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05.04.2013

19:14 Uhr

Mehrländerbörse

Frankreich fordert Banken zum Einstieg bei Euronext auf

Frankreichs Finanzministerium ermuntert die großen Banken des Landes offenbar dazu, als Ankeraktionär bei der Mehrländerbörse Euronext einzusteigen. Ganz uneigennützig ist diese Aufforderung wohl nicht.

Das Finanzministerium in Paris will offenbar eine unerwünschte Übernahme der Mehrländerbörse Euronext verhindern. dapd

Das Finanzministerium in Paris will offenbar eine unerwünschte Übernahme der Mehrländerbörse Euronext verhindern.

Paris/FrankfurtDie französische Regierung schaltet sich offenbar in den Poker um die europäische Mehrländerbörse Euronext ein. Sie dränge heimische Banken und Versicherungen dazu, gemeinsam mindestens 34 Prozent des Börsenbetreibers zu übernehmen, sagten mit der Angelegenheit vertraute Personen am Freitag. Präsident Francois Hollande wolle so verhindern, dass die Kontrolle des Konzerns ins Ausland verlagert werde. Euronext betreibt die Aktienmärkte in Paris, Amsterdam, Brüssel und Lissabon. Hollande versuche auch, Banken aus diesen Ländern mit ins Boot zu holen. Die französischen Geldhäuser, die auf Hollandes sozialistische Regierung wegen der jüngsten Steuerbeschlüsse nicht gut zu sprechen sind, hätten die Politik bisher abblitzen lassen.

Die Euronext, die derzeit noch zur New York Stock Exchange (NYSE) gehört, soll nach dem geplanten Kauf der NYSE durch den US-Konkurrenten ICE abgespalten und an die Börse gebracht werden. Allerdings haben mit der US-Technologiebörse Nasdaq und der Schweizer SIX bereits zwei Konkurrenten Interesse an einer Übernahme der Euronext bekundet, sollte diese zum Verkauf stehen. Experten und Insider gehen davon aus, dass die ICE auch eine Veräußerung der Euronext in Betracht ziehen würde, wenn das Angebot stimmt.

Börsenfusionen

Nicht immer erfolgreich

Der Wettbewerb im Börsenhandel ist hart. Alternative Aktienhandelsplattformen, meist gegründet von Investmentbanken, machen den klassischen Börsen das Leben schwer. Die relativ hohen Kosten zwingen die etablierten Betreiber zu Zusammenschlüssen. Doch nicht alle Fusionspläne glücken.

Paris/Amsterdam

Die Aktien- und Derivatemärkte von Paris, Amsterdam und Brüssel schließen sich im Jahr 2000 zur europäischen Mehrländerbörse Euronext zusammen. Später kommen Lissabon und die Londoner Terminbörse Liffe hinzu.

New York/Amsterdam

Euronext und die New Yorker Stock Exchange (NYSE) fusionieren 2007 zur transatlantischen Mega-Börse.

New York/Frankfurt

Die Fusion der Börsen von Frankfurt und New York scheitert im Februar 2012 am Veto der EU-Wettbewerbshüter. Für Störfeuer sorgten zeitweise die Technologiebörse Nasdaq und die US-Rohstoffbörse Intercontinental-Exchange (ICE) mit einem rund elf Milliarden Dollar schweren feindlichen Übernahmeangebot für die NYSE/Euronext.

Singapur/Sydney

Die Börse Singapur (SGX) versuchte 2011, die australische Börse ASX zu schlucken. Dafür bot sie 8,4 Milliarden australische Dollar (damals 5,9 Mrd Euro). Der australische Finanzminister Wayne Swanch erklärte aber klar, das Angebot der Asiaten sei „nicht im nationalen Interesse“.

London/Frankfurt

Die Deutsche Börse versuchte mehrfach erfolglos, die London Stock Exchange (LSE) zu kaufen. Auch die Nasdaq bemühte sich mehr als einmal vergeblich um die Londoner.

London/Toronto

2011 mussten die LSE und die Börse Toronto (TMX) ihre Hochzeit abblasen. Eine Gruppe kanadischer Finanzfirmen war den Briten in die Parade gefahren und hatte ein eigenes Übernahmeangebot vorgelegt. Damit wollten die Kanadier verhindern, dass der wichtigste Finanzhandelsplatz des Landes in ausländische Hände fällt. Die größere Londoner LSE hätte in der Ehe die Übermacht gehabt.

Frankreichs Regierung und der dortige Bankensektor dürften die Befürchtung teilen, dass die Euronext unter ausländischer Kontrolle die Chancen französischer Institute auf Konsortialmandate für Aktienplatzierungen schmälert. Doch nicht zuletzt wegen strengerer Kapitalauflagen fehle den Finanzhäusern der Spielraum für eine Übernahme des Börsenbetreibers, sagte ein hochrangiger Banker. Darüber hinaus sei es aber auch zutreffend, dass keine Finanzinstitution der Regierung einen Gefallen tun möchte. Hollande und die heimischen Geldhäuser sind sich uneins über eine ganze Reihe von Themen, vor allem über die Regulierung und Besteuerung von Finanzgeschäften.

Ein anderer Eingeweihter erklärte, denkbar wäre die Übernahme eines Anteils von zehn bis 15 Prozent durch Geldhäuser aus Frankreich und anderen Ländern Europas. So behielten sie Einfluss auf die künftige Strategie des Börsenbetreibers.

Am Freitag hatte auch die französische Wirtschaftszeitung „Les Echos“ über die Bemühungen der Pariser Regierung berichtet. Dass Politik und Aufsichtsbehörden in Frankreich es bevorzugen würden, wenn die Euronext unabhängig bliebe, ist in der Branche allerdings ein offenes Geheimnis. Politiker und Finanzmanager in Paris haben seit dem Zusammenschluss der Euronext mit der NYSE 2007 regelmäßig über eine Machtverlagerung nach New York geklagt und sehen nun die Chance, Handlungsspielraum zurückzugewinnen. Ein Engagement der Großbanken BNP Paribas, Société Générale und Credit Agricole, von denen keine Stellungnahme zu erhalten war, könnte dabei helfen. Auch vom französischen Finanzministerium gab es keinen Kommentar.

Von

rtr

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