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15.01.2016

03:56 Uhr

Management

Chefs entdecken ihre Mitarbeiter

VonFrank Wiebe

Die Sorge, dass ihnen die Talente ausgehen, treibt Führungskräfte weit mehr um als Fragen der Technik oder die Angst vor Cyberattacken. Zu dieser Erkenntnis kommt eine Umfrage unter gut 600 Unternehmenschefs.

Ein Angestellter blickt auf seinen Bildschirm: Der Mitarbeiter in einem Unternehmen rückt einer Studie zufolge immer mehr in den Fokus von Chefs. Reuters

Angestellter

Ein Angestellter blickt auf seinen Bildschirm: Der Mitarbeiter in einem Unternehmen rückt einer Studie zufolge immer mehr in den Fokus von Chefs.

New York„Was raubt Ihnen nachts den Schlaf?“ Diese Frage, natürlich differenzierter formuliert, stellte der Conference Board, eine unabhängige Forschungsorganisation, zwischen September und November 2015 gut 600 Unternehmenschefs weltweit. Die Antwort: vor allem die Sorge um die Mitarbeiter.

Dieser Punkt steht jetzt schon im dritten Jahr nacheinander an der Spitze der Skala. Und dahinter steckt ein deutlicher Trend, sagte Rebecca Ray bei der Vorstellung der Studie: „Der Blick geht mehr nach innen.“ Die Chefs haben Sorgen, dass ihnen die Konkurrenz die Talente wegschnappt. Sie befürchten, dass es nicht gelingt, die nächste Generation von Führungskräften heranzuziehen. Und sie fragen sich, ob die Organisation ihres Unternehmens flexibel genug ist.

Im Großen und Ganzen sind diese Trends weltweit zu spüren. Aber es gibt doch Unterschiede. In Europa etwa spielt die Angst vor neuen Konkurrenten eine noch größere Rolle als der Blick nach innen, aber auch dort hängen zwei der fünf wichtigsten Themen mit dem Personal zusammen.

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Auffällig ist, dass sich der Fokus auf die eigenen Leute durch viele Bereiche zieht. So hat zum Beispiel die Unternehmenskultur eine wachsende Bedeutung für die Chefs. Aber das vor allem vor dem Hintergrund, dass sie wichtig ist, um die richtigen Mitarbeiter zu bekommen. Auch beim Thema „Nachhaltigkeit“ steht genau dieser Aspekt im Vordergrund: Man möchte glaubwürdig sein, den Kunden gegenüber, aber mindestens ebenso sehr am Arbeitsmarkt. Umweltprobleme hingegen stehen keineswegs ganz oben auf der Sorgenskala. Die Klimaerwärmung etwa wird allgemein kaum im Zusammenhang mit dem eigenen Geschäft gesehen.

Ein wichtiges Thema ist „Innovation“. Aber auch dort ändert sich die Wahrnehmung deutlich. „Heute geht es nicht mehr in erster Linie darum, die neueste Technik zu installieren“, sagt Ray. Die Chefs fragen sich viel mehr, wie sie ihr Unternehmen so organisieren können, dass sie möglichst viele gute Ideen umsetzen, die bei den Kunden ankommen. Ein besonders wichtiger Punkt ist dabei die Durchlässigkeit von unten nach oben. Das Modell, nach dem alle guten Ideen von oben diktiert werden, und die unteren Ebenen sie nur umzusetzen haben, ist - angesichts der steigenden Anforderungen an die Kreativität der Firmen - ein Auslaufmodell.

12 Karriere-Mythen

Mit 50 ist man zu alt für die Karriere

Nein! In der Realität gibt es diese Altersschranke oft gar nicht, glaubt Headhunter Marcus Schmidt: „Manche Mandanten suchen sogar explizit Führungskräfte ab 50, weil sie viel Wert auf Erfahrung legen und nicht wollen, dass der Neue gleich wieder weiterzieht.“ Zudem gilt in Deutschland seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das eine Diskriminierung aus Altersgründen verbietet.

Seine Erfahrungen hat Schmidt in dem Buch „Die 40 größten Karrieremythen“ niedergeschrieben. Handelsblatt Online hat die spannendsten Zitate ausgewählt.

Ohne Doktortitel geht es nicht

„Die Frage, ob man promovieren soll oder nicht, hängt von der angestrebten Karriere ab“, sagt Schmidt. Denn die Promotion koste immer auch Zeit – in der Diplomanden ein vergleichsweise geringes Gehalt beziehen. „Nicht alle jungen Berater, Anwälte und Wirtschaftsprüfer wollen in einem Unternehmen zum Partner aufsteigen oder erreichen dieses Ziel.“

Eine Top-Karriere macht man nur im großen Konzern

Falsch! Entscheidend für die Karriere sei nicht, bei welchem Unternehmen man arbeite, sondern welche Aufgaben und Entfaltungsmöglichkeiten man habe, sagt Personalberater Schmidt. „Gerade in weniger etablierten Unternehmen gibt es oftmals spannendere und weniger standardisierte Aufgaben als in Großkonzernen“, so Schmidt.

Nur wer sich anpasst kommt weiter

Im Gegenteil: Eigene, gut argumentierte Überzeugungen hält Headhunter Marcus Schmidt für unabdingbar. „Wer nur mitläuft, um ja keinen Fehler zu machen, kann nichts Herausragendes leisten und wird nicht dauerhaft auf sich aufmerksam machen“, so Schmidt. So könne man sich nicht profilieren oder für die nächsten Ebenen empfehlen.

Der MBA ist ein Karriere-Turbo

Die deutsche Wirtschaft zeigt ein anderes Bild: Absolventen hätten sich selten in die Führungsetage hochgearbeitet, sagt Schmidt. Anders als der Doktortitel ist der MBA zudem kein normierter akademischer Grad, seine Vergabe wird also grundsätzlich nicht staatlich geregelt oder kontrolliert. Wer Studiengebühren von bis zu 70.000 US-Dollar auf sich nehme, solle deshalb das Renommee der Schule immer überprüfen.

Ohne Examen gibt es keinen Aufstieg

Muss man heute studieren, wenn man Karriere machen will? Nein, glaubt Headhunter Marcus Schmidt. Und einige prominente Konzernlenker geben ihm recht: Telekom-Chef René Obermann etwa hat sein Studium abgebrochen, und auch Klaus-Peter Müller, bis 2008 Vorstandsvorsitzender der Commerzbank und jetziger Aufsichtsratsvorsitzender, hat nie studiert.

Gehalt ist ein untrüglicher Gradmesser des Karriereerfolgs

Die Position mit Perspektive sei nicht immer die am besten bezahlte, sagt Marcus Schmidt. So könne sich für ein renommiertes Traineeprogramm ein kurzfristiger Gehaltsverzicht durchaus auszahlen - etwa, wenn das ausbildende Unternehmen in seiner Branche als Kaderschmiede gilt.

Ein Auslandsaufenthalt fördert die weitere Karriere

Nicht immer, sagt Headhunter Marcus Schmidt – stattdessen kann der Auslandseinsatz sogar zum Nachteil werden. „Oftmals sind es die Daheimgebliebenen, die dann verbleibende Inlandsposten unter sich aufteilen“. Sie säßen dann auf Stühlen, auf die Auslandsrückkehrer vergeblich spekulieren.

Der erste Job muss der richtige sein

Wer auf standardisierte Einstiegsprogramme in Unternehmen mit hohem Bekanntheitsgrad setze, müsse auch in Kauf nehmen, dass die eigene Berufslaufbahn nachgemacht wirkt, sagt Personalberater Marcus Schmidt. „Gehen Sie eigene Wege. Suchen Sie Ihren Einstieg ruhig gegen den Strich. Probieren Sie etwas aus, was sie wirklich interessiert.“

Karriere macht, wer mehr als 60 Stunden pro Woche arbeitet

Falsch, glaubt Headhunter Marcus Schmidt. Ebenso wichtig wie der tatsächliche Zeiteinsatz sei der gefühlte Zeiteinsatz. Und der definiere sich auch durch die Befriedigung mit der getanen Arbeit. „Wer es schafft, aus seines Arbeit weitgehend Befriedigung zu ziehen, muss auch nicht Karriereschablonen zum persönlichen Zeiteinsatz nachjagen.“

Frauen hindert die „gläserne Decke“ am Aufstieg

Tatsächlich finde sich diese „gläserne Decke“ vor allem in den Köpfen der männlichen Entscheider, glaubt Schmidt. Für weibliche Führungskräfte scheine sie hingegen kein Thema zu sein. „Viele Beratungsunternehmen und große Konzerne bitten uns öfter sogar explizit, nach weiblichen Kandidatinnen zu suchen.“

In der Wirtschaftskrise macht man keine Karriere

„In der Krise wählen Unternehmen bei der Besetzung von Stellen zwar sorgfältiger aus. Aber sie stellen trotzdem noch ein“, ist die Erfahrung von Marcus Schmidt. Gerade in Phasen des Umbruchs gebe es etwa die Chance zur Übernahme von Restrukturierungsjobs, bei denen wirklich die Fähigkeit der Verantwortlichen zählt.

Ray zitiert in dem Zusammenhang andere Studien, die zusätzlich belegen, wie wichtig eine möglichst vielfältige Zusammensetzung von Teams auf allen Managementebenen ist. Dabei geht es nicht nur um die bekannten Punkte: etwa darum, den Anteil von Frauen in bisher von Männern dominierten Zirkeln zu erhöhen, oder gezielt Leute aus anderen Ländern und Kulturen zu integrieren. Ray kennt Beispiele, in denen es sich auch bewährt, Leute mit ganz unterschiedlichem Bildungsgrad zusammenzubringen - zum Beispiel solche ohne Studium mit PhD-Absolventen.

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