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21.08.2014

18:42 Uhr

Manager vor Gericht

Die Fehler der Anderen

VonLukas Bay

Werden in einem Unternehmen Fehler gemacht, steht am Ende oft der Chef vor Gericht. Viele Führungskräfte helfen sich mit massiven Kontrollsystemen – und lähmen damit die Mitarbeiter und sich selbst.

Warum ich? Viele Topmanager müssen für ihre Organisation den Kopf hinhalten. Getty Images

Warum ich? Viele Topmanager müssen für ihre Organisation den Kopf hinhalten.

DüsseldorfEs ist mittlerweile schwierig zu sagen, in welchen Rechtsstreit die Deutsche Bank nicht verwickelt ist. Mittlerweile gleiche die Bank einer Rechtsabteilung mit angeschlossenem Finanzgeschäft, ätzten Aktionärsvertreter auf der vergangenen Hauptversammlung. Das ist natürlich scherzhaft gemeint, trifft aber einen wahren Kern. Denn weltweit ist die Bank derzeit in 1.000 juristische Verfahren mit einem Streitwert von jeweils mindestens 100.000 Euro verwickelt. Rechnet man kleinere Verfahren hinzu, kommt man auf eine Zahl von 6.000 Streitfällen. 350 Millionen Euro investierte das Institut im abgelaufenen Geschäftsjahr in die Rechtberatung - für Strafzahlungen hat man derzeit 2,1 Milliarden Euro zurückgestellt. Die Vorwürfe reichen von Manipulationen des Referenzzinssatzes Libor über Tricksereien an den Devisenmärkten bis hin zu Täuschungen bei Hypothekengeschäften.

Im Fokus der Ermittler steht dabei insbesondere die Führungsetage. Die Bankenaufsicht untersucht derzeit die Rolle der Topmanager bei den Zinsmanipulationen. Anfang August berichtete die „Süddeutsche Zeitung“, dass die Staatsanwaltschaft München wegen versuchten Prozessbetrugs Anklage gegen den derzeitigen Co-Chef Jürgen Fitschen erheben will. Auch seine Vorgänger Josef Ackermann, Rolf Breuer und Ex-Chefaufseher Clemens Börsig sollen beschuldigt werden. Es scheint, als komme derzeit kein Chef des Instituts ohne Anklage davon. Nicht nur bei der Deutschen Bank gerät immer häufiger die Führung ins Visier der Fahnder.

„Der Verantwortungsbereich der Vorstände ist so gewachsen, dass die Topmanager teilweise wie gelähmt sind, aus Angst sich sonst rechtlich angreifbar zu machen“, sagt Michael Hendricks. Der Rechtanwalt aus Düsseldorf hat sich mit seiner Firma Hendricks & Co. auf Managerhaftpflichtversicherungen spezialisiert, so genannte D&O-Versicherungen.

Welche Management-Fehler fatal für Firmen sein können

Fehler eins

Frühwarnsignale, z.B. für Markt- oder technologische Veränderungen, werden nicht wahrgenommen oder sogar aktiv verdrängt.

Fehler zwei

Regulatorische und politische Einflüsse auf die künftige Unternehmensentwicklung werden systematisch unterschätzt.

Fehler drei

Markt- und Kundenveränderungen werden im Vorstand nicht (hinreichend) analysiert und diskutiert.

Fehler vier

Geschäftsmodelle werden nicht kritisch reflektiert.

Fehler fünf

Man hält zu lange an traditionellen (und bislang erfolgreichen) Vorgehensweisen fest.

Fehler sechs

Es mangelt an Mut, gegen die herrschende Meinung zu argumentieren.

Fehler sieben

Bei spürbaren Veränderungen wird zu zögerlich gehandelt, man ergeht sich in Aktionismus und Effekthascherei "auf der Bühne" ohne konkrete Maßnahmen.

Fehler acht

Es fehlt eine klar und überzeugend kommunizierte Veränderungsvision und Strategie.

Quelle

Umfrage unter Partnern von Roland Berger Strategy Partners. Zitiert in „Gute Führung“ von Burkhard Schwenker und Mario Müller-Dofel. Erschienen 2012 bei BrunoMedia Verlag.

Seine Erfahrungen in der Praxis bestätigen, dass Topmanager immer wieder in Konflikt mit der Justiz kommen, wenn eine Firma in Schwierigkeiten gerät. Und das auch bei Fehltritten, die weit entfernt von der Vorstandsetage passieren. Beispielsweise sei ein Vorstand in der Pharmaindustrie juristisch dafür verantwortlich, dass Rückrufe fehlerhafter Medikamente zeitnah umgesetzt werden, auch wenn er mit der Entwicklung eigentlich selbst wenig zu tun hat.

Möglich wird durch das so genannte „Organisationsverschulden“, wie Juristen es nennen. Also Fehlentwicklungen bei denen ein Dritter zu Schaden kommen, weil die Organisation falsch aufgebaut war und so erst den Fehler ermöglichte. Etliche Urteile zeigen, dass die Beweislast in solchen Fällen umgekehrt wird. Das heißt: Nicht die Kläger müssen beweisen, dass eine Organisation falsch aufgestellt war, sondern die Unternehmen müssen beweisen, dass sie alles getan haben, um Fehler zu vermeiden.

Ein Unterfangen, das sich häufig schwierig gestaltet. Manchmal sogar so schwierig, dass Manager die Problemfälle gleich ganz meiden. Viele Führungskräfte fürchten sich mittlerweile, in kriselnden Unternehmen das Steuer zu übernehmen und damit am Ende selbst zur Zielscheibe enttäuschter Anleger oder eines Insolvenzverwalters zu werden. Beispiele gibt es zahlreiche: von einstigen New-Economy-Star Lion Bioscience bis zur Baumarktkette Praktiker. Wo (Groß-)Aktionäre toben, dauert die Suche nach einem neuen Chef lange.

Kommentare (5)

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Herr x y

21.08.2014, 08:31 Uhr

Ja, so ist es und das war schon längst vorauszusehen. Da hilft nur rechtzeitig auszusteigen. Wobei 'rechtzeitig' bereits etwa zwanzig Jahre zurückliegt.

Herr Wolfgang Trantow

21.08.2014, 09:10 Uhr

Manager heute: Einkommen in unvorstellbarer Höhe (Hr. Ackermann = 20 Mill. Euro), Boni auch bei Versagen, keine Verantwortung tragen, kein Ersatz für eigene Fehler, Verbot von Qualität.

Herr Eugen Kloster

21.08.2014, 09:24 Uhr

Kann nur bestätigen, das die im Artikel aufgelisteten Fehlerpunkte zustande kommen !!

Wenn ich mir heutige "Führungskräfte" anschaue, dann wird es mir übel !! Absolut Inkompetenz, das Handeln nach alten, starren Paradigmen, Unwille sich zu verändern.

Einerseits und andererseits, die gante Situation zeigt uns wie absolut unbeweglich und unübersichtlich Konzerne sind.

Kurz: alle Fehler im Artikel sind Volltreffer !!

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