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23.01.2007

07:00 Uhr

Maria Elisabeth Gräfin Thun-Fugger

Goldfingers Erbin

VonChristoph Hardt

Maria Elisabeth Gräfin Thun-Fugger ist Nachkomme des einst reichsten Mannes seiner Zeit. Sie sorgt mit der ältesten Sozialstiftung der Welt dafür, dass Arme ein Dach über dem Kopf haben.

AUGSBURG. Albrecht Dürer malt den Mann ohne Knollennase. So manches Detail seiner atemberaubenden Karriere hat Jakob Fugger retuschieren lassen, so manche Legende gestrickt. Trotzdem, er ist ein Tycoon, ein Globalisierer, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte: geboren 1459 in Augsburg, jüngster Sohn eines erfolgreichen Kaufmanns, fürs Kloster bestimmt, dann, mit nur 19 Jahren, aufgebrochen in die Welt, nach Rom und dann Venedig, das New York seiner Zeit.

Binnen weniger Jahre sammelt er Bergwerke und Industriebetriebe ein, der reichste Mann seiner Zeit, genannt der Reiche. Ein Goldfinger, der sich gar Kaiser leistet. Mit 544 000 Goldgulden besticht er die deutschen Kurfürsten, damit sie Karl Habsburg im Jahr 1519 zum künftigen Kaiser wählen. Das ist der Gipfel. Zwei Generationen später schon ist der Schwung dahin, die Familie verabschiedet sich mit Adelstitel auf ihre schwäbischen Schlösser und aus der Geschichte. Beinahe.

„Das ist unser größter Schuldner“, sagt Maria Elisabeth Gräfin Thun-Fugger und lächelt mit einem Hauch von Selbstironie das kleine Bild Kaiser Karls V. an, das im Seniorat der Fuggerei zu Augsburg an der weiß getünchten Wand hängt. Verzinste man die Schulden, die die Habsburger aus jener Zeit bei den Fuggern haben stehen lassen, so kämen heute locker 200 Milliarden Euro zusammen.

Die Gräfin indes rechnet in kleineren Dimensionen. Sie residiert im ältesten Fuggerschen Besitz, dem 500 Jahre alten Schloss Oberkirchberg, besitzt selbst 2 000 Hektar Wald, eine Reihe von Immobilien und eine Landwirtschaft in Amerika. „Man übernimmt den Geist der Tradition automatisch, ohne dass es einem bewusst wird “, sagt sie.

Äußerlich pflegt sie unauffällige, klassische Eleganz, einen geradezu bürgerlichen Habitus. Dabei zählt sie zu den Frauenfiguren, die, zumeist im Hintergrund wirkend, auch viele gutbürgerliche Unternehmerfamilien über die Jahre zusammengehalten haben.

Mit nur 21 Jahren musste die Gräfin das Erbe ihres verstorbenen Vaters antreten, Stiftungen inklusive. Wenige haben damals von dem „Mädchen“ erwartet, dass sie sich so wacker schlägt. Beständig und mit schwäbischer Sparsamkeit hat sie ihr Vermögen verwaltet und vorsichtig gemehrt. Anders wäre es wohl gar nicht möglich, dass die Familie des Renaissance-Tycoons nun schon in 18. Generation lebendig ist. Und wohl auch deshalb führt die 58-Jährige das, was außer Geschichten und Porträts von Jakob Fugger wirklich übrig blieb: seine wegweisenden Stiftungen. Die Mutter zweier Töchter leitet das Fuggersche Familienseniorat, das die Stiftungen überwacht.

Nicht jedes deutsche Kind kennt die Fuggerei, aber berühmt ist sie schon, und das seit 500 Jahren. Am 6. Juni 1514 schreibt Jakob Fugger an den Rat der Stadt Augsburg, er sei „des Willens und Fürnehmens, zur Förderung ewiger Freude“ eine Stiftung zu machen, „damit doch etlich armdürftigen Bürgern und Inwohnern zu Augsburg und anderen, so sie öffentlich das Almosen nicht suchen, ohn sonder merklich beschwert der Hauszins zum Teil ergötzt werde“.

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