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29.06.2017

20:39 Uhr

Waberer‘s

Lkw-Riese fährt an die Börse

VonChristoph Schlautmann, Hans-Peter Siebenhaar

Der Lkw-Spediteur Waberer's aus Ungarn strebt an die Börse. Doch der Börsengang der Logistikfirma ist umstritten. Offenbar will Finanzinvestor und Eigentümer MID Europa Partners Kasse mit den Budapestern machen.

Die dunkelblauen Zuggespanne mit der goldenen Sonne als Markenzeichen sind deutschen Autobahnnutzern wohlbekannt. 3.550 Lkws haben die Ungarn in ihrem Fuhrpark, 80 Prozent davon auf deutschen Straßen, wie Experten glauben. imago/Belga

Waberer‘s

Die dunkelblauen Zuggespanne mit der goldenen Sonne als Markenzeichen sind deutschen Autobahnnutzern wohlbekannt. 3.550 Lkws haben die Ungarn in ihrem Fuhrpark, 80 Prozent davon auf deutschen Straßen, wie Experten glauben.

Düsseldorf/BudapestEs könnte eines der größten Unternehmen werden, das an Ungarns Börse gelistet ist. Gibt der Budapester Lkw-Spediteur Waberer‘s zum geplanten Termin am Freitag bekannt, dass der Ausgabepreis seiner Aktien mit 20,40 Euro am oberen Ende der Spanne liegt, wäre die Logistikfirma umgerechnet 350 Millionen Euro wert. Von den mindestens 190 Millionen Euro Einnahmen, die der Börsengang bringt, sollen der Firma selbst 40 Millionen Euro bleiben. Den Rest kassiert der Eigentümer MID Europa Partners. Schon für den 6. Juli ist die Erstnotierung geplant. 

Doch der Börsengang ist umstritten. Experten fragen sich, ob Waberer’s überhaupt eine erfolgversprechende Zukunftsstrategie besitzt.

Vorstandschef Ferenc Lajkó hat daran keinen Zweifel. „Wir sehen enorme Chancen vor allem in Mitteleuropa“, warb er zuletzt für den Börsengang, „weil wir uns dort in einem fragmentierten Markt an der Konsolidierung beteiligen wollen.“ Wie zum Beweis kündigte er schon einmal die Übernahme des polnischen Wettbewerbers Link an, den er aus Geldern des Börsengangs für 32 Millionen Euro kaufen will. Das übrige Geld aus dem IPO will er in die IT stecken. Denn Größe gilt im Speditionsgeschäft als harte Währung, eine funktionierende IT ebenso.

Die dunkelblauen Zuggespanne mit der goldenen Sonne als Markenzeichen sind deutschen Autobahnnutzern wohlbekannt. 3550 Lkws haben die Ungarn in ihrem Fuhrpark, 80 Prozent davon auf deutschen Straßen, wie Experten glauben.

Der Blick nach Deutschland ist auch ansonsten wichtig für Waberer’s Konzernführung. Kurz nach dem Kauf der restlichen Anteile des Gründers durch den Finanzinvestor MID Europa vor gut einem Jahr suchten die Eigner um MID-Partner Nikolaus Bethlen Rat bei Detthold Aden, dem einstigen Chef des Bremer Hafenbetreibers BLG. Gemeinsam mit dem Würzburger Professor Christian Kille sollte er dem neuen Herrn im Hause aufzeigen, wie sich das ebenso anspruchslose wie margenschwache Lkw-Transportgeschäft erfolgreich ausbauen ließe. Mit übersichtlichen Resultaten. Bislang blieb in Budapest alles beim Alten.

Schon dass MID Europa zum Eigentümer aufstieg, verdankte der Finanzinvestor einem Flop. Einen Börsengang nämlich plant Waberer’s in diesen Tagen nicht zum ersten Mal. So wollte Gründer György Waberer bereits im Herbst 2015 in der ungarischen Hauptstadt aufs Börsenparkett, wandelte die Rechtsform seiner Firma dazu eigens in eine Aktiengesellschaft. Doch aus dem Ansinnen wurde nichts. Die trüben Kursentwicklungen an den Aktienmärkten, hieß es damals zur Entschuldigung, hätten das Börsendebüt zum Vabanquespiel gemacht. Tatsächlich waren es wohl auch die mageren Betriebsergebnisse, die Anleger damals verschreckten. Bei 522 Millionen Euro Umsatz blieben den Ungarn unterm Strich gerade einmal zwölf Millionen übrig.

Nun soll es beim zweiten Mal klappen. Denn die Zeichen in der Branche stehen gut. Der Kurs des Schweizer Wettbewerbers Panalpina legte in den vergangenen zwölf Monaten um 20 Prozent zu, Speditionsrivale Kühne + Nagel sogar um 23 Prozent. Und auch die Deutsche Post, die ein Viertel ihres Geschäfts mit der unter DHL firmierenden Fracht- und Speditionssparte erlöst, notiert derzeit 33 Prozent höher als vor einem Jahr.
Doch obwohl die Ungarn für Großkunden wie Audi oder Aldi fahren: Es fehlt eine überzeugende Börsenstory.

„Für Waberer’s ist es wahnsinnig mutig, an die Börse zu gehen“, erzählt ein Logistikmanager, der das Unternehmen gut kennt. Außer dem traditionellen Lkw-Verkehr habe der Arbeitgeber von 4800 Fahrern kaum etwas zu bieten. Der deutsche Wettbewerber Dachser betätige sich im Bereich der Kontraktlogistik beispielsweise weit umfangreicher.

Bislang profitierten osteuropäische Speditionen wie Waberer’s davon, dass sie etwa in Deutschland zu niedrigeren Löhnen und geringen Sozialkosten Transporte anbieten können. Ein neues deutsches Gesetz schiebt dem jedoch teilweise einen Riegel vor. „Waberer’s würde sich wahrscheinlich eher als Kaufobjekt für Wettbewerber wie DB Schenker eignen, der damit sein Netz erweitern könnte“, urteilt ein deutscher Branchenexperte. Insider vermuten, dass MID Europa für den Weiterverkauf der Spedition aber keinen Interessenten gefunden hat.

Waberer’s genießt einen eher durchwachsenen Ruf, was Behandlung und Entlohnung der eigenen Lkw-Fahrer betrifft. Die Resultate sind – mit durchaus erschütternden Beiträgen über Fahrerschicksale – heute auf Youtube zu bewundern.

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