Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.02.2014

06:25 Uhr

Mindestlohn im Call-Center

Deutscher Service zu türkischen Preisen

VonMartin Dowideit

Call-Center stecken in der Klemme: Insolvenzen rütteln die Branche durch. Der Mindestlohn verheißt neues Ungemach, wird aber vielen Beschäftigten nichts bringen. Und den Kunden drohen längere Warteschleifen.

Call-Center-Demonstration auf einer Messe in Berlin: Der Mindestlohn dürfte zu Insolvenzen führen. PR

Call-Center-Demonstration auf einer Messe in Berlin: Der Mindestlohn dürfte zu Insolvenzen führen.

DüsseldorfDie Anzeige in der Fachzeitschrift „TeleTalk“ hat es in sich: „Droht auch bei Ihnen mit dem Mindestlohn das wirtschaftliche Aus?!“, steht dort. Ein Call-Center-Betreiber bewirbt so seine Telefonisten in Istanbul. Heimkehrer aus Deutschland setzen sich in der Türkei das Headset auf – und zwar zu Preisen weit unter dem künftigen Mindestsalär von 8,50 Euro pro Stunde. „Deutsches Geschäft zu türkischen Preisen“ verspricht das Unternehmen.

Ein regelrechter Exodus deutscher Call-Center ins Ausland könnte die Folge sein, wenn die Große Koalition zum 1. Januar 2015 den Mindestlohn durchsetzt. Bislang erstarrt die Branche vor der Entwicklung aber eher wie das Kaninchen vor der Schlange. „Viele Call-Center-Betreiber handeln noch nach dem Motto: Sehe ich den Mindestlohn nicht, sieht er mich vielleicht auch nicht“, sagt Kai Mario Abel, langjähriger Unternehmer in der Branche und heute Berater. „Das ist unverantwortlich. Der Lohn wird die Branche durchrütteln.“

Zwar erhalten viele der etwa 500.000 Call-Center-Agenten in Deutschland bereits mehr als 8,50 Euro die Stunde – doch das gilt vor allem für Telefonisten, die in internen Call-Centern großer Unternehmen arbeiten. Bei den Dutzenden externen Betreibern ist es weniger die Regel. Es gibt Firmen, die zahlen Anfängern gerade einmal 5,50 Euro pro Stunde. Einen flächendeckenden Tarifvertrag gibt es nicht.

Größte Call-Center-Betreiber in Deutschland

Platz 1

Arvato Customer Services
767,8 Millionen Euro*
9579 Call-Center-Arbeitsplätze

Quelle: callcenterprofi.de // Alle Angaben Stand 2012
*Nettoroheinkommen

Platz 2

Walter Services
184 Millionen Euro
7554 Call-Center-Arbeitsplätze

Platz 3

Sitel

126 Millionen Euro
3500 Call-Center-Arbeitsplätze

Platz 4

buw Unternehmensgruppe
120 Millionen Euro
3650 Call-Center-Arbeitsplätze

Platz 5

Avocis Deutschland
109 Millionen Euro
3050 Call-Center-Arbeitsplätze

Platz 6

SNT Deutschland
89 Millionen Euro
2539 Call-Center-Arbeitsplätze

„Der künftige Mindestlohn ist vor allem für Standorte in Ostdeutschland ein Problem. Es wird Insolvenzen geben“, sagt Tatjana Voß, Branchenexpertin der TGMC Management Consulting in Hamburg. Dutzende große Call-Center gibt es von Mecklenburg-Vorpommern bis Sachsen. In weiten Teilen Ostdeutschlands beträgt der durchschnittliche fixe Stundenlohn eines eingearbeiteten Call-Center-Agenten laut TGMC-Daten 6,60 Euro .

Ein anderer Branchenkenner berichtet, dass einzelne Dienstleister derzeit bei ihren Banken um Extrafinanzspritzen für die ersten Monate des Jahres 2015 bitten – um das eigene Überleben solange zu sichern, bis man dann im Kundenstamm von Pleitefirmen wildern kann.

Kommentare (8)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

28.02.2014, 08:37 Uhr

bei einem Mindestlohn von 8,50 € reden wir von einem Nettmonatslohn von ca. 1070€. Jeder Hartz4 Familienvater bekommt mehr. Die Callcenter Branche ist das Parade Beispiel für die Fehlentwicklung in unserer Gesellschaft. Arbeitgeber und Auftraggeber profitieren, der dumme Arbeiter geht leer aus und Krebst jeden Monat am Existenzminimum. Die 8,50 € wäre ein kleiner Schritt für die Umverteilung von Vermögen in unserer kaputten Gesellschaft

Account gelöscht!

28.02.2014, 08:55 Uhr

Sie vergessen die Provisionen. Dadurch kann - wenn derjenige sich anstrengt - das Gehalt oft mehr als verdoppelt werden. Und jeder Handelsvertreter mit erklärungsbedürftigen Produkten hat in der Regel ein niedriges Fixum und sichert sich sein Einkommen über Provisionen. Danach kräht kein Hahn.
Es ist bedauerlich, daß Verkäufer einen schlechten Ruf haben, obwohl diese Tätigkeit direkten Erfolg zeigt.

Account gelöscht!

28.02.2014, 09:58 Uhr

Sie nerven.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×