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16.11.2016

06:40 Uhr

Management durch Meditation

Selbstführung für alle!

VonLisa Oenning

Google, SAP, BASF oder dm: Selbstführung gehört in Großkonzernen mittlerweile zum guten Ton. Führungskräfte und Mitarbeiter lernen dabei etwa das gemeinsame Meditieren. Warum die Achtsamkeitslehre wichtig ist.

In vielen Unternehmen sollen Mitarbeiter durch Meditation lernen, sich besser wahrzunehmen, zu kontrollieren und Entscheidungen zu treffen. Fotolia.com

Achtsames Management

In vielen Unternehmen sollen Mitarbeiter durch Meditation lernen, sich besser wahrzunehmen, zu kontrollieren und Entscheidungen zu treffen.

DüsseldorfDie Kollegen treffen sich zum Mittagessen. Aber statt sich über die Arbeit und das Privatleben zu unterhalten, sitzen sie schweigend beisammen. Jeder Einzelne fokussiert seine Sinne aufs Essen: Wie schmeckt es? Welche Konsistenz hat es? Was macht es mit dem eigenen Körper? Wie schnell geht der Atem? Erst nach mehreren Minuten nehmen sie ihre Kollegen wahr, mit denen sie über das Erlebte sprechen.

Ein achtsames Mittagessen oder eine Meditation waren für Peter Bostelmann vor mehr als zehn Jahren kein Thema. „Das brauche ich nicht“, dachte der SAP-Manager damals, ohne jemals an solch einem Lunch teilgenommen zu haben. „Das ist nur etwas für Menschen, die mit Stress nicht umgehen können.“

Und dann stolperte der Manager selbst in die Achtsamkeitslehre hinein, wie er sagt. Trotz seiner anfänglichen Vorurteile nahm er an einem Kurs teil. „Meine Meditationspraxis hat mich immer weiter gestärkt. Ich konnte besser mit Konflikten umgehen und war klarer ausgerichtet.“ Diese Erkenntnisse behielt Bostelmann erst einige Jahre für sich. Er meditierte nur im privaten Rahmen, bevor er seinem Arbeitgeber vorschlug, ein Achtsamkeitsprogramm in die Unternehmensstrategie von SAP einzubinden.

2012 startete er in Palo Alto eine Graswurzelinitiative, die nach erfolgreichen Pilotprojekten in den USA und Deutschland zu SAPs „Global Mindfulness Practice“ wurde. Nahe San Francisco leitet Bostelmann nun seit mehreren Jahren das Achtsamkeitsprogramm des Software-Riesen.

Neue Studien zum Thema – Dem Stress auf der Spur

Aktiv sein statt rumhängen

Ein Arbeitsalltag wie im Hamsterrad: Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung und der Krankenkasse Barmer GEK von 2015 stoßen 18 Prozent aller Arbeitnehmer häufig an ihre Leistungsgrenzen, 23 Prozent machen keine Pause, schaffen es nicht mehr, dem steten Druck zu entrinnen. Kein Wunder, dass der Wunsch, einfach einmal auf die Stopptaste zu drücken, groß wird. Doch von hundert auf null – das gelingt kaum, was am Stresshormon Kortisol liegt. Es macht unruhig, aggressiv und lässt sich nicht einfach wegmeditieren. Experten empfehlen daher, nicht auf der heimischen Coach, sondern lieber im Wald bei einer Joggingrunde oder einem Spaziergang zu entspannen. Laut einer Studie der Universität Essex in Colchester wirken sich bereits fünf Minuten in freier Natur nachweislich positiv auf die Psyche aus.

Kalorien verbrennen langsamer

Einige Gestresste mögen bei hektischem Alltag sogar das Essen vergessen – es sind aber die allerwenigsten. Die anderen dürfen hingegen schnell den Gürtel weiter schnallen: Verursacher des unerwünschten Effekts ist das Stresshormon Kortisol, das den Stoffwechsel verändert und zur vermehrten Fetteinlagerung führt – vor allem im Bauch- und Taillenbereich. Studien der Ohio State University von 2014 belegen, dass unter hoher Belastung weniger Kalorien verbrannt werden und der Insulinpegel ansteigt. Zudem wird das Verlangen nach kohlenhydrat- und fettreichen Speisen höher.

Typisch männlich, typisch weiblich

Zunehmend fühlen sich Frauen wie Männer den Belastungen in der Arbeitswelt nicht mehr gewachsen. Was die Geschlechter allerdings voneinander unterscheidet, ist die Art und Weise, auf die Belastung zu reagieren. Sorgt bei männlichen Managern ein hoher Stressfaktor eher für Herz-Kreislauf-Probleme, macht er Frauen anfällig für psychische Erkrankungen. Eine Studie der Techniker Krankenkasse belegt, dass Frauen im Beruf erheblich mehr unter Druck geraten, weil sie höhere Ansprüche an sich selbst stellen als ihre männlichen Artgenossen. Sie fühlen sich zudem unter wesentlich höherem „Performance-Druck“. In einer Untersuchung der Psychologen Marilyn Davidson und Cary Cooper räumten weibliche Führungskräfte ein, häufiger das Gefühl zu haben, besser als ihre männlichen Kollegen sein zu müssen. Hinzu kommt bei den meisten Frauen eine hohe Zusatzbelastung durch Haushalt und Kinderbetreuung. Ganz so gleichberechtigt werden diese Arbeiten nämlich nach wie vor nicht aufgeteilt. Typisch männliche Stressfolgen sind neben Herzinfarkt und Schlaganfall auch Übergewicht, hoher Blutdruck sowie erhöhte Cholesterinwerte. Die Risiken dafür steigen vor allem bei Managern, die wöchentlich mehr als 60 Stunden arbeiten.

Zu wenig Schlaf, zu viel Alkohol

Die Gesellschaft wird schnelllebiger, die permanente Erreichbarkeit ist für viele selbstverständlich, selbst die Nachtruhe bringt längst nicht mehr die ersehnte Auszeit. Eine aktuelle Studie der Max-Grundig-Klinik in Bühl belegt, dass 27 Prozent aller Manager bis kurz vor dem Schlafen online sind, mehr als die Hälfte ein bis zwei Stunden vor der Nachtruhe. Auch das ist ein Grund dafür, dass mehr als jede zweite Führungskraft über Schlafprobleme klagt, der dauerhafte Stresspegel weiter ansteigt. „Es ist offensichtlich, dass der moderne Arbeitsstil, rund um die Uhr online zu sein, vielen Führungskräften die innere Ruhe raubt“, sagt Internist Curt Diehm. Beeinträchtigt wird der Schlaf in vielen Fällen allerdings auch vom Alkohol. Vier von zehn Chefs trinken abends in der Regel mehr als ein Glas Wein oder Bier.

Frust und mangelnde Anerkennung

Häufig entsteht Stress zwar im Arbeitsumfeld, aber nicht durch die schlichte Belastung. Wissenschaftler der Universität Helsinki gelang der Nachweis, dass die eigentlichen Auslöser des Alarmzustands negative Beziehungen und Emotionen sind. So setzt zum Beispiel eine dauerhafte Frustrationsspirale in Gang, wer sich ständig mit anderen vergleicht, beschreibt Michael Cohn von der Universität Michigan. Wer außerdem viel leistet, ohne dafür angemessen belohnt zu werden, hat ein doppelt so hohes Risiko, an Depression oder Herzinfarkt zu erkranken. Verursacher für Stress sind zudem mangelnde Anerkennung, zu wenig Kontrolle über das eigene Handeln und zu geringe Aufstiegschancen. Simone Wermelskirchen

Denn am wichtigsten Standort der IT- und High-Tech-Industrie der Welt gehört die Achtsamkeitslehre mittlerweile zum guten Ton: Apple, Google und SAP bieten nicht nur Führungskräften, sondern auch Mitarbeitern zahlreiche Programme an, damit sie sich in stressigen Situationen besser wahrnehmen, kontrollieren und Entscheidungen treffen können.

Und auch in Deutschland ist die Achtsamkeitslehre mittlerweile angekommen: Google stellt seinen Mitarbeitern in Hamburg „Power-Napping-Rooms“ zur Verfügung, in denen sie zum Beispiel ein Mittagsschläfchen halten können. Der Chemiekonzern BASF hat ein Führungskräfte-Entwicklungsprogramm konzipiert.

Und auch die Drogeriekette dm bietet Workshops an, bei denen Mitarbeiter lernen, achtsam zu kommunizieren, Konflikte als Chance zu nutzen oder im Team zu arbeiten. „Wir beobachten, dass sich durch das Angebot eine positive Grundhaltung einstellt, die Sicherheit gibt und Raum für Kreativität eröffnet“, sagt Christian Harms, der als dm-Geschäftsführer verantwortlich für das Ressort Mitarbeiter ist.

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