich sei das niederländische Mutterunternehmen komplett im Eigentum des top-gerateten niederländischen Staates. „Da sollte es kein Problem sein, Finanzierungen auf die Beine zu stellen“, heißt es. Tennet sei mit dem Kauf des früheren Eon-Übertragungsnetzes eine Verpflichtung eingegangen, die das Unternehmen nun zu erfüllen habe.

Das Tennet-Management räumt ein, dass sich die Finanzierung der Netzanbindung von Offshore-Windparks schwierig gestaltet. „Wir haben aktuell Investitionsentscheidungen über 5,5 Milliarden Euro getroffen. Es werden voraussichtlich mindestens weitere 15 Milliarden Euro auf uns zukommen. Dieser riesige Kapitalbedarf ist kaum mehr zu bewältigen“, hatte Lex Hartman, Mitglied der Geschäftsführung des Übertragungsnetzbetreibers, kürzlich geklagt. Händeringend sucht das Unternehmen nach Partnern, die in die Finanzierung einzelner Offshore–Netzanbindungen einsteigen – mit mäßigem Erfolg.

Bei dem Streit der Netzbetreiber geht es nicht nur um Macht und Geld, es geht auch um zentrale Ziele der Energiewende. Die Bundesregierung setzt auf große Windkraftwerke in Nord- und Ostsee. Sie sollen sich innerhalb weniger Jahre zu einem wichtigen Standbein der Stromerzeugung entwickeln. Doch ohne die dazu gehörigen Netzanschlüsse können Offshore-Windparks nicht genutzt werden.

Die Übertragungsnetzbetreiber sind gesetzlich verpflichtet, die Windparks auf hoher See in ihrem jeweiligen Netzbereich ans Stromnetz an Land anzubinden. Die Anbindung erfordert je Windpark oft Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe. Angesichts mehrerer Dutzend geplanter Parks geht es um viel Geld. Bei den vier Übertragungsnetzbetreibern grenzen nur die Versorgungsgebiete von Tennet und 50Hertz an Nord- und Ostsee. Die beiden Unternehmen stehen daher vor besonders großen Herausforderungen. 50Hertz allerdings hat in den vergangenen Wochen immer wieder betont, für die finanziellen Herausforderungen bestens gerüstet zu sein.

Tennet war Ende Februar zur Überraschung der anderen drei Betreiber mit dem Vorschlag in die Offensive gegangen, die Herstellung von Offshore-Anschlüssen unternehmensübergreifend an eine neue Gesellschaft auslagern. Genau das wollen die anderen drei Betreiber verhindern. Sie arbeiten an Gegenvorschlägen. Dabei soll die Bundesnetzagentur eine zentrale Rolle spielen. „Wenn der zuständige Netzbetreiber bestätigt, dass er eine Investition nicht vornehmen kann, sollte die Bundesnetzagentur eine Ausschreibung organisieren“, heißt es in einem Arbeitspapier eines Netzbetreibers. Dann könnten Dritte zum Zuge kommen. Bei der Netzagentur heißt es dazu nur, der Fall, dass ein Netzbetreiber seiner Verpflichtung nicht nachkomme, sei gesetzlich nicht geregelt.  

Alternativ schlagen die Netzbetreiber vor, vorübergehend einen Umlage in Höhe von 0,5 Cent je Kilowattstunde Strom zu erheben. „Diese Umlage sollte über einen begrenzten Zeitraum wie ein Baukostenzuschuss wirken und in der Folge über entsprechende geringere Netzentgelte oder eine entsprechend stärker degressiv gestaltete EEG-Umlage ausgeglichen werden“, heißt es bei einem der Netzbetreiber.

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

11.03.2012, 18:14 Uhr

Die Netzbetreiber kassieren ausreichend Gebühren. Die müssen nur für Investitionen und nicht zur Gewinnausschüttung eingesetzt werden.

Unternehmen kommt von etwas unternehmen, sonst würde man Kassierer sagen.

Lukas

11.03.2012, 21:30 Uhr

die Netzbetreiber bekommen schon eine staatlich garantierte Rendite von mindestens 9%

Account gelöscht!

12.03.2012, 02:08 Uhr

Es machte Sinn, wenn der Staat für die Summen bürgen würde. Besser wäre es wahrscheinlich sogar, der Bundesnetzagentur gehörten die Leitungen. Der Staat kann über geeigneter Gesetze die Profitabilität jederzeit absichern. Wenn das Geschäft "funktioniert", kann man die Leitungen später gut verkaufen. Ohne den Staat ist das Risiko unkalkulierbar.
Klar ist sowieso, dass die Privatbürger die Eneriewende zahlen müssen. Egal ob mit Staatsbürgschaft, Staatseinstieg oder privat finanziert. Die Frage ist nur, wie ehrlich die bisherigen Kostenschätzungen waren.

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