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15.07.2014

19:57 Uhr

Mitarbeiterbefragungen

„Wenn keine Wirkung folgt, ist die Motivation tot“

VonCarina Kontio

„Liebe Mitarbeiter, sind Sie zufrieden?“, heißt es oft, wenn der Chef seinen Leuten auf den Puls fühlen will. Doch es müssen auch Taten folgen, damit die Mannschaft bessere Ergebnisse liefert – sonst kippt das Klima.

Beteiligen sich möglichst viele Beschäftigte an der Mitarbeiterumfrage, erhalten Chefs ein umfassendes Stimmungsbild und wissen, was Sache ist in ihrer Firma. Torbz - Fotolia

Beteiligen sich möglichst viele Beschäftigte an der Mitarbeiterumfrage, erhalten Chefs ein umfassendes Stimmungsbild und wissen, was Sache ist in ihrer Firma.

Mehr als ein Stimmungsbarometer: Mitarbeiterbefragungen können ein wichtiges strategisches Instrument sein, sagt Felix Brodbeck vom Lehrstuhl Wirtschafts- und Organisationspsychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Richtig eingesetzt sind Unternehmen dadurch erfolgreicher. Wir sprachen mit dem Experten über den Sinn und Unsinn der Umfragen.

Herr Brodbeck, Sie führen in den großen Konzernen der Republik regelmäßig Mitarbeiterumfragen durch. Wie steht es denn um die Arbeitsmoral der Deutschen?

Die ist gut. Wir Zentraleuropäer zeichnen uns ja dadurch aus, dass wir sehr pflichttreu sind. Die klassischen deutschen Tugenden sind also immer noch erkennbar. Das Pflichtbewusstsein, dass man seine Arbeit auch ordentlich macht, ruht aber inzwischen auf anderen Füßen, denn mit der Generation Y hat es einen Generationenbruch gegeben.

Professor Felix Brodbeck ist Partner von Logit, eines Münchner Beratungshauses für Mitarbeiterbefragungen und datengestützte Organisationsentwicklung. Er ist außerdem Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Organisationspsychologie an der LMU München. RHI

Professor Felix Brodbeck ist Partner von Logit, eines Münchner Beratungshauses für Mitarbeiterbefragungen und datengestützte Organisationsentwicklung. Er ist außerdem Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Organisationspsychologie an der LMU München.

Wie äußert sich das?

Es ist spürbar, dass es einen anderen Anspruch an die Tätigkeit gibt als noch vor 30 Jahren, wo man seinem Chef beinahe bedingungslos folgte. Themen wie Work-Life-Balance werden viel stärker betont und flexible Arbeitszeiten oder Kinderbetreuung rücken in den Fokus. Der Job soll nicht mehr nur Geld bringen, sondern auch Sinn machen.

Was ist denn heute anders als damals?

Es hat vor 30 Jahren eine Art Kündigung des psychologischen Vertrages  zwischen einer Organisation und ihren Mitarbeitern gegeben. Bis dahin sorgte eine Firma noch für ihren Mitarbeiter – und zwar von vorne bis hinten. Irgendwann fing das an zu erodieren und plötzlich war Arbeitgeber-Hopping angesagt. Absolventen kommen heute gar nicht mehr auf die Idee, dass sie mit einem Arbeitgeber ihr ganzes Leben verbringen.

Was in Firmen alles schief läuft

Warten auf die IT-Jungs

„Der Arbeitsplatz einer Kollegin war für ihre neue Aufgabe ungeeignet: Sie musste abwechselnd auf den Tisch und dann 45° nach oben schauen. Dort war ihr Monitor im Regal untergebracht. Also standen alle ratlos ums Regal herum und beklagten sich, dass die IT-Jungs, die für solche Umbauten eigentlich zuständig sind, nicht endlich kommen, um den Monitor umzubauen. Während alle anderen rumstanden und klagten, haben ein Kollege und ich einfach den Monitor aus dem Regal genommen und auf den Tisch gestellt. War deutlich besser als auf die IT-Jungs zu warten. Seltsam, dass sonst keiner auf die Idee kam …“

(Quelle: Klaus Schuster, „Wenn Manager Mist bauen“ )

Mach einfach!

„Das Blöde an ›Mach einfach!‹ ist: Seit alle wissen, dass unsere Abteilung´ einfach mal macht, lösen wir auch die Probleme aller anderen Abteilungen, die gerne jede Verantwortung von sich schieben und sich nur noch Routineaufträge zutrauen.“

Entscheidungen treffen

„Leider trauen sich nur sehr wenige Manager, Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen haben den kleinen Haken, dass sie eventuell falsch sein könnten, weshalb viele leider die falsche Entscheidung treffen – nämlich keine.“

Reportings ohne Ende

„Ich kenne Vertriebsorganisationen, bei denen die Account Manager vier Tage die Woche Reports verfassen und folgerichtig nur einen Tag die Woche beim Kunden sind. Desaströs.“

Die geliebte Routine

„Es besteht ein Hang dazu, sich in Routine zu vergraben, um keine unangenehmen Entscheidungen fällen zu müssen.“

Verhalt dich mal ruhig!

„Ich glaube, dass Action Management bei uns nur so lange funktioniert, wie das Unternehmen in Notlage ist. Der Satz ›Verhalt dich mal ruhig!‹ fällt bereits, sobald wir irgendwie eine schwarze Null schreiben.“

Erfolge machen einsam

„Action Management funktioniert bei uns nicht, weil Action Manager Erfolg haben und jeder Erfolg bei uns die Neider auf den Plan ruft. Sie fürchten, dass jeder merkt, dass sie keine solchen Erfolge vorweisen können. Erfolge machen einsam.“

Bloß keine Action

„Action Manager sind oft erfolgreich, aber meist nicht beliebt, weil die anderen sich dann auch schneller bewegen müssen. Schwache Chefs finden den Action Manager auch eher unbequem …“

Weniger Anerkennung

„Action Manager ernten bei uns meist weniger Anerkennung als diejenigen, die sich mehr aufs Schwafeln konzentrieren.“

Sie haben auch ein Beispiel?

Dann schreiben Sie mir: c.groh@vhb.de

Wirkt sich das auf die Loyalität aus?

Früher identifizierten sich die Mitarbeiter sehr stark mit ihrer Firma, denn der Umgang miteinander war familiär und väterlich. Heute stehen das Engagement und die Leistungsbereitschaft unter Vorbehalt, nach dem Motto: Ich mache hier solange mit, wie alles noch passt.

Ihre Meinung zu Mitarbeiterbefragungen: Nonsens oder Notwendigkeit?

Notwendigkeit, ganz klar. Es gab ja gerade in Zeiten der Krise einige Firmen die gesagt haben: Wir wissen jetzt schon, dass das schlecht für uns ausgeht, weil es den Leuten schlecht geht und deswegen sagen die auch Schlechtes über uns. Diese These ist wissenschaftlich aber nicht haltbar. Grundsätzlich ist die Mitarbeiterbefragung ein wichtiges Instrument, mit dem sich viel Positives bewirken lässt. Vorausgesetzt sie verkommt nicht bloß zur reinen Meinungsumfrage, nach der nichts mehr passiert.

Kommentare (1)

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Herr Andros Rich

16.07.2014, 17:01 Uhr

Na endlich mal ein gelungener Artikel zu diesem Thema. Habe bis vor einiger Zeit für eine spanische Großbank gearbeitet und würde den Artikel gern mal übersetzt nach Madrid schicken. Besonders in Banken sind Mitarbeiterbefragungen besonders heikel. Habe genug von denen gemacht und danach nichts mehr gehört! Komisch ?!

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