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22.03.2006

10:20 Uhr

Automobilindustrie gefragt

St. Petersburg umgarnt Investoren

Die nordrussische Metropole St. Petersburg ist schon eine Erfolgsstory: Die Zahl großer ausländischer Investitionsvorhaben ist in den vergangenen zwei Jahren deutlich gestiegen. Neben dem Immobiliensektor setzt St. Petersburg auf noch mehr Investitionen in der Industrie. Ganz vorne auf der Wunschliste stehen die Automobilunternehmen und deren Zulieferer.

St. Petersburg: Die Stadt lockt immer mehr Investoren. Foto ap

St. Petersburg: Die Stadt lockt immer mehr Investoren. Foto ap

bfai MOSKAU. Wladimir Blank kann stolz sein auf das Erreichte: St. Petersburg zählt heute zu den gefragtesten und attraktivsten Standorten für ausländische Investoren in Russland. Blank, der das Komitee für Wirtschaftsentwicklung, Industriepolitik und Handel der Stadtregierung leitet, braucht nur die Liste der bereits realisierten oder begonnenen Projekte zu zeigen, um das zu beweisen.

Allein 2005 enthält diese ein halbes Dutzend Projekte mit ausländischer Beteiligung und einem Investitionsumfang von rund 1 Mrd. US-Dollar. Zusammen mit dem gigantischen Immobilienvorhaben "Baltijskaja Shemtschushina" ("Baltische Perle"), das mit Beteiligung von Investoren aus der VR China realisiert werden soll, wären es sogar 2,5 Mrd. US-Dollar.

Der Stadt und die Region sind nicht nur ausländische, sondern auch inländische Investoren wichtig. "Im vergangenen Jahr sind von uns 47 Projekte potenzieller Investoren genehmigt worden", erzählt Blank. Dazu gehörte ein so großes wie der Bau des Röhrenwerks Ishorskij Trubnyj Zawod mit einer geplanten Investitionssumme von 550 Mio. US-Dollar. "Dazu zählten aber auch kleinere, aber nicht minder attraktive Vorhaben wie das Unternehmen OOO Bezopasnyj Seks ("Sicherer Sex")", sagt Blank schmunzelnd. Für die Betreuung potenzieller Investoren hat die Stadt eine Agentur GU Gorodskoje Agenstwo po promyschlennym investicijam gegründet.

Die starke Investitionsdynamik wird in den nächsten Jahren auch noch anhalten. Nach der Zurückhaltung bei den Investitionen in den 90er Jahren gibt es nun einen großen angestauten Modernisierungsbedarf, der schnell aufgelöst wird. Es investiert nicht nur die heimische Industrie - in der Stadt und im Umland (Gebiet Leningrad) werden in nächster Zeit noch große ausländische Investoren erwartet. "Wir stehen derzeit mit vier großen ausländischen Automobilherstellern über Projekte bei uns in Verhandlungen", berichtet Blank.

Wer die Verhandlungspartner sind, darf Blank zwar nicht sagen. Walentina Matwjenko, Gouverneurin von St. Petersburg, eröffnete aber kürzlich, dass über den Bau eines Montagewerkes in der Nähe der Stadt mit dem japanischen Hersteller Nissan gesprochen werde. Die Entscheidung darüber soll bis Anfang April 2006 fallen, so auch der Gouverneur des Gebiets Leningrad, Walerij Serdjukow. Nach Möglichkeiten für eine Investition in Russland und speziell im Nordwesten des Landes soll nach wie vor auch DaimlerChrysler suchen, heißt es.

Zwei große globale Autobauer haben sich bereits für den Standort St. Peterburg/Gebiet Leningrad entschieden. Ford betreibt seit einigen Jahren schon ein Pkw-Werk in Wsewoloshsk. Der dort gebaute Ford "Focus" ist in Russland extrem begehrt, die Wartezeit auf das Auto soll sich auf fünf bis sechs Monate belaufen. In diesem Jahr sollen die Kapazitäten des Werkes nach Worten von Generaldirektor Henrik Nenzen auf 72 000 Pkw ("Ford Focus") verdoppelt werden. Auch Toyota hat bereits 2005 mit dem Bau eines neuen Werkes in Schuschary begonnen. Außerdem sind Scania (Scania-Piter) mit einer kleinen Busfertigung und Caterpillar in Tosno, wo Komponenten für Baumaschinen gefertigt werden, am Standort St. Petersburg/Gebiet Leningrad vertreten.

All das lockt auch immer mehr Automobilzulieferer in die Gegend. Der Reifenhersteller Nokian Tyres errichtete für 55 Mio. Euro ein Werk in Wsewoloshsk, das 2006 eine Kapazität von mindestens 1,5 Mio. Reifen erreichen und später deutlich erweitert werden soll. In der Nähe von St. Petersburg nahm Johnson Controls 2005 ein Werk für just-in-time-Belieferung des Ford-Werkes mit Autositzen in Betrieb. Die Kapazität soll 2006 rund 60 000 Sitze betragen. Nach Angaben von Serdjukow beabsichtigt nun auch Saint Gobain, im Gebiet Leningrad ein Werk für Flach- und Autoglas zu bauen. Im Gespräch sind drei Standorte - Wsewoloshsk, Gorelowo und Krasnyj Bor.

St. Petersburg gehört zu den wachstumsstärksten Regionen Russlands. Das regionale Sozialprodukt der Stadt wuchs 2004 um 6,9% (Russland: 7,2%) und 2005 um weitere 8,4% (6,4%, jeweils gegenüber dem Vorjahr). Seit dem Krisenjahr 1998 stieg das Sozialprodukt der Stadt nach Angaben von Blank um fast 77%. Die Industrieproduktion der Stadt nahm 2004 überdurchschnittlich stark um 14,1% (Russland: 8,3%), 2005 um 4,2% (Russland: 4%) zu. In der Struktur der Industrie hat die Nahrungsmittelindustrie mit einem Drittel einen recht hohen Anteil. Die gewachsene Bedeutung dieses Zweiges ist auch den zahlreichen ausländischen Investitionen in diesem Bereich zu verdanken, darunter Kraft Foods, Coca Cola und Heineken.

Weitere Informationen finden Sie bei der Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai).

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