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29.08.2013

16:14 Uhr

Management

Wie viele Milliarden darf ein Chef verbrennen?

VonMartin Dowideit, Christof Kerkmann

Ob Siemens, Microsoft oder JP Morgan: Wenn eine Firma die Ziele verpasst oder Milliarden verliert, wird es für den Chef eng. Aber wann muss er den Posten räumen – und wann haben die Aufseher noch Geduld mit ihm?

Ruhige Hand trotz hohem Verlust: Mancher Vorstandschef kann sich das erlauben.

Ruhige Hand trotz hohem Verlust: Mancher Vorstandschef kann sich das erlauben.

DüsseldorfDie ersten sechs Milliarden Dollar Verlust konnten Jamie Dimon nichts anhaben. Selbst als ein Händler – „Londoner Wal“ genannt – einen horrenden Verlust fabrizierte, verhinderte der Chef der US-Großbank JP Morgan eine Aktionärsrevolte. Auf der Hauptversammlung im Mai scheiterte der Versuch, ihm zumindest den Vorsitz des Verwaltungsrat zu entziehen. Dimon behält die Doppelrolle.

Doch jetzt steht dem 57-Jährigen das nächste Debakel ins Haus. Beim Weiterverkauf von Immobilienpapieren an die staatlichen Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac soll JP Morgan die wahren Risiken des Investments verschwiegen haben. Eine Ausgleichszahlung in Milliardenhöhe steht im Raum, berichtet etwa die „Financial Times“. Jeffrey Sachs, ein prominenter New Yorker Ökonom, fordert offen Dimons Sturz. Ob Dimon wirklich wackelt, ist unklar. Doch der Fall wirft eine Frage auf: Wie viele Milliarden darf ein Firmenlenker verbrennen, bevor er seinen Hut nehmen muss? Wie oft darf er Aktionäre und Aufsichtsräte enttäuschen?

Unfreiwillige Abgänge sind an der Tagesordnung. In Deutschland traf es zuletzt etwa Siemens-Chef Peter Löscher, in den USA geht Microsoft-Chef Steve Ballmer zwar offiziell aus freien Stücken, aber offenbar übte der Aufsichtsrat hinter den Kulissen Druck aus. Etwa jeder fünfte Wechsel an der Vorstandsspitze der 2500 größten Aktiengesellschaften der Welt erfolgt unfreiwillig, so eine Studie der Beratungsfirma Booz & Company.

Wem Milliardenverluste nicht verziehen wurden

Alcatel-Lucent

Beim französischen Telekom-Ausrüster warf Vorstandschef Ben Verwaayen im Februar 2013 das Handtuch: Er hatte einen Verlust von 1,4 Milliarden Euro zu vermelden und in vier Jahren keinen Weg für den Turnaround des Konzerns gefunden.

BMW

Für den bayerischen Autohersteller kaufte Vorstandschef Bernd Pischetsrieder im Jahr 1994 die britische Marke Rover. Die Sanierungskosten für die neue Tochter schnellten schnell in die Milliarden. Bis auf die Marke Mini wurde die Tochter später mit großem Verlust verkauft. Pischetsrieder wurde das zum Verhängnis.

Daimler

Jürgen Schrempp hatte Daimler-Benz zum Weltkonzern formen wollen und unter anderem die US-Marke Chrysler übernommen. Doch die Fusion kam nicht richtig in die Gänge, der Aktienkurs litt und kostete die Aktionäre Milliarden. Sein Rückzug von der Konzernspitze verhalf dem Kurs zu einem Freudensprung.

Rio Tinto

Im Januar 2013 zog sich Tom Albanese, Chef des Bergbaugiganten Rio Tinto zurück. Der Kauf der Aluminiumfirma Alcon fast sechs Jahre zuvor hing ihm nach. Allein neun Milliarden Dollar musste Rio Tinto auf die Beteiligung abschreiben. Auch ein anderer Deal kostete Milliarden.

Thyssen-Krupp

Von 1999 bis 2011 war Ekkehard Schulz Chef von Thyssen-Krupp. Danach wechselte er in den Aufsichtsrat des Stahlkonzerns. Doch Milliardenabschreibungen auf neue Werke in den USA und Brasilien kosteten ihn Ende 2011 den Posten.

Auffällig ist, dass die Aufsichtsgremium sehr unterschiedliche Maßstäbe anlegen. JP-Morgan-Boss Dimon überstand zumindest den ersten Milliardenverlust unbeschadet. Dagegen musste sich Siemens-Chef Löscher von der Spitze eines profitablen Konzerns verabschieden. Er verpasste jedoch einige zu optimistische Prognosen. Nach einer Gewinnwarnung folgte die Ablösung.

Ein Minus gefährdet nicht gleich den Job des Chefs – wichtig ist der Ausblick. So investiert Amazon-Guru Jeff Bezos kräftig in neue Geschäftsfelder und nimmt dafür Verluste in Kauf. Der Gründer des Online-Händlers versteht jedoch, den Anlegern diese riskante Strategie zu erklären, etwa mit seinen jährlichen Briefen an die Investoren. Die Börsianer vertrauen ihm: Der Aktienkurs ist derzeit nicht weit vom Allzeithoch entfernt.

Bei Steve Ballmer ist das anders. Der bullige Manager verwies in seiner Abschiedsmail zwar darauf, dass Microsoft während seiner Zeit an der Spitze mehr Dividenden an Aktionäre ausgeschüttet habe als jede andere Firma. Allerdings erkannte der Windows-Konzern auch zu spät den Trend zu mobilen Geräten, der dem angestammten PC-Geschäft inzwischen massiv schadet. Die Aussichten: zumindest ungewiss.

Kommentare (14)

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Nachwuchs

29.08.2013, 17:06 Uhr

Die Manager dürfen unbegrenzt Werte vernichten. Die Unterstützung ist ihnen immer sicher seitens des Betriebsrates und der Politiker. Bestes Beispiel: Frau Merkel zahlt für Banken/Banker alles, da Sie genug Geld von den Steuerzahler nimmt. In einigen Ländrn bezeichnet man dies " Staatsfeind Nr. 1", da Sie den Bürger nur noch schadet!

Account gelöscht!

29.08.2013, 17:10 Uhr

Jeder kann schief liegen, auch im Topmanagement. Das hat nicht nur was mit der Manager-Qualität zu tun, sondern teilweise auch mit Glück, nicht beeinflußbaren Umständen etc.

Wenn man aber einem Vertriebsmann wie Ballmer über 10 Jahre ein Technologiekonzern anvertraut, ist das nicht mehr nachvollziehbar. Jedem war klar, daß hier kein Vertriebsheini vonnöten war sondern ein IT-Stratege der allerersten Güte. Bin gespannt, ob die das jetzt gespannt haben.

Auch das Opel eine in Fachkreisen wenig anerkannte Person an die Spitze setzt, die woanders mehrfach aussortiert wurde, ist kaum verständlich.

Besser konnte es nur noch Siemens. Jemand aus der dritten Reihe in die allererste zu befördern - sagen die Grundregeln des Personalmanagements - geht immer schief. Es sei denn, er kommt aus dem eigenen Laden.

Gast

29.08.2013, 17:23 Uhr

Wie viel Geld diese Leute auch immer in den Kamin werfen...Mit welcher berechtigung bekommen die beim gehen auch nur noch einen cent? Geschweige denn Abfindungen in millionen höhe?
Das ist schlicht und ergreifend Krank.

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