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28.05.2018

19:43 Uhr

Arbeitsmarkt

Die digitale Transformation stockt in Deutschland, weil Fachleute fehlen

VonHolger Schmidt

Bei der digitalen Transformation der Industrie hat Deutschland Nachholbedarf. Das liegt auch am Arbeitsmarkt, denn Experten sind rar.

Organisationstalente werden auf dem Arbeitsmarkt händeringend gesucht. James Boast für Handelsblatt

Digitale Projektmanager

Organisationstalente werden auf dem Arbeitsmarkt händeringend gesucht.

DüsseldorfDie digitale Transformation beschleunigt sich – auch auf dem Arbeitsmarkt. Zwar entfällt der Großteil der ausgeschriebenen Digitaljobs in Deutschland auf die klassischen Disziplinen Online-Marketing, Online-Handel und Social Media, doch das Wachstum findet an anderen Stellen statt: Experten für künstliche Intelligenz, 3D-Druck, E-Health oder Robotik wurden im ersten Quartal 2018 etwa doppelt so häufig gesucht wie im Jahr zuvor.

Insgesamt nahm die Zahl der Jobanzeigen für Digitalspezialisten in diesem Zeitraum um 32 Prozent zu, zeigt der aktuelle Digitale Job-Monitor des Handelsblatts, für den im Zusammenarbeit mit der Berliner Index-Gruppe alle ausgeschriebenen Stellen in Deutschland analysiert werden.

Den größten Zuwachs, wenn auch auf niedrigem Niveau, weisen die offenen Stellen für digitale Projektmanager auf. Die oft beinahe verzweifelte Suche nach Managern für den digitalen Wandel hat ihre Ursache in Deutschlands Nachholbedarf in der digitalen Transformation: Viele Digitaltechnologien wie Cloud Computing oder aktuell die künstliche Intelligenz werden im Vergleich zu den USA oder China mit Verzögerung eingeführt.

Selbst dann bringt der Einsatz oft wenig, so lange es keinen begleitenden Wandel in Richtung neue Geschäftsmodelle, mehr Kundennähe oder agile Entwicklungsprozesse gibt – wofür ebenfalls Fachkräfte gesucht werden.

Besonders deutlich ist dieses Missverhältnis beim deutschen Vorzeigeprojekt Industrie 4.0 zu sehen: Nach einer Studie des Softwareanbieters Oracle investieren zwar 77 Prozent der befragten deutschen Fertigungsunternehmen in Industrie-4.0-Technologien. Aber fast zwei Drittel (63 Prozent) sehen bisher keine oder nur geringe positive Auswirkungen auf ihre Geschäftsentwicklung.

Nach Ansicht von Oracle-Manager Tobias Staehle hat die deutsche Industrie die digitale Transformation falsch angepackt: „Es ist noch ein langer Weg, bis Fertigungsunternehmen wirkliche Fortschritte durch Industrie 4.0 erzielen.“ Investitionen in moderne Technologien hätten zwar zu höherer Effizienz und sinkenden Kosten geführt.

Doch die meist nur inkrementellen Verbesserungen und das Festhalten an den klassischen linearen Geschäftsmodellen genügen nicht mehr, wenn Konkurrenten Plattformen aufbauen. „Eine echte Weiterentwicklung der Geschäftsprozesse und -modelle erfordert Denken in größeren Dimensionen“, sagt Staehle.

Diese digitalen Denker sind leider zu selten zu finden. Mittelständler Martin Viessmann hatte Glück: Der digitale Kopf kam aus der Gründerfamilie. Sein Sohn Max Viessmann (29) treibt die digitale Transformation des Heizungsbauers voran. Ein Beispiel: Gemeinsam mit Bringmeister, dem Online-Supermarkt von Edeka, und dem Reinigungsdienst Book A Tiger baut Viessmann eine Plattform auf, die Lebensmittel direkt nach Hause liefert, ohne dass die Kunden anwesend sein müssen. Viessmann bringt dafür neuartige Hausdienste ein, die einen begrenzten Zugang in die Wohnung ermöglichen. Eine clevere Idee, um Amazon zuvorzukommen.

Den digitalen Transformator aus einer eigenen Familie gibt es auch beim Personaldienstleister Kienbaum, wo Fabian Kienbaum heute das Digitale verantwortet. Volkswagen hat es geschafft, mit Johann Jungwirth einen Chief Digital Officer von Apple abzuwerben. Bei VW berechnen inzwischen Quantencomputer mit Hilfe künstlicher Intelligenz, wie sich Staus in Megacitys vermeiden lassen. Mehr Innovation geht nicht. Digitalisierer Jungwirth hat seine Hausaufgaben gemacht.

Viele Mittelständler haben dieses Glück aber nicht. Ihnen fehlen die Führungspersönlichkeiten, die immer nötig sind, um die Digitalisierung voranzubringen. Drei Viertel der von Oracle befragten deutschen Herstellern beklagen den Fachkräftemangel als größte Barriere für das Erschließen der Potenziale von Industrie 4.0.

Mindestens genauso schwierig wie das Rekrutieren neuer Mitarbeiter ist die fehlende Begeisterung in der vorhandenen Belegschaft: 59 Prozent der Unternehmen stimmten der Aussage zu, dass ihre Mitarbeiter Industrie-4.0-Technologien nur zögerlich nutzen. In einer Allensbach-Umfrage gaben gar nur 19 Prozent der Befragten an, den Begriff Industrie 4.0 sympathisch zu finden, weil sie um ihre Jobs fürchten.

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Ohne richtig ausgebildete und gleichzeitig motivierte Besetzung, die übrigens immer an der Unternehmensspitze beginnen sollte, wird der digitale Wandel aber nicht gelingen. Deutschlands Rückstand ist in einigen Feldern wie der Plattform-Ökonomie ohnehin schon bedrohlich groß geworden. Selbst eigentlich intelligente Modelle wie Trivago oder HRS haben in der Online-Reisebranche gegen die US-Konkurrenten wie Booking.com oder Airbnb einen schweren Stand.

Das gilt auch für eines der wichtigsten Themen der digitalen Transformation, die künstliche Intelligenz. Sie ist in der Rangliste der IT-Prioritäten der deutschen Unternehmen gerade an die vierte Stelle vorgerückt. In einer Studie von IDG-Research gaben aber nur 24 Prozent aller Unternehmen an, die entsprechenden Fachleute dafür schon an Bord zu haben. Unter den kleineren Firmen betrug die Quote nur 18 Prozent.

Die Chance, diese fehlenden Fachleute zu bezahlbaren Gehältern am Markt zu finden, ist im Moment praktisch gleich null. Denn die Durchschnittseinkommen der KI-Experten in den großen Digitalunternehmen wie Google oder Facebook liegen inzwischen bei rund 250.000 Dollar im Jahr. Tendenz: schnell steigend.

Die großen Unternehmen locken aber nicht nur mit hohen Gehältern und tollen Arbeitsumgebungen. Sie bauen auch große KI-Labore in Deutschland auf, um den Wechsel so einfach wie möglich zu machen. Nur wenige deutsche Unternehmen können in dieser Liga noch mithalten.

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Aussicht auf eine Besserung der Situation ist kurzfristig nicht zu erwarten. Die halbjährliche Untersuchung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) hat gerade den höchsten Wert für die Kluft am IT-Arbeitsmarkt seit Beginn der Untersuchung 2011 erreicht. Über fehlende Digitalspezialisten klagen auch Startups, die im Durchschnitt fünf offene Stellen nicht besetzen können, wie eine Umfrage des Hightech-Verbandes Bitkom zeigt. Sie bemühen sich daher immer stärker international um geeignete Mitarbeiter – was aber nur in Großstädten gut funktioniert.

Auch wenn die Universitäten viele Lehrangebote für Digitales entwickeln, wird der digitale Arbeitsmarkt kurz- und mittelfristig leergefegt bleiben. Den Unternehmen bleibt nichts anderes übrig, als ihre eigenen Mitarbeiter weiterzubilden. Dann können auch aus Deutschland begeisternde Innovationen kommen. Bestes Beispiel ist das Kölner Start-up DeepL mit einer Übersetzungssoftware, die bessere Ergebnisse liefert als Google oder Microsoft.

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Kommentare (2)

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Herr Michael Shmiedt

29.05.2018, 15:20 Uhr

Ja, soweit ich weiß, gibt es in vielen Ländern einen solchen Trend. Für mich ist der beste Weg, die Prozesse zu automatisieren. Achten Sie auf die Design-Sphäre, nutzen nicht alle die Dienste von Designern, viele verwenden spezielle Tools wie Logaster https://www.logaster.de/logo/, mit denen Sie große Logos erstellen können und ohne Menschen, so sind die Fälle.

Herr Bastian Ehl

01.06.2018, 16:59 Uhr

Insbesondere der deutsche Mittelstand könnte viel Rückstand aufholen, wenn er die enge Partnerschaft mit Dienstleistern sucht, anstatt dem meist erfolglosen Versuch erliegt, eigene Digitalisierungsabteilungen aus dem Boden zu stampfen.

UX-Agenturen können Digitalisierung, egal ob es um Beratung, die Gestaltung von Services oder ganzer digitaler Lösungen geht. Denn was jetzt gefordert ist, existiert als Agentur-Spezialisierung bereits über 10 Jahre auf dem deutschen Markt, Man muss nicht mehr alles In-House alleine lösen, sondern ist gemeinsam mit Dienstleistern erfolgreich.

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