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21.01.2009

13:45 Uhr

Christiane Selten

Die Erbin der Serengeti

VonChristoph Mohr

"Serengeti darf nicht sterben", forderte einst der bekannte Zoologe Bernhard Grzimek in einem seiner Filme. Christiane Schelten tritt nun sein Erbe an. Die promovierte Ökologin lebt als Programm-Managerin der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt mitten in der "endlosen Ebene". Eine Privilegierte unter wilden Tieren.

Die Weite der Serengeti ist das Arbeitsumfeld der Ökologin Christiane Selten. Foto: Reuters Reuters

Die Weite der Serengeti ist das Arbeitsumfeld der Ökologin Christiane Selten. Foto: Reuters

Es ist das Erbe Bernhard Grzimeks. Mit "Serengeti darf nicht sterben" (1959) schuf der legendäre Direktor des Frankfurter Zoos, der mit seiner TV-Sendung "Ein Platz für Tiere" so etwas wie ein regelmäßiger Gast in deutschen Wohnzimmern wurde, nicht nur einen Oskar-preisgekrönten Tierfilm. Er half auch mit, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, ein Jahrtausende altes Ökosystem, ein einmaliges Stück afrikanischer Natur, zu erhalten. Heute ist die Serengeti Unesco-Weltnaturerbe.

Die promovierte Meeresökologin Christiane Schelten, 36, arbeitet als Programm-Managerin der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt genau dort, wo Grzimek Gazellen und Gnus, Löwen und Zebras, Giraffen und Hyänen filmte und schützte. "Das Büro der Zoologischen Gesellschaft befindet sich mitten im Serengeti-Nationalpark in Tansania", sagt Schelten. Bis zum Rand des Parks, den die Massai Siringitu, "die endlose Ebene", nennen, ist es eine gute Stunde mit dem Auto. Ein paar Häuser der Frankfurter gibt es hier, sonst nichts.

"Von hier aus koordinieren wir alle Projekte, die wir in Afrika haben. Zum einen natürlich die Projekte in Tansania selbst, dann aber auch im Kongo, in Zimbabwe, Sambia, Kenia und Äthiopien." Kein Job unter wilden Tieren: "Ich verbringe viel Zeit im Büro vor dem Computer. Wir helfen den Projektleitern vor Ort mit der Logistik und geben ihnen jegliche Unterstützung, die sie benötigen. Zudem kümmere ich mich um Administration, Buchhaltung und Öffentlichkeitsarbeit." Papierkram, Rechnungen, viele E-Mails und Telefonate.

Kontakt mit den wilden Tieren gibt es trotzdem. "Ich wohne mit meinem Mann und unserem 16 Monate alten Sohn in einem schönen, großen Haus mitten im Park. Nachts können wir die Löwen, Hyänen und Nilpferde hören. Und tagsüber kommen uns die Giraffen besuchen, wenn wir auf der Terrasse sitzen. Zäune gibt es hier nicht." Angst habe sie nie, sagt die Naturschützerin, auch wenn große Nilpferde nur zehn Meter an ihr vorbeilaufen. "Und die können wirklich gefährlich werden." Aber sie habe das Gefühl, dass sie so etwas wie einen Vertrag mit den Wildtieren habe: "Wir respektieren sie, und sie respektieren uns." Besuch nicht ausgeschlossen: "Manchmal verirrt sich schon einmal eine Schlange ins Haus", lacht Schelten. "Aber damit lernt man umzugehen." Nur frei bewegen kann man sich nicht. "Joggen geht nicht, und auch um ins nächste Dorf zu kommen, muss man immer das Auto nehmen."

"Natürlich ist es oft nicht einfach, wenn man so weit vom Schuss wohnt", sagt die junge Mutter, die für die Hausarbeit und Kinderbetreuung eine einheimische Hilfe hat. "Wir müssen immer planen, wann wir einkaufen, wie viel und was, und wenn wir kein Obst und Gemüse haben, dann muss das richtig organisiert werden. Da kann man nicht einfach mal um die Ecke in den Supermarkt gehen." Genauso sieht das auch mit Arztbesuchen aus. "Wenn mein kleiner Sohn Fieber bekommt, dann müssen wir schon einige Stunden reisen, um einen Arzt aufzusuchen. Aber hier hilft man sich gegenseitig und die Ärzte sind bereit, Ferndiagnosen zu stellen. Außerdem gibt es für den Notfall ja auch noch die Flying Doctors, und die Zoologische Gesellschaft hat eine kleine Cessna." Ein einsames Leben ist es trotzdem nicht: "Oft sitzen alle deutschen Mitarbeiter abends zusammen", berichtet Schelten. Das Klima verführt dazu: "Wir leben zwar nur ein paar Grade südlich vom Äquator, aber auf ungefähr 1500 Meter Höhe. Tagsüber kann es schon über 30 Grad werden, aber abends ist es immer angenehm." Die Station der Zoologischen Gesellschaft mit ihrem eigenen Gästehaus ist auch Anlaufstation für Forscher aus aller Welt. "Wir haben ständig Besuch hier", zerstreut Schelten die Vorstellung von einem ruhigen Leben. Und natürlich gibt es die Tansanier selbst, die eigenen Angestellten der Zoologischen Gesellschaft, die Angestellten und Offiziellen der Parkverwaltung. Die unterstützen die Deutschen auch materiell, stellen Autos und anderes Gerät. "Ich finde die Einstellung der Einheimischen zum Naturschutz überwältigend", sagt Schelten. "In Tansania gibt es jetzt 15 Nationalparks; der letzte wurde erst im vorigen Jahr eingerichtet. In den Nationalparks gibt es keine Siedler, keinen Ackerbau und auch keine Viehzucht. Sie sind wirklich nur für die wilden Tiere da." "Die Menschen sind hier wirklich sehr freundlich. Ich glaube, ich habe mich hier noch nie in einer Situation befunden, in der ich mich unwohl oder sogar bedroht gefühlt habe. Die Menschen zeigen hier sehr viel Respekt, besonders auch älteren Menschen gegenüber." Andere Länder, andere Sitten: "Es ist schon merkwürdig, wenn man mitten in einem sehr ernsten Gespräch mit einer Person ist, und diese plötzlich anfängt, sich intensiv in der Nase zu bohren", beschreibt Schelten ihre überraschendste Erfahrung mit den Tansaniern. Für die Zukunft jedenfalls hat sich die Deutsche vorgenommen, noch mehr die Landessprache Kisuaheli zu lernen. Die Bantusprache, auch als Suaheli bekannt, ist die am meisten verbreitete Verkehrssprache Ostafrikas und Amtssprache in Tansania. "Unsere tansanischen Angestellten im Büro sprechen alle sehr gut Englisch. Da ist es für mich schwer, mein Kisuaheli anzuwenden. Aber wenn ich in der Serengeti Projekte besuche, dann ist es schon mal so, dass auf einem Meeting nur Kisuaheli gesprochen wird." Schelten, die ihren gegenwärtigen Job über eine Stellenanzeige im Internet fand, als sie zwei Jahre lang auf South Caicos, einer 1000-Einwohner-Insel der karibischen Turks und Caicos, lebte, verspürt keine große Neigung, nach Deutschland zurückzukehren, wohin sie gegenwärtig nur einmal im Jahr fliegt. "Es ist unberührte, wilde Natur um uns herum - wir sind die Gäste in dieser Wildnis und werden von den Einwohnern wie den Löwen und Hyänen geduldet. Nicht andersherum. So etwas gibt es kaum noch auf der Welt. Darum gefällt es uns so gut. Es ist ein Privileg."

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