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26.01.2010

13:42 Uhr

Berufliche Qualifizierung

Betriebe knausern bei der Weiterbildung

VonElisa Simantke

Es erscheint paradox: Die Weiterbildungsangebote in Deutschland gehen ausgerechnet an denjenigen vorbei, die die Förderung besonders brauchen: Niedrigqualifizierte, Ältere und Menschen mit Migrationshintergrund. Das sollte sich besser ändern, fordern Experten.

Speziell ältere Arbeitnehmer werden bei vielen Weiterbildungsangeboten vernachlässigt. ap

Speziell ältere Arbeitnehmer werden bei vielen Weiterbildungsangeboten vernachlässigt.

KÖLN. Über diese Erkenntnisse aus Studien ärgert sich Ingrid Ambos vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) in Bonn. "Lebenslanges Lernen wird mit Blick auf die demografische Entwicklung immer wichtiger", sagt die Leiterin des Programms Strukturdaten zur Weiterbildung. An entsprechenden Programmen nähmen jedoch vor allem junge, gut ausgebildete Mitarbeiter teil, die auf dem Weg zur Führungskraft seien.

"Es muss sich etwas ändern", sagt die Wissenschaftlerin. Mit der Tendenz zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit könnten Fortbildungen "eine Schlüsselrolle spielen", so Ambos. Mit dem Training von Niedrigqualifizierten würden Unternehmen teilweise sogar dem Fachkräftemangel begegnen.

Deutschland liegt in Sachen Weiterbildung im europäischen Vergleich im Mittelfeld. Die Weiterbildungsquote lag bei der letzten Untersuchung 2007 bei 43 Prozent - knapp die Hälfte aller Personen im erwerbsfähigen Alter besuchte also eine Weiterbildungsveranstaltung allgemeinen oder beruflichen Charakters.

Der Vertriebstrainer Lutz Lochner betreibt unter www.seminarportal.de eine Internetseite mit Angeboten speziell für den Mittelstand. Zusammen mit der Universität Ludwigshafen hat er eine Umfrage unter Anbietern und Teilnehmern von Seminaren in Deutschland, Österreich und der Schweiz gestartet. Danach hatten die beliebtesten Veranstaltungen Themen aus den Feldern Vertrieb, Finanzen und Organisation.

Klar wird nach Daten des Statistischen Bundesamtes auch, dass die Weiterbildungsbeteiligung mit der Unternehmensgröße tendenziell wächst. Kleine Firmen stellen eher selten Mitarbeiter ab, während Großunternehmen feste Programme pflegen. Auch nach Branchen ergibt sich ein differenziertes Bild: Das Versicherungsgewerbe gilt als sehr weiterbildungsaffin, während im Gastgewerbe nur rund die Hälfte aller Unternehmen weiterbildet.

Auch die Wirtschaftskrise wird das Thema Weiterbildung kurzfristig eher bremsen. Das DIE und das Bundesinstitut für Berufsbildung haben in Befragungen festgestellt, dass besonders diejenigen Kursanbieter unter der Wirtschaftskrise ächzen, die stark von den Buchungen durch Unternehmen abhängen. "Das deutet darauf hin, dass sich Unternehmen bei den Weiterbildungsmaßnahmen eher prozyklisch als antizyklisch verhalten", sagt Ingrid Ambos.

Ein bekanntes Muster: Geht es den Unternehmen gut, dann investieren sie in die Bildung ihrer Mitarbeiter. Läuft es schlecht, wird gespart. Von einer Ausnahme kann Lutz Lochner berichten: "Vertriebsseminare laufen weiter gut." Der kurzfristige Nutzen lockt.

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