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15.04.2013

06:22 Uhr

Medizin-Apps

Zu Risiken und Krankheiten fragen Sie Dr. Google

Dass Patienten ihre Krankheit googeln, ist ein alter Hut. Informierte Patienten finden die meisten Ärzte sogar gut. Jetzt aber drängen Diagnose-Apps für Smartphones auf den Markt. Aber viele sind Schrott, sagen Experten.

Vom Bett aus die Symptome eintippen und schon kommt die Diagnose: Grippe. dpa

Vom Bett aus die Symptome eintippen und schon kommt die Diagnose: Grippe.

Frankfurt/Berlin/HannoverKlingt ja erstmal praktisch: Ein Tütchen aufs Handy stecken und pusten, ob man nach dem Zechen noch fahren kann. Ein Foto vom Urinteststreifen schießen und das Display verrät, ob es tatsächlich eine Blasenentzündung ist. Vom Bett aus die Symptome eintippen und schon kommt die Diagnose: Grippe. Medizin-Apps boomen. Aber viele sind Schrott, sagen Experten.

Beispiel Schwarzer Hautkrebs. Wer gefährdet ist, lässt Leberflecke regelmäßig vom Arzt kontrollieren. Könnte diese „Blickdiagnose“ nicht auch ein Kameraauge übernehmen? Mehrere Apps bieten genau das an. Mittels Algorithmen wird die Wahrscheinlichkeit berechnet, dass der Fleck bösartig ist. „Eine Studie hat bewiesen, dass selbst die App mit dem vermeintlich besten Erkennungserfolg nach dieser Methode knapp ein Drittel der Testfälle falsch negativ klassifizierte“, weiß Urs-Vito Albrecht von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Die Volkskrankheiten der Deutschen

Wirtschaftlicher Schaden

Volkskrankheiten haben nicht nur gesundheitliche sondern auch wirtschaftliche Auswirkungen. Allein im Jahre 2010 waren die Bundesbürger 17,6 Tage im Durchschnitt krankgeschrieben.

Todesursachen

Volkskrankheiten führen nicht zwangsläufig zum Tode. Deshalb ist es wichtig, zwischen Krankheiten und Todesursachen zu unterscheiden. Zu den häufigsten Todesursachen zählen in Deutschland der Herzinfarkt und der Schlaganfall. 42 Prozent der Bundesbürger waren hiervon betroffen.

Krebs

Zu den zweithäufigsten Todesursachen zählt das Krebsleiden mit 35 Prozent. Frauen versterben neben Krebserkrankungen der Verdauungsorgane nicht selten an Brustkrebs. der Darm-und Lungenkrebs ist die häufigste Todesursache bei den männlichen Bundesbürgern.

Depression

Zu den häufigsten Erkrankungen gehört die Depression. Sie belegt den vierten Platz in der Rangliste mit 9,4 Prozent. Unter Depressionen sind unterschiedliche Erkrankungen zu fassen wie beispielsweise Angstzustände.

Burn-out

Unter den Begriff der Depressionen fällt auch das Krankheitsbild des Burn-out Syndroms. Betroffene sind meist körperlich, geistig und emotional erschöpft. Grund für diesen Zustand sind Stress oder berufliche Überbelastung.

Eu-weit belaufen sich die volkswirtschaftlichen Folgekosten auf 20 Milliarden Euro jährlich.

Atemwege

Platz 3 belegen die Atemwegserkrankungen mit 18 Prozent. Mediziner unterscheiden zwischen den oberen und unteren Atemwegen. Zu den Erkrankungen der oberen Atemwege gehören Krankheiten der Nasennebenhöhlen und Kieferhöhlenentzündungen. Die Bronchitis hingegen wird zu den Krankheiten der unteren Atemwege gezählt.

Übergewicht

Gemeinsam mit den Atemwegserkrankungen ist die Fettstoffwechselstörung die dritthäufigste Krankheitsursache in Deutschland. Eine Störung des Stoffwechsels ist das Übergewicht, das auf falsche Ernährung und Bewegungsmangel zurückzuführen ist. Laut des Europäischen Statistikamts sind 60 Prozent der Deutschen übergewichtig.

Diabetes

Eine weitere Fettstoffwechselstörung ist die Zuckerkrankheit Diabetes mellitus. Dabei wird zwischen Typ 1 und Typ 2 unterschieden. Typ 2 ist auf das Übergewicht zurückzuführen.

Rückenschmerzen

Mit 24,1 Prozent sind die Rückenschmerzen das zweithäufigste Volksleiden der Deutschen. Diese Zahl schlägt sich auch in den Krankheitstagen nieder. 13 Tage lässt sich der Bundesbürger wegen dieser Erkrankung krankschreiben.

Bluthochdruck

25,7 Prozent der deutschen Bundesbürger leiden an Bluthochdruck. Damit belegt diese Erkrankung den ersten Platz. Die Ursachen sind vielfältiger Natur. Außer der genetischen Veranlagung spielen Stress, Bewegungsmangel und ein überhöhter Alkoholkonsum eine wesentliche Rolle. Wird die Erkrankung nicht behandelt, drohen Herzinfarkt und Schlaganfall.

Bereits 2011 gab es laut Branchenverband Bitkom bereits 15.000 Gesundheits-Apps. Nur die wenigsten bieten echte medizinische Hilfen wie Fieber- und Blutzuckermessen, Alkohol- oder Sehtests; meist handelt es sich um Angebote wie Schrittzähler für Jogger oder Trainingsprogramme mit Fitnessübungen. Auch wenn die Technik noch so gut wäre: „Keine Diagnose-App kann das Expertenwissen, die Erfahrung, das Einfühlungsvermögen eines guten Arztes ersetzen. Dazu ist eine Maschine nicht in der Lage“, sagt Albrecht.

Älter als Med-Apps fürs Smartphone sind Webseiten zur Selbstdiagnose, zum Beispiel wie was-fehlt-mir.net oder washabich.de. Infos zu Krankheiten bieten viele Portale, etwa krank-gesund.de oder medicoconsult.de - die neuen Apps sind oft nur mobile Ableger der alten Seiten. Hat sich das Verhältnis zwischen Arzt und Patient dadurch verändert? Fachliteratur in der Unibibliothek nachgelesen hat kaum einer - mal schnell seine Symptome googeln macht fast jeder.

Was Sie über IGel-Leistungen wissen müssen

Was sind IGel-Leistungen?

Gesetzlich Versicherte erhalten nicht jede ärztliche Behandlung auf Krankenschein. Wer Leistungen in Anspruch nimmt, die nicht im Kassenkatalog aufgeführt sind, muss sie selber zahlen. Die Rede ist von „Individuellen Gesundheitsleistungen“, kurz IGeL. Ärzte raten häufig zu solchen IGeL-Behandlungen: Die können sie anschließend den Patienten gesondert in Rechnung stellen.

Welche Untersuchungen sind besonders häufig?

Nach Angaben der Krankenkassen zählen Glaukom-Vorsorgeuntersuchung beim Augenarzt und vaginale Ultraschalluntersuchungen zur Früherkennung von Eierstock- und Gebärmutterkrebs beim Frauenarzt zu den am häufigsten angebotenen IGeL. Auch Verfahren der Alternativmedizin zu „ganzheitlicher“ Behandlung gehören dazu.

Was ist an IGel-Leistungen problematisch?

Unproblematisch ist die Entscheidung immer dann, wenn Patienten von sich aus medizinische Leistungen in Anspruch nehmen, die von den Kassen nicht bezahlt werden: Etwa Tauglichkeitsuntersuchungen fürs Fallschirmspringen. Da es sich dabei um Hobbys handelt und die Untersuchung für den Erhalt der Gesundheit nicht notwendig ist, sind die Kosten für den Medizin-Check selbst zu tragen.

Schlägt dagegen der behandelnde Arzt eine IGeL-Behandlung vor, kann der Patient selten beurteilen, ob dies zweckmäßig und medizinisch notwendig ist. Und: Bei manchen der Leistungen bestünden erhebliche Zweifel daran, ob sie medizinisch sinnvoll seien, heißt es aus dem Gesundheitsministerium NRW. Eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums betonte, die Patienten müssten umfassend informiert werden und auch wissen, dass sie die
Kosten selbst tragen. Im neuen Patientenrechtegesetz, das im Herbst vom Bundesrat behandelt werden solle, sei eine weitere Stärkung der Informationsrechte vorgesehen. Die SPD vermutet, dass viele Patienten zum Teil durch aggressives Marketing zu den Leistungen gedrängt werden. Sie fordert deshalb, dass Ärzte nicht mehr am selben Tag IGeL- und Kassenleistungen vornehmen dürfen, damit die Patienten Bedenkzeit bekommen.

Warum gibt es Verkaufstrainings für Ärzte

Verkaufstrainings für die IGeL-Leistungen werden bisher vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) gefördert. Grundlage sei eine Richtlinie zur Entwicklung unternehmerischen Know-hows für kleine und mittlere Betriebe sowie Freie Berufe, sagte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. Ziel sei es, den Unternehmen Hilfestellungen bei wirtschaftlichen und finanziellen Fragen der Unternehmensführung zu geben. Damit stehe sie auch Ärzten offen, die sich am freien Markt behaupten müssen. Dies enthebe diese aber nicht von ihrer Pflicht, den Patienten nur medizinisch sinnvolle Leistungen anzubieten, betonte die Sprecherin. Genau aus diesem Grund überprüfe das Wirtschaftsressort derzeit zusammen mit dem Gesundheitsministerium und dem BAFA die bisherige Förderpraxis. Der Spitzenverband der Krankenkassen verlangte, die Förderung sofort zu stoppen.

Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Frank Ulrich Montgomery, missbilligte das Förderprogramm: „Ärzte sind keine Kaufleute und deshalb brauchen wir auch keine Verkaufsseminare für Individuelle Gesundheitsleistungen.“

Wo kann man sich informieren?

Wer sich nicht allein auf die Empfehlung des Arztes verlassen will, sollte einen zweiten Mediziner befragen oder sich in Internet-Portalen von Krankenkassen informieren. Ein solches bietet zum Beispiel der Kassen-Spitzenverband an, und zwar unter dem Namen „IGeL-Monitor“. Einen Patientenratgeber mit dem Titel „Selbst zahlen?“ gibt es auch von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung.

Früher habe man in den Praxen mehr „von oben nach unten“ diskutiert, sagt Martin Leimbeck, Landarzt im mittelhessischen Braunfels. „Das wandelt sich gerade.“ Informierte Patienten findet der Allgemeinmediziner gut. Problematisch werde es aber, wenn die Leute mit angelesenem Halbwissen kämen. „Sie wissen ja nie: Ist das alles korrekt, was da steht. Nehmen Sie zum Beispiel die Seiten der Impfgegner. Sie wissen auch nicht: Wer schreibt das überhaupt? Ein Selbsthilfe-Portal kann ein Werbeladen für die Pharmaindustrie sein.“

Anders liegt der Fall bei Fachärzten, die mit chronischen oder lebensbedrohlichen Krankheiten zu tun haben, etwa Onkologen. „Krebspatienten müssen so gut wie möglich informiert sein, um für sich einen Weg durch die Krankheit zu finden“, sagt Prof. Bernhard Wörmann, Medizinischer Leiter der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO). Er ist es gewohnt, dass Patienten „mit halben Aktenordnern unter dem Arm“ zu ihm in die Charité kommen, aber es nervt ihn „kein bisschen“ - im Gegenteil.

Die hartnäckigsten Gesundheitsmythen

Obst und Gemüse schützt vor Krebs

Wer sich gesund ernährt und mehr Gemüse als Fleisch isst, der tut seinem Körper etwas Gutes. Doch ein konkreter Schutz vor Krebs ist das nicht. Das ergab eine Studie von Hsin-Chia Hung und Walter Willet, Harvard University Boston/"Journal of the National Cancer Institute". Die Probanden, die mehr Obst und Gemüse aßen, hatten jedoch ein geringeres Herzinfarktrisiko.

Dunkle Schokolade macht weniger dick

Das stimmt leider nicht. Egal, wie dunkel die Schokolade ist, sie besteht in erster Linie aus Kakaobutter, Zucker und Kakaomasse. Im Gegensatz zu Milchschokolade enthält dunkle Schokolade keine Milch, folglich auch keinen Milchzucker. Die Kalorienzahl ist aber vergleichbar mit der der Milchschokolade.

Kaffee trocknet den Körper aus

Nein, Kaffee entzieht dem Körper kein Wasser. Koffein wirkt allerdings harntreibend: Wer viel Kaffee trinkt, muss also öfter die Toilette aufsuchen. Das bedeutet aber nicht, dass er dabei mehr Flüssigkeit verliert, als er mit dem Bürokaffee aufgenommen hat.

Pro Tag zwei Liter Wasser trinken

Es ist richtig, dass der Mensch "ausreichend" Flüssigkeit braucht. Er muss aber nicht zwangsläufig zwei Liter in Form von Wasser trinken. Auch Obst, Gemüse und Milchprodukte enthalten Flüssigkeit. Außerdem hängt der Flüssigkeitsbedarf davon ab, wie heiß es ist, wie viel der Mensch wiegt und ob man sich körperlich stark anstrengt. Pauschal eine Menge von zwei Litern zu empfehlen ist wenig sinnvoll. Zu viel Wasser kann dem Körper auch schaden. Wer ein normales Durstgefühl hat, nimmt automatisch genug Flüssigkeit zu sich.

Salat hat viele Vitamine

Das stimmt nicht. Salat hat viel Folsäure, die der Körper braucht, aber Vitamin C etwa findet sich in der doppelten bis achtfachen Menge in Tomaten oder Paprika.

Eier erhöhen den Cholesterinspiegel

Cholesterin ist ein lebensnotwendiger, natürlicher Stoff und kein Schadstoff. Der Körper produziert selbst Cholesterin und stoppt die Produktion, wenn zu viel Cholesterin in Form von Nahrung aufgenommen wird. Nur wer eine Cholesterin-Stoffwechselstörung hat muss auf seine Ernährung achten. Alle anderen können so viele Frühstückseier essen, wie sie wollen.

Salz ist ungesund

Das stimmt nur, wenn Sie zu den so genannten salzsensitiven Menschen zählen. Bei denen kann der häufige Genuss von stark gesalzenen Speisen zu einem Anstieg des Blutdrucks führen. Da die Mehrheit der Menschen aber nicht salzsensitiv isst, müssen sie auch nicht auf Salz verzichten.

Mehrere Mahlzeiten sind besser

Immer wieder hört man, es sei besser fünf kleine Mahlzeiten zu sich zu nehmen, als die drei großen Klassiker Frühstück – Mittag – und Abendessen. Im Grunde ist es völlig egal, wann man isst. Wer mit fünf „kleinen“ Mahlzeiten am Tag abnehmen möchte, läuft jedoch schnell Gefahr, zu viele Kalorien aufzunehmen. Wer sich an feste Mahlzeiten hält, behält besser den Überblick über die Gesamtmenge der aufgenommenen Kalorien.

Am Abend essen macht dick

Ob wir zu- oder abnehmen liegt an der Menge der Kalorien, die wir zu uns nehmen und nicht am Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme. Mehrere Studien haben widerlegt, dass Stoffwechselvorgänge am Abend ruhen und daher, wer abends mehr isst, schneller dick wird.

Der Mensch nutzt nur einen Bruchteil des Gehirns

Zwar keine Ernährungsweisheit, aber ein Gesundheitsmythos ist, dass der Mensch gar nicht die volle Leistung des Gehirns ausschöpfe. Einmal heißt es 10 Prozent, ein andermal 25 Prozent. Mehr unserer Hirnkapazitäten nutzen wir nicht? Doch, tatsächlich nutzt der Mensch alle Bereiche seines Gehirns. Untersuchungen haben gezeigt, dass es keine inaktiven Teile gibt. So verführerisch der Gedanke an noch ungenutzte Areale und Möglichkeiten wie Telepathie und Telekinese sein mag, sie bleiben Fantasterei.

„Der Patient hat ein Recht darauf, alles zu wissen“, findet die Fachgesellschaft, die ein eigenes Info-Portal betreibt: „Onkopedia“. Dort werden medizinische Leitlinien eingestellt und parallel in eine laienverständliche Sprache übersetzt. Das soll verhindern, dass man beim Googeln auf unseriöse Seiten stößt. „Die Qualität lässt ganz oft zu wünschen übrig und ganz viele Informationen sind nicht aktuell.“

Dass der Patient leichter an Infos kommt, kann auch den Arzt weiterbringen, glaubt Mediziner und App-Experte Albrecht. „Der Arzt ist mehr gefordert, er muss sich mit den Informationen der Patienten aus dritten Quellen auseinandersetzen.“ Früher habe sich der Patient leichter der Autorität des Arztes unterworfen. Heute sei er - gerade bei seltenen Krankheiten - oft selbst Experte. „Als junger Arzt habe ich das bei einigen meiner Patienten sehr geschätzt.“

Von

dpa

Kommentare (1)

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KFR

15.04.2013, 08:35 Uhr

dümmer als die kommerziellen Cash-in Versuche gewisser Medien und AöRs mit genzenloser Korruption ( fälschlich immerwieder als Kavalirsdelikt entschuldigt ) nach dem "Klingelton" -Prinzip gehts kaum noch !
dazu gehört auch die Patentierung von rechteckigen Objekten mit abgerundeten Kanten , bedient mittels Zweifinger-Gesten menschlicher Extremitäten .. dito die Versklavung mit vlooständiger Tracker-Verfolgung zwecks Stimulierung des Kaufanreiz mittels bezahlter Werbung

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