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10.12.2011

11:49 Uhr

Manager

Die nächste Welle der Globalisierung

VonOlaf Storbeck, Dirk Heilmann

Paradigmenwechsel: Die Jagd nach dem billigsten Produktionsstandort geht derzeit zu Ende. Unternehmen von morgen bauen reißfeste Lieferketten und suchen Talente auf der ganzen Welt.

Schatten eines Geschäftsmannes. dpa

Schatten eines Geschäftsmannes.

Der Mann, der den Begriff der Globalisierung in die Umgangssprache einführte, hat in vielen Dingen Recht behalten. "Die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Welt sind unwiderruflich homogenisiert worden", schrieb der deutschstämmige Professor Theodore Levitt 1983 in einem epochemachenden Aufsatz in der Zeitschrift "Harvard Business Review". Darin sagte er "den Aufstieg globaler Märkte für standardisierte Konsumprodukte in einem bisher unvorstellbaren Ausmaß" voraus. Die dadurch mögliche Massenproduktion werde die Preise drücken und globale Konzerne entstehen lassen.

Was Levitt damals noch nicht einmal ahnen konnte, waren spätere Großereignisse wie das Ende des Ostblocks oder die Öffnung der Milliardenmärkte China und Indien. Diese ergänzten die Globalisierung der Produktwelt um die Globalisierung der Arbeitswelt, die noch viel größere Kostensenkungen ermöglichte als Levitt erwartet hatte. Ein aktuelles Symbol für beide Facetten der Globalisierung ist das iPhone: Zum einen stellt es das universell begehrte Konsumprodukt der vergangenen Jahre dar, zum anderen das Vorbild für die optimale Ausnutzung weltumspannender Wertschöpfungsketten. Erdacht und gestaltet von Apple-Ingenieuren im kalifornischen Cupertino, zusammengebaut in den Fabriken des Auftragsfertigers Foxconn in der chinesischen Provinz Shenzhen mit Teilen aus aller Welt, hat es seinen Siegeszug um die Welt angetreten und Apple enorme Gewinne verschafft.

Wie die Globalisierung die Schwellenländer erfasst

Mexiko: Eine Exportplattform für Amerika und die Welt

Die Mexikaner pflegen eine Hassliebe zu den USA. Sie bewundern und verachten den großen Nachbarn, aber sie können nun mal nicht ohne ihn. Das gilt vor allem für die Wirtschaftsbeziehungen beider Staaten, die seit 1994 in der Nordamerikanischen Freihandelszone, Nafta, eng miteinander verbunden sind. Heute gehen 80 Prozent der mexikanischen Exporte in die USA. Ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts von gut einer Billion Dollar hängt an diesen Ausfuhren.

US-Unternehmen profitieren von niedrigen Löhne im Nachbarland

Tausende US-amerikanische Unternehmen haben sich entlang der mexikanischen Grenze niedergelassen, um dort zu niedrigen Löhnen Jeans zu nähen, Fernseher zu produzieren und am Fließband Autos zu bauen. Auch rund 1.000 deutsche Firmen, vom Mittelständler bis zum multinationalen Großkonzern, nutzen Mexiko vor allem als Plattform für den Export in den Nafta-Raum.

Autobranche in Mexiko wird zum Treiber der Globalisierung

Die Nähe zum größten Markt der Welt hat Mexiko zu einer der längsten Werkbänke der Erde gemacht. Exemplarisch ist das am Automobilsektor zu sehen: Nach Japan, Deutschland, Südkorea und Spanien ist Mexiko der fünftgrößte Auto-Exporteur. Der dynamischste Wirtschaftssektor des Landes generierte im Vorjahr 26 Milliarden Dollar an Devisen, mehr als der Erdölexport mit 22 Milliarden Dollar. Und der Autoboom geht weiter: 2015 wollen die Konzerne bereits drei Millionen Fahrzeuge in Mexiko produzieren, 30 Prozent mehr als im vergangenen Jahr.

Thailand: Im Herzender neuen Wachstumsmärkte

Thailand hat sich in Südostasien eine führende Position als kostengünstiger und effizienter Industriestandort geschaffen. Die Kombination aus exzellenter Infrastruktur, positiver Arbeitsmoral und einer Offenheit gegenüber Fremdinvestitionen hat Tausende ausländische Firmen angelockt. Das Interesse, im Königreich Thailand zu produzieren, trug dazu bei, dass das Bruttoinlandsprodukt 2010 mit einem Plus von 7,8 Prozent die höchste Wachstumsrate seit 15 Jahren auswies.

Freihandelszone in Südostasien stärkt Thailands Export

Die Entwicklung wird sich in den kommenden Jahren verstärken. Die vom Verband Südostasiatischer Nationen (Asean) für 2015 geplante Freihandelszone schafft in Asien einen Wirtschaftsblock von 600 Millionen Menschen. Der Handel zwischen den Asean-Ländern werde sich deutlich einfacher gestalten als bisher, sagt Rolf-Dieter Daniel, Präsident der deutsch-thailändischen Handelskammer. Und Thailand liegt geografisch günstig für eine Expansion in diese Region. Beobachter erwarten deshalb eine Welle neuer Standortansiedlungen – insbesondere in Bangkok, dem Herzen einer der dynamischsten und am schnellsten wachsenden Regionen der Welt.

BRIC-Staaten: Herdentrieb in vier riesige Zukunftsmärkte

Weil für westliche Industrienationen und ihre global aufgestellten Unternehmen nichts verlockender ist als Wachstum, gilt allenthalben die Devise: Nichts wie hin in die BRIC-Staaten. Der Herdentrieb beschleunigt eine rasante Entwicklung, die sich in einem aktuellen Ranking manifestiert: Neben den USA als noch immer größte Volkswirtschaft der Welt stellen China, Indien, Russland und Brasilien erstmals die „Top 5“-Länder mit den weltweit höchsten Auslandsinvestitionen.

Bis 2015 ziehen die BRIC-Staaten an Europa vorbei

Unter Ökonomen gilt als sicher, dass die BRIC-Staaten bis 2015 die Nationen der Euro-Zone überholt haben und dann fast 30 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung erbringen werden. Sie dürften dann ein Gewicht in der Weltwirtschaft haben, das dem der G7-Industrienationen kaum mehr nachsteht. Allein China hat seine Wirtschaftsleistung in den vergangenen drei Jahren von 4,5 Billionen auf fast sieben Billionen Dollar gesteigert. Angesichts dieser Entwicklung werfen deutsche Unternehmer und Manager alle Sorgen vor Rechtsunsicherheit, Ideenklau und kulturellen Differenzen in dem Land über Bord: Die Handelsbilanz zwischen den beiden Exportmächten China und Deutschland stieg im Vorjahr auf 130 Milliarden Euro.

China boomt trotz steigender Löhne und starker Währung

Zwar sind die Zeiten Chinas als attraktivster Niedriglohn- und Produktionsstandort der Welt bald vorbei, weil die Währung Renminbi aufwertet und die Lohnkosten im Zuge des Booms rasant steigen. Dennoch expandieren immer mehr Firmen in den chinesischen Markt. Sie sehen das Land mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern nicht mehr als Billiglohn-Standort, sondern als gigantischen Absatzmarkt der Zukunft. Ausländischen Investoren werde in China „eine attraktive Kombination aus Marktwachstum, verbesserter Ausbildung und wettbewerbsfähigen Kostenstrukturen geboten“, heißt es in der IBM-Studie „Global Location Trends“.

Autobranche zieht es nach Brasilien, Russland, Indien und China

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Standortpläne in den BRIC-Staaten bekanntgegeben werden. Gestern etwa machten Audi und der Nürnberger Autozulieferer Leoni Expansionspläne Richtung Fernost öffentlich. Während die VW-Tochter Audi eine zweite Autofabrik im Süden Chinas aufbauen wird, kündigte Leoni an, bis 2016 alleine in China und Korea rund 850 Millionen Euro Umsatz erzielen zu wollen. Der Fernost-Boom befeuert wiederum den Aufstieg Brasiliens: Das flächenmäßig fünftgrößte Land der Erde hat fast alles zu bieten, was China dringend braucht – Öl und Gas, Erze und Metalle, Agrarprodukte und Wasser. Auf diese Weise ergänzen sich die Wachstumsmärkte der Zukunft gegenseitig – und der Westen tut alles, um beim Spiel der Zukunft vor Ort mitzumischen.

Rumänien: Mehr als nur eine Werkbank für Westeuropa

Das jüngste Mitglied der EU besticht durch günstige Arbeitskosten, aber es ist nach Ansicht der Deutsch-Rumänischen Industrie- und Handelskammer in Bukarest (AHK) kein „Billig-Standort“ mehr: Rumänien sei vielmehr auf dem Sprung von der „verlängerten Werkbank“ Westeuropas zu einem "modernen Produktionsstandort". Rumänien verfügt inzwischen wieder über eine breite industrielle Struktur mit dem inzwischen zu Renault gehörenden Autobauer Dacia als Aushängeschild. Aber gleichfalls andere Autokonzerne wie der US-Riese Ford und der deutsche Zulieferer Bosch expandieren hier.

Firmen bauen Forschungsabteilungen in Rumänien aus

Dabei setzen sie immer mehr auch auf Forschung und Entwicklung im Karpaten-Staat, bauen ihre R&D-Abteilungen hier aus. Zudem bietet die Heimat von Graf Dracula große Möglichkeiten im Agrarsektor und zählt laut der Unternehmensberatung Ernst & Young zu den besten Standorten für erneuerbare Energien weltweit. Das Fördersystem mit sogenannten grünen Zertifikaten zählt zu den besten auf dem Globus.

Exportkraft von Rumänien wächst trotz sinkender Direktinvestitionen

Zwar leidet das Donau-Land noch immer unter den Folgen der weltweiten Wirtschaftskrise 2009: Ausländische Direktinvestitionen sind in den ersten neun Monaten dieses Jahres deutlich auf 1,17 Milliarden Euro gesunken. Immerhin stiegen aber im gleichen Zeitraum die Exporte um 24,2 Prozent auf 33,5 Milliarden Euro.

Experten fordern von Rumänien bessere Standortpolitik

Nach Ansicht der AHK tue die Regierung noch nicht genug, um den Investitionsstandort Rumänien attraktiv zu halten. Dabei gebe es genügend gute Seiten. Aber nur darauf zu bauen, dass man hier preiswerter produzieren könne als in Westeuropa, sei zu wenig. Rumänien brauche modernere Instrumente der Wirtschaftsförderung.

Wie perfekt die Maschinerie läuft, zeigen die Ökonomen Yuqing Xing und Neal Detert in einer faszinierenden Fallstudie. Von den Speicherbausteinen über den Touchscreen bis hin zur Kamera werden sämtliche Einzelteile des iPhones in anderen Ländern produziert und nach China zur Endmontage verschifft. Wichtigster Zulieferer ist Toshiba, der japanische Konzern liefert Teile im Wert von 60 Dollar. Infineon steuert Komponenten für 29 Dollar bei, Samsung aus Korea für 23 Dollar und US-Firmen nur Teile für elf Dollar. Bei Foxconn wird all das nur noch zusammengesetzt. Die chinesische Wertschöpfung beläuft sich gerade einmal auf 3,6 Prozent der gesamten Herstellungskosten: 6,50 von 179 Dollar.
Bei einem Kaufpreis von 499 Dollar bleiben hingegen 320 Dollar bei Apple hängen - was einer rekordverdächtigen Gewinnmarge von 64 Prozent entspricht. Die Berechnung zeigt eindrucksvoll, welche Profite ein Konzern einstreichen kann, der die Spielregeln der globalen Wirtschaft perfekt beherrscht.

Es ist eine Welt, in der die Etiketten wie "Made in Germany" nicht mehr viel aussagen - der Wertschöpfungsanteil des Herkunftslandes wird immer kleiner. Es ist vielmehr die Leistung der Ingenieure und Designer, die heute einem globalen Produkt seine Einzigartigkeit gibt. Da sich die Konzerne aus dem globalen Talentpool bedienen, um die besten Techniker und kreativsten Köpfe zu finden, sind auch die Schöpfer der Güter längst multinationale Teams. Dass das iPhone ein amerikanisches Smartphone ist oder der BMW ein deutsches Auto, spielt sich heute vor allem im Kopf des Kunden ab. In Wahrheit regiert Levitts standardisiertes Weltprodukt - wo nötig angepasst an lokale Konsumgewohnheiten. In den vergangenen zwei Jahrzehnten war die Weltwirtschaft davon geprägt, dass sich ein Land nach dem anderen öffnete und sich den Unternehmen so eine immer größere Auswahl an Standorten für Fabriken und Call-Center bot. Die Firmen schickten ihre Einkäufer um die Welt, um die Lieferketten zu optimieren.
Dieser Prozess stößt aber allmählich an seine Grenzen. Selbst in China, mit seinem doch scheinbar unerschöpflichen Reservoir an billigen Arbeitskräften, steigen sprunghaft die Löhne. Und das ist durchaus im Sinne der Regierung: China will nicht die verlängerte Werkbank der alten Industriestaaten bleiben, sondern selbst Hochtechnologie anbieten.

Kommentare (1)

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inkuku

14.12.2011, 11:31 Uhr

Globale Mananger sind in einem solch konservativen Land wie Deutschland doch noch gar nicht gewünscht! Wenn unsere Unternehmen und Unternehmer sich nicht schnell der globalisierten Geschäftswelt anschließen, werden wir bald nicht nur von Chinesen finanziert, sondern auch gemanaged.
Beispiel: eine junge Frau, 30 Jahre alt, gerade MBA abgeschlossen, hat 4,5 Jahre in China gearbeitet, hat dort ein Team gemanaged, supply-chain Erfahrung, spricht fließend Englisch, sehr gut Chinesisch. Und... sie findet keine Arbeit in Deutschland. Warum? Die Aussage von den meisten ist: sie ist zu jung. Wenn deutsche Unternehmen weiterhin nur noch 50-jährige Männer als Manager sehen, dann sehe ich schwarz für das Konzept des Globalen Managers in Deutschland.
PS: meine Bekannte wird übrigens wieder ins Ausland gehen. So viel zu Fachkräftemangel in Deutschland. Alles eine Farce!

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