Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

25.01.2005

07:39 Uhr

Der Mittelstand schmollt

Das Handwerk ärgert sich über Verheugen

VonMichael Scheerer (Handelsblatt)

Hanns-Eberhard Schleyer kaut schwer an seinem Kalbskotelett, das beim Jahresempfang des deutschen Handwerks in Brüssel serviert wird. Dem Generalsekretär des Handwerksverbandes ZDH ist der Appetit vergangen. EU-Industriepolitik, so stellt er resigniert fest, sei wohl eher „eine Sache für die Vorstandsvorsitzenden großer Automobilkonzerne“. Mittelstand und Handwerk stünden weiterhin „im Abseits“.

BRÜSSEL. Dieser „bedauerliche Trend“ sei beim Antritt des neuen deutschen Industriekommissars Günter Verheugen nicht zu erwarten gewesen.

Die Verbandsoberen des ZDH sind frustriert. Denn mit Verheugens Wechsel vom Erweiterungsressort zur Industriepolitik hatten sie die Hoffnung verbunden, dass der Mittelstand in Brüssel endlich einen durchsetzungsstarken Fürsprecher findet. Verheugen selbst hatte diesen Optimismus geschürt, als er letzten November bei seiner Anhörung im Europäischen Parlament versprach, die Interessen der rund 25 Mill. Handwerker und Kleinunternehmer in Europa ernster zu nehmen, als dies seine Vorgänger getan hatten.

Doch inzwischen ist die Hoffnung verflogen. Ernüchterung macht sich breit über einen Industriekommissar, der sich nach dem Geschmack des ZDH zu intensiv um die Konzerne kümmert. Verheugens Auftritt an der Seite des VW-Vorstandsvorsitzenden Bernd Pischetsrieder in Brüssel in der vorvergangenen Woche lässt laut Schleyer erahnen, „wer auch künftig in Brüssel die Agenda setzt“.

Auch beim Blick auf die neue Generaldirektion Unternehmen trübt sich die Miene der Handwerkslobbyisten. Das für den Bereich kleine und mittlere Unternehmen (KMU) zuständige Personal sei „quantitativ zurückgefahren“ worden, heißt es.

Das neue Programm der Kommission zur Stärkung der europäischen Wirtschaft, das Verheugen und EU-Kommissionspräsident José Barroso nächste Woche präsentieren wollen, haben die ZDH-Experten schon jetzt als ungenügend abgehakt. Ein eigenes Kapitel zur Mittelstandsförderung sei darin nicht enthalten. Besseren Zugang zu Risikokapital sollten lediglich Betriebe in besonders innovationsfreudigen Sektoren erhalten. Dies seien aber nur zwei Prozent der mittelständischen Wirtschaft.

Verheugens Sprecher weist die Kritik der Mittelständler als „voreilig“ zurück. „Wir haben ganz viele Ideen, wie man den Mittelstand in Europa nach vorne bringen kann“, versichert der Sprecher. Stichworte seien Bürokratieabbau, Erleichterung von Unternehmensgründungen und bessere Finanzierung von Investitionen. Noch im Februar werde sich Verheugen mit einer ersten Initiative zu Wort melden.

Der ZDH ist sehr gespannt, ob der Deutsche den Ankündigungen wirklich Taten folgen lässt. Seit 15 Jahren würden in Brüssel Sonntagsreden über die Bedeutung des Mittelstandes gehalten. Doch noch nie seien die „schönen Programmüberschriften“ mit Leben gefüllt worden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×