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16.10.2014

14:58 Uhr

Boge aus Bielefeld

Druckluft für den langen Atem

VonMaximilian Nowroth

Boge aus Bielefeld ist einer der weltweit führenden Hersteller von Kompressoren. Der Urenkel des Firmengründers hat die Firma behutsam neu ausgerichtet – und vertraut bei der Führung auf drei wichtige Prinzipien.

„Ich wollte die Firma mindestens so gut weitergeben, wie ich sie übernommen hatte“, sagt Boge-Geschäftsführer Wolf Dietrich Meier-Scheuven. Alex Kraus/Kapix

„Ich wollte die Firma mindestens so gut weitergeben, wie ich sie übernommen hatte“, sagt Boge-Geschäftsführer Wolf Dietrich Meier-Scheuven.

BielefeldSchon der Standort zeigt, warum das Unternehmen den Titel „Hidden Champion“ verdient. Der Firmensitz von Boge Kompressoren liegt in Bielefeld - einer Stadt, von der Verschwörungstheoretiker behaupten, sie existiere gar nicht. Doch genau dort, im Ortsteil Jöllenbeck sitzt einer der weltweit führenden Hersteller von Drucklufttechnik. Gut versteckt. Oder wie man in Ostwestfalen sagt: Drumherum ist viel Gegend.

So unscheinbar wie der Standort ist auch das Produkt, mit dem Boge seine Geschäfte macht. Die Bielefelder bauen Kompressoren. Große Maschinen, die Luft einsaugen und mit Kolben oder riesigen Schrauben verdichten, um sie als Druckluft wieder abzugeben. Fast jeder Industriebetrieb hat einen Kompressor im Keller stehen, Boge beliefert mehr als 100.000 Unternehmen in 120 Ländern. Zu den wichtigsten Kunden zählen medizinische Anwender: Laut Boge nutzen 95 Prozent aller deutschen Krankenhäuser Druckluft des Unternehmens.

Sieben Lehren der Hidden Champions

1. Führung und Ziele

Hidden Champions wissen nicht nur, was sie wollen, sondern haben auch die Willensstärke und Energie, manchmal die Besessenheit, ihre Ziele in Taten umzusetzen. Führung bedeutet, dass sie dieses Feuer in vielen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen entzünden.

(Quelle: Hermann Simon; "Hidden Champions des 21. Jahrhunderts")

2. Hochleistungsmitarbeiter

Hidden Champions schaffen - und profitieren von - Bedingungen, die eine extrem geringe Fluktuation erzeugen. Hochleistung erreicht man nur mit einer Mannschaft, die eine starke Motivation und Identifikation mit dem Unternehmen aufweist. Grundlage hierfür ist die Selektion der richtigen Mitarbeiter.

3. Dezentralisierung

Manche Hidden Champions stoßen mit engen Märkten und hohen Marktanteilen an Wachstumsgrenzen. Sie gehen den Schritt in die Diversifikation. Um ihre traditionellen Stärken nicht zu gefährden, wählen sie die konsequente Dezentralisierung - in der Regel bis hin zu rechtlich eigenständigen Firmen.

4. Fokus

Fokussierung bietet normalerweise die einzige Chance, Weltklasse zu werden. Hidden Champions fokussieren ihre beschränkten Ressourcen besser als andere und bleiben bei dieser Richtung, bis sie die Spitzenposition erreicht haben. Dabei ist die Definition des Spielfelds selbst Bestandteil der Fokussierung.

5. Globalisierung

Nichts verändert die Welt in den nächsten Jahrzehnten stärker als die Globalisierung. Für Unternehmen, die diesen Wandel nutzen, eröffnen sich ungeheure Wachstumschancen. Der Aufbau weltweiter Produktions- und Vertriebssysteme dauert jedoch oft genug mehrere Generationen. Zunächst internationalisieren sich die Umsätze, dann folgt das Personal und als Letztes das Management.

Die meisten Hidden Champions stecken mit ihren Strategien und dem Umsetzen in der Praxis mitten in diesem Prozess. Simon: "Um die Chance zu nutzen, muss man seine nationalen Beschränkungen ablegen und große Ausdauer mitbringen."

6. Innovation

Die meisten Hidden Champions planen massive Innovationsaktivitäten. Sie integrieren dabei Markt und Technik als gleichwertige Antriebskräfte. Diese Ausgewogenheit gelingt nur wenigen Großunternehmen. Innovation ist in erster Linie eine Frage von Kreativität und Qualität - keineswegs nur eine Sache des Geldes.

7. Kundennähe

Kundenorientierung ist für den Erfolg der Hidden Champions wichtiger als Wettbewerbsorientierung. Die langjährige Kundenbeziehung ist ihre größte Stärke. Denn es gilt: Hochleistung für Kunden führt automatisch zu Wettbewerbsvorteilen. Simon: "Topkunden ähnlich wie Topkonkurrenten als Leistungstreiber einsetzen."

Geschäftsführer Wolf Dietrich Meier-Scheuven führt das Familienunternehmen in der vierten Generation. Sein Urgroßvater Otto Boge hat die Firma 1907 gegründet. Boge war ein Tüftler, er entwickelte Türschließer und Motorräder. Doch schon in den 20er-Jahren baute er die ersten Kolbenkompressoren und erkannte schnell den wirtschaftlichen Vorteil dieses Produktes: Kompressoren können das ganze Jahr über verkauft werden, und zwar mit großer Marge an Geschäftskunden.

Heute arbeiten bei Boge 650 Mitarbeiter an Standorten auf vier Kontinenten, der Großteil jedoch in Bielefeld. Der Mittelständler erwirtschaftet mehr als 60 Prozent seines Umsatzes im Ausland. BMW in China nutzt Boge-Kompressoren und Mumm Sekt richtet seine Etiketten mit Druckluft „made in Bielefeld“ aus. Das internationale Flair ist recht neu bei Boge. Als Meier-Scheuven 1994 das Geschäft von seinem Vater Wolfgang übernahm, hatte das Unternehmen fast nur Kunden aus Deutschland. „Mein Vater ist nie in seinem Berufsleben geflogen, daher war unsere Expansion begrenzt.“ Lediglich in den Nachbarländern Holland und Belgien gab es Tochtergesellschaften.

Als erste Amtshandlung entwarf der neue Geschäftsführer eine Strategie, um das Unternehmen international auszubauen. Trotzdem war sein Ziel damals ziemlich bescheiden: „Ich wollte die Firma mindestens so gut weitergeben, wie ich sie übernommen hatte“, erinnert sich Meier-Scheuven. Das hat er geschafft: Während das Geschäft in Deutschland gleich geblieben ist, hat sich der weltweite Umsatz verdreifacht und soll in diesem Jahr 120 Millionen Euro betragen.

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