Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.08.2013

19:51 Uhr

Manager-Selbstmord

Abschiedsbrief soll Ackermann beschuldigen

VonHolger Alich, Ozan Demircan

ExklusivDer verstorbene Zurich-Finanzchef Pierre Wauthier hat zwei Abschiedsbriefe hinterlassen, wie jetzt bekannt wurde. In einem benennt er explizit Josef Ackermann und beklagt sich über die Gesprächskultur.

Josef Ackermann, der vom Posten des Verwaltungsratspräsidenten der Zurich Insurance Group nach dem Tod des Finanzchefs Pierre Wauthier zurücktrat, wird von jenem in einem Brief belastet, der nun bekannt wurde. ap

Josef Ackermann, der vom Posten des Verwaltungsratspräsidenten der Zurich Insurance Group nach dem Tod des Finanzchefs Pierre Wauthier zurücktrat, wird von jenem in einem Brief belastet, der nun bekannt wurde.

ZugUm die Umstände des Rücktritts von Josef Ackermann als Verwaltungsratspräsident der Zurich Insurance Group sind am Wochenende neue Details ans Tageslicht gekommen. Wie mehrere mit den Vorgängen vertraute Personen dem Handelsblatt bestätigten, hat der verstorbene Finanzchef des Unternehmens, Pierre Wauthier, zwei Abschiedsbriefe hinterlassen. „Einer war an die Familie gerichtet, ein zweiter aber an die Zurich Gruppe“, so ein Insider. Im Brief an den Konzern sei Ackermann als einziger Manager namentlich genannt.

Ein Sprecher der Zurich wollte auf Anfrage keine weiteren Angaben machen, dementierte die Informationen aber nicht. Die Witwe wollte keinen Kommentar abgeben. „Ich werde dazu nichts sagen“, erklärte sie am Samstag.

Das Leben von Josef Ackermann

Herkunft

Josef ("Joe") Meinrad Ackermann wurde am 7. Febr. 1948 in Walenstadt (Kanton St. Gallen) als Sohn eines Landarztes geboren. Er wuchs mit zwei Brüdern, Karl und Daniel, im nahen Mels im Sarganserland auf.

(Quelle: Munziger.de)

Ausbildung

Von 1967 bis 1973 studierte Ackermann Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (Fachrichtung Bankwirtschaft) an der Schweizer Elitehochschule St. Gallen. Anschließend war er dort als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Nationalökonomie tätig. 1977 promovierte er zum Dr. oec. Er ist Oberst der Schweizer Armee.

Start ins Berufsleben

Seine Berufskarriere begann Ackermann 1977 bei der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA), bei der er eine steile und geradlinige Karriere durchlief. Wichtige Stationen seiner Laufbahn waren leitende Funktionen im Corporate Banking in New York, im Bereich Devisenhandel und Treasury in Lausanne und im Investment Banking bei der CS First Boston in London. Zuletzt leitete er den Bereich Multinational Services Schweiz in Zürich.

Berufliche Lebensplanung

Bereits 1990, als 42-Jähriger, rückte er in die Generaldirektion der Schweizerischen Kreditanstalt auf, 1993 wurde er deren Präsident. Als Präsident der SKA, der wichtigsten Tochtergesellschaft der mächtigen Schweizer Bank Credit Suisse (CS), war Ackermann nach CS-Chef Rainer E. Gut die unumstrittene Nummer zwei des Bankkonzerns. U. a. besorgte er die Integration der Schweizerischen Volksbank in die Credit Suisse Group. Dessen ungeachtet verließ A. im Juli 1996 etwas abrupt den Konzern und machte dafür Gründe der beruflichen Lebensplanung geltend, während in der Wirtschaftspresse vermutet wurde, Ackermann habe den Wettbewerb um den Vorsitz der neu strukturierten Credit Suisse Group gegen seinen Konkurrenten Lukas Mühlemann verloren. Ackermann äußerte aber auch Kritik am radikalen Umbau der Bankengruppe CS Holding zur Credit Suisse Group.

Wechsel zur Deutschen Bank

Im Herbst 1996 übernahm Ackermann bei der Deutschen Bank als Vorstandsmitglied zunächst den Geschäftsbereich Kreditrisiken, dann die Bereiche Marktrisiken, Treasury und Volkswirtschaft und schließlich den zukunftsträchtigen Bereich "Globale Unternehmen und Institutionen" (d. h. Großkundengeschäft und Investment Banking), der im Geschäftsjahr 1999 mehr als 60 Prozent zum Konzerngewinn der Deutschen Bank beitrug.

Vorstandssprecher der Deutschen Bank

Als enger Vertrauter des Aufsichtsratsvorsitzenden Hilmar Kopper galt A., der den früheren Bankchef Alfred Herrhausen wiederholt als sein Vorbild nannte, zu diesem Zeitpunkt bereits als aussichtsreicher Anwärter auf die Nachfolge von Rolf-Ernst Breuer, der im Mai 1997 das Amt des Vorstandssprechers der Deutschen Bank übernommen hatte. Im Sept. 2000 wählte der Vorstand der Deutschen Bank Ackermann überraschend frühzeitig zu seinem künftigen Sprecher mit Wirkung ab Mai 2002. Begleitet von großem Medieninteresse löste Ackermann auf der Hauptversammlung am 22. Mai Breuer als Vorstandschef der Deutschen Bank ab.

Vertragsverlängerung

Am 1. Febr. 2006 verlängerte der Aufsichtsrat Ackermanns Vertrag - nun in der Funktion eines Vorstandsvorsitzenden statt Vorstandssprechers - bis zur Hauptversammlung 2010. Gestärkt ging Ackermann nach Beobachtermeinung auch aus einer Neuordnung von Vorstand und Aufsichtsrat im Mai 2006 hervor: Nach dem Rücktritt von Aufsichtsratschef Rolf-Ernst Breuer übernahm der bisherige Finanzvorstand Clemens Börsig dessen Nachfolge.

Globale Finanzkrise

Insgesamt schrieb Ackermanns Bank im Krisenjahr 2008 erstmals in ihrer Geschichte rote Zahlen und verbuchte einen Verlust in Höhe von 3,8 Mrd. Euro, wobei in erster Linie die Investmentbanking-Sparte die Bilanz mit einem Jahresverlust von 8,5 Mrd. Euro belastete. Ackermann selbst verlor mit einem um 90 Prozent zurückgegangenen Jahresverdienst von 1,4 Mio. Euro seinen Platz als Topverdiener unter den DAX-Vorstandschefs.

Vetragsverlängerung bis 2013

Obwohl er noch bei der Jahrespressekonferenz im Febr. 2009 seinen Abschied für 2010 angekündigt hatte, nahm Ackermann im April 2009 überraschend das Angebot des Aufsichtsrats zur Verlängerung seines Vertrags als Vorstandsvorsitzender um drei Jahre bis 2013 an und beendete damit Spekulationen über den Aufsichtsratschef Clemens Börsig als seinen potenziellen Nachfolger. Im März 2009 hatte das Kontrollgremium eine Verdoppelung des Vorstands auf acht Mitglieder beschlossen. Neu in die Führungsetage gerückt waren dadurch u. a. Koinvestmentbanking-Chef Anshu Jain und Deutschland-Chef Jürgen Fitschen.

Abschied von der Deutschen Bank

Nach einem in den Medien breit kommentierten Machtkampf zwischen Ackermann und Aufsichtsratschef Clemens Börsig um die Nachfolgefrage beschloss der Aufsichtsrat Ende Juli 2011 eine personelle Neuordnung des Vorstands ab Juni 2012, bei der aber nicht Ackermanns Wunschkandidat Ex-Bundesbankchef Axel Weber, der kurz zuvor bei der Schweizer Bank UBS zugesagt hatte, zum Zug kam. Als neue gleichberechtigte Kovorsitzende der Deutschen Bank wurden die beiden Vorstände Jürgen Fitschen und Anshu Jain ernannt, die von Ackermann allerdings - auch nach ihrer Ernennung - nicht ausdrücklich unterstützt wurden. Legendär wurde in diesem Zusammenhang seine Einschätzung: "Die richtige Persönlichkeit kann alles lernen. Persönlichkeit aber kann man nicht lernen", die als Werbung für Weber und Abqualifizierung der internen Kandidaten interpretiert wurde.

Ackermann verabschiedete sich bei der Hauptversammlung am 31. Mai 2012 von der Deutschen Bank. Neuer Vorsitzender des Aufsichtsrats wurde Paul Achleitner, bisher Finanzvorstand des Versicherungskonzerns Allianz.

Nach der Deutschen Bank

Nachdem Ackermann auf einen Verbleib bei der Deutschen Bank verzichtet hatte, wurde bald über seinen geplanten Wechsel an die Spitze des Verwaltungsrats des Schweizer Finanz- und Versicherungskonzerns Zurich Financial Services AG, in dem er bereits seit 2010 als Vizepräsident tätig war, berichtet. Bei der Generalversammlung des Konzerns Ende März 2012 wurde Ackermann dann mit 82 Prozess der Stimmen erneut in den Verwaltungsrat des in Zurich Insurance Group AG umbenannten Unternehmens und in das Kontrollgremium der Tochter Zürich Versicherungs-Gesellschaft AG gewählt und wurde anschließend zum Präsidenten beider Gremien bestimmt.

Ende August 2013 tritt er als Zurich-Präsident zurück, nachdem Finanzchef Pierre Wauthier Selbstmord begangen hatte. In Wauthiers Abschiedsbrief an den Versicherungskonzern wurde Ackermann als einziger Manager namentlich genannt, berichtete ein Insider.

Pierre Wauthier war am vergangenen Montag tot in seinem Haus in Walchwil im Schweizer Kanton Zug gefunden worden. Die Zuger Polizei geht von Selbstmord aus. Ackermann war daraufhin von seinem Amt als Chefaufseher des Unternehmens zurückgetreten.

Über den Inhalt des zweiten Briefs gibt es ebenfalls weitere Details: Darin ist Ex-Präsident Ackermann der einzige Zurich-Manager, der mit Namen genannt wird. Wauthier beklagt in dem Schreiben die Gesprächskultur. Er habe die Situation insgesamt als furchtbar empfunden, sagen Personen, die Kenntnis vom Inhalt des Schreibens haben.

Der Finanzchef hat seinen Abschiedsbrief an Zurich mit dem Computer in englischer Sprace verfasst. Er ist an niemanden bestimmtes adressiert, in der Anrede steht lediglich „to whom it may concern“ (dtsch.: „an alle, die es angeht“).

Handelsblatt in 99 Sekunden

Ackermann zu Größerem berufen

Handelsblatt in 99 Sekunden: Ackermann zu Größerem berufen

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

In dem Schreiben bezieht sich Wauthier auf zwei Aufeinandertreffen mit Ackermann, ohne aber die Details zu beschreiben. Um den Vorwurf geschönter Zahlen sei es nicht gegangen; vielmehr habe Wauthier bei der Vorstellung der Halbjahreszahlen im Verwaltungsrat die Einschätzung geäußert, dass die Anleger die Zahlen recht gut aufnehmen würden. Dem habe Ackermann widersprochen, was eine Diskussion zur Folge hatte, berichten hochrangige Zurich-Kreise.

Auf einer Telefonkonferenz am Freitag hatte Ackermanns Nachfolger Tom de Swaan bestätigt, dass es in dem Abschiedsbrief ausschließlich um das Verhältnis zwischen Ackermann und Wauthier gehe, ohne Details zu nennen.

De Swaan kündigte an, dass der Verwaltungsrat die Vorgänge nun untersuchen wolle. Bei dieser Untersuchung wird Ackermann seinem alten Arbeitgeber erneut Rede und Antwort stehen müssen, heißt es in Konzernkreisen.

Kommentare (40)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Ingo

31.08.2013, 20:22 Uhr

Ackermann ist nur Symbol für ein unmenschliches System, dass zum Burnout von Mitarbeitern führt. Was für ein Niedergang des zwischenmenschlichen Umgangs. Ich frage mich immer wieder warum Typen wie Ackermann so viel Macht eingeräumt wird?

Account gelöscht!

31.08.2013, 20:32 Uhr

Und so ein Typ sitzt im Kontrollgremium (Aufsichtsrat) von Siemens. Untragbar! Unvorstellbar, dass dieser Typ unsere Bundeskanzlerin beraten hat. Er gehört national und international geächtet. Es gäbe viele Worte, die auf sein Verhalten passten, aber es ist jedes zu viel.

VICTOR_KRUGER

31.08.2013, 20:34 Uhr

Unvergessen bleibt auch Ackermanns
Geburtstagssause mit der Kanzlerin!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×