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25.12.2014

09:51 Uhr

Büttenpapierfabrik Gmund

Wo die Yahoo-Chefin ihre Einladungskarten kauft

VonTimo Steppat

Ob edle Weihnachtsgrüße, das Papier für die Oscar-Verleihung oder Einladungskarten für Marissa Meyer – Gmund ist Marktführer für teures Papier. Aber das exklusive Image kann auch zum Verhängnis werden. 

Wenn in Hollywood der Oscar verliehen wird, ziehen die Laudatoren den Namen des Gewinners aus einem goldenen Umschlag – ein Umschlag aus Gmund. Pressebild

Wenn in Hollywood der Oscar verliehen wird, ziehen die Laudatoren den Namen des Gewinners aus einem goldenen Umschlag – ein Umschlag aus Gmund.

MünchenEs ist die Zeit der Grußkarten. Besinnliche Weihnachtsfeiertage werden gewünscht, meistens auch gleich ein guter Start ins Jahr 2015. Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass eine der Karten, die auf Ihrem Schreibtisch liegen, aus schwerem Papier aus Oberbayern gefertigt ist. Es hängt davon ab: Wie viel sind Sie Ihren Geschäftspartnern wert?

Caroline Pastor könnte das auf der Stelle sagen: Ob das Papier einer Weihnachtskarte aus Gmund stammt oder nicht. Ob sie also 50 Cent kostet oder fünf Euro. Die PR-Chefin der Büttenpapierfabrik Gmund streicht über Papierbögen. „Das ist aus Leinen“, sagt sie, „das aus Zellstoff.“ Ein anderes ist mit Steinstaub beschichtet, es soll sich wie Beton anfühlen.

Pastor reicht die vielen Proben weiter. „Fühlen Sie mal.“ Sie nennt Stärken, Schwere, Beschichtungen. Papier ist hier eine sehr ernste Sache, Handwerks- und Ingenieurskunst. Am Tegernsee, 50 Kilometer von München entfernt, gibt es seit 190 Jahren eine Papierfabrik, die so heißt wie der Ort, in dem sie steht: Gmund. Ein mittelständisches Unternehmen, 128 Mitarbeiter. Im sehr exklusiven Papiersegment ist Gmund, wie man beim Verband der Papierindustrie erfährt, unangefochtener Marktführer.

Die Papierindustrie schrumpft

Weniger Umsatz

Seit Jahren nimmt der Umsatz in der Papierindustrie ab. 2013 sank er in Deutschland um 2,5 Prozent. Bei den graphischen Papieren, der Druckpapierindustrie also, gab es sogar ein Minus von über fünf Prozent. Dass weniger Zeitungen und Bücher gedruckt werden, darunter leiden nicht nur die Medienhäuser, sondern auch die Zellstoff- und Papierindustrie.

Verschiebung in der Branche

Ein Branchenzweig federt die Entwicklung zum Teil ab: Die Verpackungsindustrie hat in Deutschland gut zu tun (2013 ein Plus von 2,4 Prozent). Egal, ob im Internet bestellt wird oder Güter exportiert werden - es braucht eine Verpackung. Deshalb vollzieht sich eine Verschiebung innerhalb der Branche: Während die graphischen Papiere lange dominierend waren, wachsen die Anteile von Verpackungsindustrie und Hygienepapierherstellung am Gesamtumsatz.

Verluste und Belastungen

Sie reichen allerdings nicht aus, um die Verluste völlig aufzufangen. Die Produktion der Papierbranche sank 2013 um 0,9 Prozent. Eine weitere Belastung ist der Anstieg von Energiekosten: Laut Statistischem Bundesamt machen die Stromkosten sieben Prozent der Kosten der Papierindustrie aus. 

Import und Export

Der deutsche Markt ist für die Papierindustrie wichtig. Nach Deutschland wird am meisten Papier weltweit importiert – einen besonderen Stellenwert nehmen Finnland und Schweden als Exporteure ein. Als Produzent ist die deutsche Papierindustrie selbst auf Platz eins in Europa, international auf Platz vier nach China, USA und Japan. Die Auslandsquote von 41 Prozent ist vergleichsweise niedrig. 75 Prozent der deutschen Papierproduktion wird wiederum exportiert – zum Großteil in den EU-Raum. Der wirtschaftliche Abschwung im Süden Europas führte 2013 dazu, dass der Export um drei Prozent sank.

Das Mekka der Papierherstellung

In den vergangenen 15 Jahren ist Asien weltweit zur bedeutendsten Region in der Papierherstellung aufgestiegen. Im Jahr 2000 lag der Marktanteil noch bei 24 Prozent, 2013 machen asiatische Papierproduzenten bereits 40 Prozent aus. Gleichzeitig verlor Nordamerika massiv an Bedeutung: Im gleichen Zeitraum sank der Marktanteil von 40 Prozent auf 29. Europäische Hersteller konnten ihre Anteile in etwa halten. Deutschland produziert gut fünf Prozent des weltweiten Papiers. 

Der Büttenpapierfabrik geht es nach eigenem Bekunden bestens. Die Geschäftszahlen veröffentlicht das Familienunternehmen nicht, auch wie viel Papier hergestellt wird, ist ein Geheimnis. Aber die Zahl der Mitarbeiter steige „langsam, aber stetig“, heißt es, der Umsatz wächst seit fünf Jahren - zum Teil im starken zweistelligen Prozentbereich. 2008 und 2009 bekam die Erfolgsgeschichte eine Delle, auch in der bayerischen Provinz schlug die Wirtschaftskrise zu. Dann aber ging es bei Gmund wieder bergauf – im Gegensatz zum Rest der Branche. Die Papierindustrie schrumpft. Besonders den Druckpapierherstellern geht es schlecht: Der Markt ist überschwämmt, die Preise im Sinkflug.

Papier ist schließlich von gestern. Nachrichten lesen viele im Netz, nicht mehr auf dünnen Zeitungsbahnen. Zu umständlich, zu teuer. Nicht wenige Firmen sind stolz, dass sie fast vollständig auf Papier verzichten. Notizen werden ins Smartphone getippt und wer schreibt heute noch Briefe? Alles digital, auch der Umwelt zuliebe.

Marissa Meyer soll auch zu diesen Menschen gehören, die ihr Leben fast ausschließlich digital, papierlos führen. Als die heutige Yahoo-Chefin vor ein paar Jahren heiraten wollte, kam sie nach Gmund. Sie suchte nach dem richtigen Papier für ihre Hochzeits-Einladungen. Es sollte etwas Besonderes sein.

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