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18.12.2011

15:02 Uhr

Management

Arbeitszeit ist Lebenszeit

VonClaudia Schumacher

Im Werben um die Top-Kräfte locken Unternehmen zunehmend mit familienfreundlichen Angeboten. Flexible Beschäftigungszeiten und virtuelle Büros sollen die Mitarbeiter kreativer und zufriedener machen.

Kinderbetreuung in Unternehmen lockt viele Spitzenkräfte an. dpa

Kinderbetreuung in Unternehmen lockt viele Spitzenkräfte an.

DüsseldorfMartin Hauske macht es nichts aus, viel unterwegs zu sein. Rund 300.000 Kilometer ist der IBM-Manager in den vergangenen fünf Jahren jeweils geflogen, er war häufig drei Wochen pro Monat unterwegs. Hauske leitete von Peking aus das Geschäft des Konzerns mit intelligenten Stromnetzen, er war für 140 Schwellenländer verantwortlich.

Als seine Frau schwanger wurde und später ihre Tochter geboren wurde, wollte der heute 42-Jährige aber bei ihr sein. Das Problem: Sie machte zu der Zeit ihren Master of Business Administration, allerdings in Paris. Hauske holte sich von seinem Arbeitgeber die Erlaubnis, in Frankreich zu arbeiten - wenn auch mit asiatischen Arbeitszeiten. „Die Videokonferenzen begannen für mich dann oft um drei Uhr nachts“, erzählt er.

Karriere und Familie miteinander zu vereinbaren, ist schon im nationalen Maßstab häufig schwierig. Weltweit arbeitende Manager wie Hauske müssen bisweilen zu Nachtschwärmern werden, um beides unter einen Hut zu kriegen. Viele Führungskräfte wollen aber trotz beruflicher Ambitionen noch Zeit für sich und ihre Familie haben. Sie bringen Unternehmen dazu, flexiblere Lösungen anzubieten, damit die Top-Kräfte an Bord bleiben.

Wie andere Länder Karriere und Familie harmonisieren

Frankreich: Junge Eltern haben ein Recht auf Teilzeit

Frankreich ist in vielen Bereichen in den vergangenen Jahren zurückgefallen, in einer Rangliste ist das Land aber noch immer weit vorne: der Geburtenrate. Die französischen Frauen können Kind und Karriere vergleichsweise gut miteinander vereinbaren, sie gelten darin als Vorbild in Europa. Grund dafür sind nicht nur gute Kinderbetreuungsmöglichkeiten, sondern auch eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten – auch für Führungskräfte. Eltern, nicht nur Mütter, haben zumindest in größeren Betrieben in den ersten drei Lebensjahren ihres Nachwuchses ein Recht auf Teilzeitbeschäftigung. Nicht die halbe Stelle hat sich durchgesetzt, sondern eine 80-Prozent-Lösung, die 4/5-Stellung. Denn Ganztagsschulen und Krippen erlauben mehr Arbeitszeit als eine halbe Stelle und bei 80 Prozent kann man noch einen verantwortungsvollen Posten ausfüllen.

Vor allem Mütter nehmen das in Anspruch und halten sich den Mittwoch frei, weil an dem Tag die Kinder bis zur fünften Klasse keine Schule haben. Aber auch Männer entscheiden sich immer häufiger dafür. Viele Eltern gehen auch nach dem dritten Geburtstag des Kindes nicht auf eine volle Stelle zurück, sondern bleiben bei der 4/5-Lösung. Der Arbeitgeber ist meist einverstanden, weil in 80 Prozent der Zeit oft 100 Prozent der Arbeit erledigt wird. Text: Tanja Kuchenbecker

Österreich: Auf der Skipiste ins Internet

Ob am Strand oder auf der Skipiste: Österreichische Führungskräfte müssen im Urlaub permanent erreichbar sein – das ist zumindest die Erwartung. Die Skiregion Amadé im Salzburger Land und in der Steiermark hat deshalb entlang der 860 Pistenkilometer für die beginnende Skisaison 250 WLAN-Stationen für den drahtlosen Zugang ins Internet aufgebaut. Im nächsten Jahr sollen 150 weitere dazukommen. Wer in diesem Winter in Schladming oder Saalbach-Hinterglemm unterwegs ist, kann künftig ohne großen Aufwand das iPad aus dem Rucksack ziehen und die Skirunde für den Arbeitgeber unterbrechen. 300000 Euro haben die Liftbetreiber in diesem Jahr dafür investiert, die Einwahl ist kostenlos.

Von den Stationen werden besonders ausländische Gäste profitieren, weil sie den hohen Roaming-Gebühren der Mobilfunkbetreiber ausweichen können. „70 Prozent der Besucher kommen aus dem Ausland“, sagt Amadé-Geschäftsführer Christoph Reisinger. In den Alpen hatte es die drahtlosen Datenverbindungen bislang nur vereinzelt in einigen Orten gegeben. Deutsche Unternehmer sollten ihre Manager künftig also ins Salzburger Land und in die Steiermark zum Ski-Urlaub schicken, wenn sie den Einsatz für die Firma rund um die Uhr erwarten. Zumal ohne die Roaming-Gebühren auch das Spesenkonto entlastet wird. Text: Stefan Menzel

Schweiz: Effizienter durch Heimarbeit

Der schweizerische Staat macht es Paaren nicht unbedingt leicht, wenn beide einem Vollzeitjob nachgehen. Dafür sorgt allein schon das Kuriosum der sogenannten „Heiratsstrafe“: Anders als in Deutschland gibt es kein Ehegattensplitting, durch die Aufaddierung von zwei Einkommen steigt ein verheiratetes Paar in der Steuerprogression. Dennoch weist die Schweiz laut OECD mit 72 Prozent eine höhere Erwerbsquote von Frauen auf als Deutschland mit 66 Prozent. Das liegt daran, dass 60 Prozent aller berufstätigen Frauen nur Teilzeit arbeiten. Vollzeitjobs sind schwierig mangels Kinderbetreuungsmöglichkeiten und lohnen sich oft nicht.

Schweizer Unternehmen sind aber auf qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen – und tun daher einiges, damit Angestellte Familie und Beruf vereinbaren können. Vorbildcharakter hat der Rückversicherer Swiss Re: Bis in die zweite Führungsebene ist Teilzeit möglich, auch Organisationsformen wie Home-Office kämen regelmäßig zur Anwendung, sagt eine Sprecherin. Zum Teil könnten Mitarbeiter flexibel bei Projekten auf die Heimarbeit zurückgreifen, etwa wenn sie in Ruhe etwas ausarbeiten möchten. Dem Konzern geht es darum, dass seine Leute effektiv ihre Aufgaben erledigen – Anwesenheitswahn im Büro gilt eher als Warnsignal. Text: Holger Alich

Südkorea: Virtueller Supermarkt in der U-Bahn

Immer mehr Menschen pendeln täglich zur Arbeit, und das über immer größere Distanzen. Ob Auto, Zug, U-Bahn oder Bus – im Schnitt ist jeder Pendler pro Strecke fast 25 Minuten unterwegs. Hinzu kommen die langen Arbeitszeiten. Viele Berufstätige schaffen es deshalb abends nicht mehr in den nächsten Supermarkt. Der britische Einzelhandelskonzern Tesco hat daraus eine Geschäftsidee entwickelt. In Südkorea, wo das Unternehmen unter dem Namen Homeplus bekannt ist, hat es im August den ersten virtuellen Supermarkt eröffnet. Eine Innovation, die seither in mehreren anderen Ländern kopiert wurde. Verkauft werden Lebensmittel, Drogerieartikel, Bücher, kleinere Elektrogeräte oder Spielzeug.

„Shop on the Go“ nennt Tesco das Prinzip. In der U-Bahn-Station Seonreung in Seoul hat das Unternehmen große, hell erleuchtete Displaywände aufgehängt. Sie sehen aus wie Regale im Laden und zeigen die 500 beliebtesten Produkte – von Milch über Äpfel bis hin zu Tierfutter. Jedes Produkt besitzt einen Code, den der Kunde mit Hilfe einer entsprechenden App auf dem Smartphone einscannen muss. Erfolgt die Bestellung vor ein Uhr mittags, wird die Ware noch am selben Abend nach Hause geliefert. Der Einkauf lässt sich so in den paar Minuten, bis die U-Bahn kommt, schnell erledigen. Text: Kirsten Ludowig

Schweden: Beschäftigte bestimmen ihr Pensum selbst

Lieber eine flexible Arbeitszeit als ein höheres Gehalt, das ist für die meisten schwedischen Arbeitnehmer völlig klar. 70 Prozent wünschen sich mehr Freiheit bei der Organisation ihrer Arbeitszeit, ergab eine Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Sifo Mitte November. Dafür würden sie auch auf Gehaltserhöhungen verzichten.

Dabei ist in kaum einem Land die Arbeitswelt bereits so flexibel wie in Schweden. Schon in den 60er-Jahren führte Schweden als eines der ersten Länder überhaupt flexible Zeiten ein. Die mächtigen Gewerkschaften hatten dafür zunächst gegen den Widerstand der Unternehmen gekämpft. Doch schnell erkannten die Arbeitgeber, dass sich die Produktivität dadurch spürbar erhöhte. Heute haben alle größeren Unternehmen und selbst die meisten Mittelständler flexible Arbeitszeiten. Überstunden landen auf einem Arbeitszeitkonto, auf das zurückgreifen kann, wer etwas erledigen muss. Fernarbeit aber ist noch eine Ausnahme. „Es gibt viele Verwaltungsaufgaben, die sich mobil nicht so einfach machen lassen“, heißt es beim Arbeitgeberverband.

Gar kein Problem gibt es mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Da alle Eltern einen Anspruch auf einen Kita-Platz haben und das steuerfinanzierte System gut ausgebaut ist, müssen Arbeitnehmer kaum Abstriche beim Job machen. Text: Helmut Steuer

Nicola Leibinger-Kammüller stellte das neue Konzept persönlich vor - die Geschäftsführerin des Maschinenbauers Trumpf wusste wohl, dass es für Aufsehen sorgen würde: Bei Trumpf können sich die Arbeitnehmer ihre Arbeitszeiten selber maßschneidern. Je nach persönlichen Wünschen und Lebensphasen arbeiten die Beschäftigten mehr oder weniger, als es ihr Standard-Arbeitsvertrag bis dahin erlaubt hat. „Die Ansprüche unserer Mitarbeiter an ihren Arbeitsplatz verändern sich“, sagte Leibinger-Kammüller damals, im Mai.

Andere Unternehmen ziehen nach. Bei Bosch etwa beteiligen sich mehr als 100 Führungskräfte an einem Projekt, in dem ein bestimmter Anteil der Wochenarbeitszeit jenseits des eigenen Büros verbracht wird. Die Deutsche Telekom forciert das Thema „Führung in Teilzeit“. Der Durchbruch soll bewusst auf der Ebene der leitenden Mitarbeiter geschafft werden. Mit Managern als Vorbild ließen sich entsprechende Modelle dann auch besser in der Breite durchsetzen, sagte ein Telekom-Sprecher. Auch der Versicherer Allianz startet Anfang 2012 ein Pilotprogramm, mit dem Auswirkungen flexibler Arbeitszeit für Führungskräfte getestet werden sollen. Dazu zählen Teilzeitmodelle, Sabbatical und das virtuelle Büro. „Es gibt kein einschlägiges Erfolgsrezept“, glaubt Christian Finckh, Personalmanager bei der Allianz. „Eine Lösung muss jeweils zu den Bedürfnissen des Einzelnen passen.“

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

18.12.2011, 16:25 Uhr

Es ist nicht nur eine Frage der Familienfreundlichkeit und es ist vor allem nicht einmal eine Frage organisationaler Angebote, i.G. bieten viele Unternehmen flexible Arbeitszeitmodelle an. Allerdings ist - nicht nur in meiner eigenen qualitativ-emprischen Studie in einem deutschen Konzern - Arbeitszeit die schärfste Diskrimnierungsachse im Arbeitsalltag noch vor Geschlecht, Hautfarbe etc., sogar vor Bildungsabschlüssen. Eine Person, die in 40 Arbeitsstunden ihr Arbeitspensum absolvierte, wurde weniger als karriereträchtig wahrgenommen als eine Person, die in 50 Stunden ihr Pensum nicht schaffte. Zwei halbe Tage für eine beruflich relevante, privat bezahlte Weiterbildung freizuhalten, führte genauso zu gezieltem 'missing out', wie bei einer behinderten Person, die nach zwei Arbeitstagen einen freien Tag benötigte oder in Teilzeit arbeitende Eltern. Bspw. wurden wöchentliche Team-Mittagessen auf deren Abwesenheiten gelegt, oder es wurde explizit erwähnt, wenn sie denn 'doch' etwas geschafft hatten in ihrer Arbeitszeit. Und auch wenn Teamleitung mit einer 80%-Stelle für interviewte Vorgesetzte "vorstellbar" war, gab es in dieser (recht großen) Abteilung, in der etwa 30% in Teilzeit arbeiteten, jemals eine Führungskraft mit reduzierter Arbeitszeit. Dagegen steht, dass im Unternehmen seit ca. 20 Jahren viele Möglichkeiten angeboten werden und von der PA auch intensiv für individuell-flexibles Zeitmanagment intern geworben wird. Im Arbeitsalltag, genauer: in den Teams und bei den direkten Vorgesetzten hat sich am Diskriminierungsverhalten nichts geändert.

Herrschaftszeiten

19.12.2011, 16:44 Uhr

TRUMPF engagiert sich sehr für familienfreundliche Arbeitsbedingungen. Leider ist das noch nicht durch alle TRUMPF Unternehmen durchgedrungen. So wurde in einem Fall dem Mitarbeiter ein Aufhebungsvertrag als alternativlose Konsequenz seines Wunsches nach Elternzeit angedroht, sollte er diesen in die Realität umsetzen. Nur durch das Veto von Leibinger selbst wurde diese Aufhebung gestoppt. Respekt der Familie Leibinger!
Der leitende Angestellte der sich diesen Fauxpas leistete hat es bisher nicht für nötig erachtet sich bei seinem Mitabeiter zu entschuldigen. Stattdessen wurde der Mitarbeiter, durch die Führungsebenen hindurch als unloyal bezeichnet.

In vielen Fällen sind familienfreundliche Arbeitsbedingungen bei TRUMPF vorbildlich umgesetzt, leider hat zumindest ein Manager andere Vorstellung von Familienfreundlichkeit.

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